Seit ich eines verstanden habe, fühle ich mich jeden Tag stärker

Stark sein? Gar nicht immer so leicht, vor allem, wenn man schlecht geschlafen hat. Doch unsere Autorin hat einen Weg gefunden, wie sie jeden Tag stärker wird – egal, wie ausgeschlafen sie ist. 

Ganz ehrlich? Ich war nie ein großer Fan vom Stark-Sein! Immer Kopf hoch, durchhalten, Zähne zusammenbeißen, sich keine Blöße geben, sich nicht von seinen Gefühlen aus der Bahn werfen lassen, sogar aus seinen Schwächen noch Stärken machen – das klingt für mich einfach nur mega stressig. Und (zumindest in meinem Fall) krass nach verstellen und schauspielern. Aber mittlerweile habe ich geschnallt, dass Stark-Sein etwas anderes bedeuten muss – und genau das Besagte eben nicht ist.

Was bedeutet stark?

Starker Kaffee macht besonders wach, nach einem starken Caipi sollte im Idealfall jemand besonders auf mich aufpassen und ein starker Akzent ist besonders sexy (oder supersüß, wenn es Holländisch ist!). Bei all diesen Dingen bedeutet das Wort "stark" sowas wie intensiv, und zwar bezogen auf die Eigenschaft, die das jeweilige Ding am meisten auszeichnet (beim Kaffee das Koffein, beim Caipi der Cachaça, beim Akzent die Abweichung von der Sprechweise eines Muttersprachlers).

Warum sollte "stark" bezogen auf den Menschen plötzlich etwas völlig anderes bedeuten? Denn: Wenn ich mich zum Beispiel von meinen Gefühlen nicht aus der Bahn werfen lasse oder die Zähne zusammenbeiße, mache ich exakt das Gegenteil von dem, was für mich "intensiv leben" wäre. Schließlich merze ich ja, wenn ich meine Emotionen ignoriere, einen wichtigen Teil meiner Persönlichkeit aus. 

Stärke darf Menschen nicht kaputt machen

Außerdem: Ich mag starken Kaffee, Stärke ist für mich etwas Positives! Menschen dagegen, die sich beispielsweise keine Blöße geben oder niemals scheitern, mag ich überhaupt nicht. Die finde ich strunz unsympathisch! Und glücklich und erfolgreich sind die in der Regel auch nicht.

Ich habe zum Beispiel mal in einem Job und Team gearbeitet, in dem die beiden Vorgesetzten niemals Fehler gemacht haben – es waren immer die anderen! Und das, obwohl beide tierische Kontrollfreaks waren und auf absolut alles ein Auge hatten. Total crazy! Einer der beiden hat ungefähr 80 Stunden die Woche gearbeitet, mit Ende 40 hatte er schon zwei Schlaganfälle. Beide Male verzichtete er auf eine lange Reha und war schon nach jeweils vier Wochen wieder im Büro. Infolgedessen humpelte er und man konnte ihn nur schwer verstehen, weil er nuschelte – immerhin darf er nun ganz legal auf dem Behindertenparkplatz parken ... Der andere überarbeitete sich zwar nicht so krass, aber seit seiner Scheidung tyrannisierte er das Team, den Schlaganfall-Vorgesetzten und mich, wo er nur konnte. Manchmal roch man seine Alkohol-Fahne, sein auffällig rot gesprenkeltes Gesicht sah man immer. 

Diese beiden Männer wollten stark sein, aber sie hatten eine völlig falsche Vorstellung davon, was das ist (so ähnlich wie ich früher!). Und damit zerstörten sie nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch andere – für mich waren es jedenfalls die schlimmsten zwei Jahre meiner bisherigen Berufslaufbahn.

Ein starker Mensch ist ... 

Wie aber, wenn nicht fehlerfrei und unverletzlich, muss ein Mensch sein, damit man ihn guten Gewissens als stark bezeichnen und bewundern kann? Für mich ist das mittlerweile ganz klar: Er muss besonders menschlich sein!

Menschlichkeit ist doch beim Menschen das, was beim Kaffee das Koffein ist. Menschlichkeit zeichnet uns als Menschen aus und unterscheidet uns von Quallen, Caipis und Sternen. Und Menschlichkeit finde ich toll! Schließlich schließt sie so großartige und liebenswerte Dinge wie Nächstenliebe, Unperfektheit, Makel, Teamgeist, Sehnsucht, Bedürfnisse, bewussten Genuss, Fehlbarkeit, Sensibilität, Streben nach Glück und Kreativität mit ein. Meine größten Vorbilder und Inspirationen (meine Eltern, meine große Schwester, ein paar Blogger) sind auch alle total menschlich.  

Außerdem: Drei der typischsten menschlichen Eigenschaft sind ja wohl ...

  • unser Sozialsinn: Unsere ganze Gesellschaft und Realität funktioniert nur dadurch, dass wir zusammenarbeiten. Ohne die anderen wäre jede und jeder von uns am Arsch.
  • unsere Individualität: Wir sind alle waaaahnsinnig unterschiedlich und einzigartig!
  • und unsere Lernfähigkeit: Wir lernen und entwickeln uns unser Leben lang aufgrund unserer Erfahrungen (und der Fehler, die wir machen!).

Damit ist für mich alles Wichtige, was ich übers Stark-Sein wissen muss, geklärt:

  1. Gemeinsam sind wir immer am stärksten!
  2. Stark-Sein hat knapp 7,7 Milliarden Gesichter!
  3. Ich werde mit jedem Tag ein Stückchen stärker (weil ich offen dafür bin, an meinen Erfahrungen und Fehlern zu wachsen)!

Also für mich passt das so. Und schon klingt Stark-Sein gar nicht mehr nach Stress und sich verstellen, sondern nach etwas Schönem und Erstrebenswertem. Schließlich muss ich dafür nichts weiter tun, als – aus vollem Herzen – ich zu sein!

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