Warum schämen wir uns? Und: Sollten wir überhaupt?

Ein angestaubtes Gefühl feiert sein Comeback: Macht uns das zu besseren Menschen, oder macht es uns einfach nur klein? Fragt sich Verena Carl.

He, Du da! Ja, genau Du! Sag mal, schämst Du dich nicht? Ist Dir eigentlich gar nichts peinlich? Wenn Du zwei Mal mit "Doch, klar" geantwortet hast, dann herzlichen Glückwunsch: du bist total im Trend. Scham ist das Gefühl der Saison, die Geschmacksrichtung des Monats, und hat reelle Chancen, in Kombination mit dem Wort "Flug" zum "Wort des Jahres" gekürt zu werden. Ein Wort aus dem Schwedischen ("flygskam"), das ein Sportmoderator aus Greta-Land geprägt haben soll: Der ließ sich vertraglich zusichern, dass er per Bahn zu seinen Einsatzorten reisen darf.

Trennung, Liebeskummer

Zurück ins Teenager-Alter? 

Damit wir uns richtig verstehen: Die Debatte um Klimawandel, CO2-Steuer und persönliche Verantwortung ist wichtig und überfällig. Trotzdem fällt es auf, dass dazu ausgerechnet ein Gefühl wie Scham aus der Mottenkiste gezogen wird. Ein emotionaler Retro-Trend aus Zeiten, in denen kleine Kinder in die Ecke gestellt wurden, um über vermeintliches Fehlverhalten nachzudenken. Und an die eigene Teenager-Zeit, diese Peinlichkeits-Epoche, in der man sich innerlich zusammenkrampfte, wenn ein Spruch nicht so cool rüberkam wie geplant. Und es gilt nicht nur für Umweltthemen. Wir sollen uns ja auch schämen, wenn wir das Falsche essen oder zu viel Auto fahren. Und wenn wir angesichts der #MeToo-Debatte unser Leben Revue passieren lassen: Steigt uns da nicht auch die Röte ins Gesicht, weil wir Situationen heute anders einordnen? Das angeschickerte Gefummel damals auf der Weihnachtsparty: gar nicht harmlos, sondern beschämend, vor allem für den Mann, der ungefragt angefangen hat?

Nun könnte man sagen: Das ist der Zweck der Übung. Wer sich schämt, der tut es, weil er sich selbst bei einer Grenzüberschreitung ertappt, und es ist gut, diese Grenzen immer wieder neu zu vermessen. Siehe ökologischer Fußabdruck, siehe Selbstfürsorge, siehe Geschlechtergerechtigkeit. Aber ich werde den Verdacht nicht los: Aus Scham entsteht selten etwas Gutes. Außer vielleicht im Leben schwedischer Sportmoderatoren. Weil sie uns verängstigt, isoliert, zu Selbstverzwergung führt und im schlechtesten Fall zu einer genauso kindlichen Gegenreaktion. Nämlich Trotz. Kennt jede, die schon mal selbst ihre eigenen Gesünder-Leben-Pläne torpediert hat.

Wir sollten uns weniger schämen

Die Laufschuhe stehen lassen und mit Netflix auf dem Sofa geblieben, zum Weißmehlbrötchen gegriffen statt zur Vollkornschnitte? Pah: Dann ist jetzt alles egal, darauf ein paniertes Schnitzel. Unbedacht ein Unwort geäußert im Netz, Minderheit beleidigt, Mini-Shitstorm ausgelöst? Pff: Ich kann’s eh niemandem recht machen, dann sag ich gar nichts mehr. Andere, nicht minder paradoxe Schlussfolgerung: Weil wir uns schämen, gehören wir automatisch zu den Guten, das muss reichen. Dazu passt eine aktuelle Studie des Umweltbundesamtes, die besagt: Flugscham ist unter Grünen-Wähler*innen am stärksten ausgeprägt – gleichzeitig ist das die Gruppe, die am häufigsten fliegt.

Ich finde: Wir sollten uns nicht mehr, sondern weniger schämen. Uns weniger ängstlich umblicken nach dem Urteil der anderen. Aufhören, andere zu erziehen, es sei denn, die sind unter 18 und die eigenen Kinder. Sondern erwachsener werden, erwachsen bleiben, Verantwortung übernehmen. Radtour nach Regensburg statt Billigflieger nach Bali? Super Idee. Aber nicht, weil wir gelobt werden wollen. Sondern weil wir es so wollen. Alles andere wäre doch, ganz ehrlich: ein bisschen peinlich.

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BRIGITTE 20/2019

Wer hier schreibt:

Verena Carl
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