Der Sonntag verrät alles über den wahren Charakter

Er wird geliebt, gefürchtet, gefeiert. Der Sonntag ist der Tag, der alles über unseren wahren Charakter und geheimen Ängste verrät.

Lieber doch keinen Sonntag

Er ist der Sigmund Freud unter den Wochentagen. Er legt deine Seele bloß, er konfrontiert dich mit Verdrängtem, er zwingt dich auf die Couch und in die Stille, wo du deinen eigenen Herzschlag hörst wie Donnerhall und deine inneren Stimmen dir Unerhörtes zuflüstern. Ich bin dem Sonntag stets mit Respekt und nicht selten mit Unbehagen begegnet. Dieser träge, zähe Ruhetag, an dem angeblich alle Zeit haben, aber trotzdem immer beschäftigt sind. Früher war es der Tag, an dem die anderen Kinder Ausflüge unternahmen, ihre Großeltern besuchten, mit ihrem Vater ein Baumhaus bauten und mit der ganzen Familie Braten aßen. Ich blieb zu Hause – Einzelkind, Opas und Omas lange tot, Vater blind und Mutter im Garten beschäftigt – und freute mich auf den Montag, den Alltag, an dem nicht auffiel, dass meine Familie keine Sonntagstraditionen pflegte.

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Seit ich selbst Kinder habe, haben meine Sonntage eine fremdbestimmte Struktur bekommen, die ich sehr willkommen heiße. Ausschlafen, Kirche, Fußballplatz, Oma besuchen, "Tatort" gucken. Geliebte Rituale, die mir wenig Zeit lassen, mir die Fragen zu stellen, mit denen mich jetzt das Buch von Constanze Kleis ("Sonntag! Alles über den Tag, der aus der Reihe tanzt") konfrontierte: "Ist der Sonntag langweilig, oder bin ich es? Kann ich am Ende nichts mit dem Sonntag anfangen, sondern nichts mit mir?" Muss ich mir wirklich unterstellen lassen, dass sich hinter meiner uralten Abneigung gegenüber Sonntagen eine Charakterschwäche verbirgt? Ich fürchte ja.

"Der Sonntag ist der letzte wahre Superheld", sagt Frau Kleis, die kluge Fachfrau für das Ende der Woche. "Er ist ein Demokrat, der allen ohne Ansehen der Person den gleichen Zeitwohlstand beschert. Wie man damit umgeht, bleibt jedem selbst überlassen. Oft zeigt sich sonntags, dass wir verlernt haben, zweckfrei zu leben. Selbst wenn wir auf dem Sofa rumliegen, machen wir gleich ein Achtsamkeitsseminar daraus. Sonntags lässt sich herausfinden, wer man sonst noch sein könnte – und nicht jedem Leistungsträger fällt es leicht, ohne Status auszukommen und nach dem Frühstück einfach nur der Franz zu sein, der die Garage aufräumt. Der Sonntag ist das Terrain für Partnerschaftspflege, und wenn man sich jedes Mal streitet, liegt’s höchstwahrscheinlich nicht am Sonntag, sondern an der Beziehung."

Der Sonntag ist das, was wir aus ihm machen

Aber wer nicht will, der muss sich den Forderungen des Sonntags nicht stellen. Waschmaschine, Bügelbrett, Internet und Computer bieten allzeit Ablenkung von uns selbst und unseren verborgenen Möglichkeiten. So ist der heilige Sonntag ganz allmählich zum zusätzlichen, unseligen Werktag verkommen, der zugemüllt wird mit all dem, was während der Woche liegen geblieben ist, und der immer weniger ein Tag der Selbstbegegnung und Muße ist.

Früher, im Jahr 1973, gab es vier autofreie Sonntage. Jeder, der sie erlebt hat, erinnert sich an die Spaziergänge über die stillen Autobahnen, an die wunderbare Leere, an die unerwartete Schönheit der Straßen und an das Gefühl, etwas Einzigartiges zu erleben. Genauso können Sonntage immer noch sein. Frei, leer und voller Überraschungen. Wenn man sie lässt, und wenn man sich traut.

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BRIGITTE 16/2019

Wer hier schreibt:

Ildiko von Kürthy
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