Warum kann ich mich nicht entscheiden?

Im Job, in der Liebe, beim Sofakauf - ich weiß nie, was ich will. Die kleinen Entscheidungen, die unseren Alltag bestimmen.

1. Egal, ob es um Klamotten oder das Menü im Restaurant geht: Warum weiß ich nie, was ich will? Weil wir zu viele Wahlmöglichkeiten haben. Das ist zwar auf der einen Seite wahnsinnig attraktiv, doch auf der anderen Seite hat man immer das Gefühl: "Egal, wofür ich mich entscheide, es gäbe noch eine bessere Variante."

2. Das heißt, ich sollte mich mit mehr Kompromissen zufrieden geben? Nein, das müssen Sie nicht. Aber Sie sollten bedenken, dass es Perfektion so gut wie nie gibt. Wenn man glaubt, man könnte sie doch finden, verbraucht man unglaublich viel Zeit beim Abchecken aller Möglichkeiten. Deshalb ist es wichtig, sich hin und wieder zu fragen, ob der Aufwand für die Suche wirklich noch im Verhältnis zum Nutzen steht.

3. Oft, wenn ich etwas gekauft habe, spüre ich das drängende Gefühl, es wieder umtauschen zu wollen ... Das kann man physiologisch erklären: Die erhöhte Konzentration der Glückshormone, die die Euphorie vor einem Entschluss aufrechterhält, sinkt in dem Augenblick wieder ab, in dem das Problem gelöst, also die Entscheidung getroffen ist. Dann stellt sich ein Gefühl der Ernüchterung ein. Hält man die "Beute" in der Hand, kann man nur enttäuscht sein. Weil sich herausstellt, dass das Gekaufte doch nicht so toll ist, wie man dachte. Sofort kommen Zweifel auf, sich falsch entschieden zu haben.

4. Neulich habe ich sogar ein Sofa im Internet ersteigert, das mir gar nicht gefiel. Bis ich das wieder los war ... Das ist noch mal ein besonderer Fall. "Durch den Zeitdruck beim Steigern wird die Begehrlichkeit auf ein Objekt verstärkt", so Dr. Doris Märtin, Autorin und Coach. Logische Argumente ("Brauch ich nicht!") haben da gar keine Zeit, bis ins Bewusstsein vorzudringen. Man will es in diesem Moment einfach nur haben. Und hinterher ärgert man sich.

5. Was kann denn dahinterstecken, wenn man immer auf der Suche nach dem Besten ist? Psychologen gehen davon aus, dass sich hinter dem Drang, das Beste haben zu wollen, und der damit verbundenen Unfähigkeit, sich zu entscheiden, die Angst verbergen kann, Fehler zu machen. Man fürchtet, von anderen komisch angeschaut zu werden oder Kritik zu ernten. Manchmal können auch real getroffene Fehlentscheidungen in der Vergangenheit die Ursache der Entschluss-Unfreudigkeit sein. Man traut sich dann einfach kein zuverlässiges Urteil mehr zu. Zum Glück sind unsere neuronalen Netzwerke, in denen Erlebnisse gespeichert werden, sehr wandlungsfähig. Wenn man sich ein paar Mal gut entschieden hat, verblassen die negativen Erfahrungen und werden durch die positiven ersetzt.

6. Kann man also lernen, sich schneller zu entscheiden? Ja, es ist falsch, zu glauben, man hätte für immer ein Problem. Wichtig beim Lernen: kleine Hilfsstrategien nutzen, um zu Erfolgserlebnissen zu kommen, damit sich im neuronalen Netzwerk auch tatsächlich etwas verändert. Dr. Doris Märtin empfiehlt, bevor man zum Shoppen loszieht, erst einmal konkrete Fragen zu formulieren:"Wer, wie, wo, was?", um das "Problemfeld Hosenkauf" einzugrenzen. Im Laden wissen Sie dann: "Ich brauche eine klassische schwarze Hose, die ich ins Büro, aber auch mal ins Theater anziehen kann. Sie sollte nicht mehr als soundso viele Euros kosten." Nachdem Sie sich entschieden haben, sollten Sie überlegen, was funktioniert hat, was nicht. Das können Sie dann beim nächsten Mal besser machen.

7. Können sich Frauen schlechter entscheiden als Männer? Nein, auch wenn es manchmal so scheint. Eine Studie der Universität Heidelberg konnte nachweisen, dass es kaum Unterschiede gibt, wenn sich Männer und Frauen entscheiden sollen. Allerdings verlassen sich Frauen häufiger auf ihre Intuition als Männer.

8. Und wie merke ich, was meine Intuition mir mitteilen will? Signale wie die berühmten Schmetterlinge im Bauch oder das flaue Gefühl im Magen liefern Hinweise darauf, welche Entscheidung die richtige sein könnte. Versuchen Sie, auf solche körperlichen Anzeichen sensibel zu reagieren und sie ernst zu nehmen. Übrigens treffen wir zwischen 80 000 und 100 000 Entscheidungen pro Tag, 90 Prozent davon (wie Augenzwinkern) unbewusst. Vieles läuft auch automatisch ab, wie beispielsweise ein Überholmanöver auf der Autobahn - die Intuition funktioniert dabei ganz ohne unser Zutun. Nur 10 Prozent unserer Entscheidungen treffen wir bewusst.

9. Und wenn der Bauch SOS funkt? Soll ich mich z. B. nicht mit einer Bekannten treffen, die mir Job-Kontakte vermitteln könnte, weil ich vollkommen erschöpft bin? Wenn Ihr Gefühl signalisiert "Ich brauche eine Auszeit!" - unbedingt. Selbst auf die Gefahr hin, dass Ihre Bekannte verschnupft reagiert. Sie können ja eine klare Ansage machen und das Treffen verschieben. Ihnen geht es mit dieser Entscheidung sicher besser, weil Sie an diesem Abend nicht über Ihre Kräfte gegangen sind. Werden Absagen allerdings zu einem sich wiederholenden Mechanismus, um unangenehme Dinge zu umgehen, sollten Sie Ihr Verhalten prüfen.

10. Was ist, wenn ich sie durch die Absage für immer verprellt habe? Selbst wenn es so wäre: Man kann es im Leben nicht allen Menschen recht machen. Wichtiger, als die Bedürfnisse anderer zu erfüllen, ist es, zuerst sich selbst zu fragen, was man gerade braucht. Sie sollten Termine nicht nur deshalb wahrnehmen, weil andere bei einer Absage schlecht über Sie denken könnten.

Fotos: clipart Text: Ulrike Hilgenberg BRIGITTE Balance Heft 1/2007
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