Was ich dir nie gesagt habe

"Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man ja nicht schweigen": Es gibt viele Sätze, die BRIGITTE-Autorin Regina Kramer nie ausgesprochen hat.

Im Garten standen die Onkel und die Cousinen, und die Tanten spielten mit den Enkeln. Wir feierten den Geburtstag meiner Mutter. Die saß auf einer Bank mit ihrer Schwester. Ich wollte gerade zu ihr gehen, da hörte ich die Schwester fragen: "Wie war das eigentlich damals für dich, als Regina von zu Hause weggegangen ist?" - "Furchtbar", sagte meine Mutter und erzählte weiter.

Sie konnte mich nicht sehen. Ich hatte einen Kloß im Hals. Natürlich erinnerte ich mich an meinen Auszug. Ich war zum Studium in eine andere Stadt gezogen, meine Mutter hatte mich dazu ermutigt, fast gedrängt. Ich sollte selbständig werden. Ich genoss mein aufregendes neues Leben und dachte kaum darüber nach, ob für sie diese Veränderung schwer sein könnte. Und nie, wirklich nie, hatte sie mir ein schlechtes Gewissen gemacht, weil ich sie allein ließ. Aber meine Mutter war allein. Meine Eltern waren seit einer Ewigkeit geschieden. Und meine Schwester war schon vor ein paar Jahren ausgezogen.

Und nun sah ich also meine Mutter dort auf der Bank sitzen. Warum bin ich nicht zu ihr gegangen und habe gesagt: "Ich dank dir, dass du mich hast laufen lassen"? Stattdessen ging ich in die Küche und half meiner Schwester beim Kuchenschneiden.

Das sagt deine Nase über deine Persönlichkeit aus

Bekenntnisse sind ein Risiko

Es gibt viele Sätze, die ich nie gesagt habe. Ich habe Zorn und Enttäuschung heruntergeschluckt. Ich habe mit Herzlichkeit gegeizt. Ich habe, ganz höflich oder ganz verlegen, kein Wort verloren über unpassende Geschenke oder Komplimente. Bekenntnisse sind ein Risiko, weil sie Grenzen übertreten. Wenn der andere sich von meinem Vorstoß überfahren fühlt, kann die Beziehung zu Bruch gehen. Wenn er das Bekenntnis als ein Angebot versteht, die Beziehung intensiver als bisher zu gestalten, Auseinandersetzung inbegriffen, kann mein Vorstoß eine Chance sein.

Reden - das einzige Kommunikationsmittel?

Das wäre ideal: Man spricht aus, was einem auf der Seele liegt. Der andere freut sich oder ist bereit, sein Verhalten zu ändern. Alles wird gut. Wenn das so wäre, würden wir mit nichts hinter dem Berg halten müssen. In Wirklichkeit drucksen wir herum, weil wir uns schämen und fürchten, missverstanden zu werden oder zu verletzen.

Unausgesprochene Sätze, die wichtig sind, können eine Beziehung blockieren. Geheimnisse können Nähe verhindern. Reden ist ein prima Kommunikationsmittel. Aber ist es das einzige?

Annäherung an eine alte Freundschaft

Ulla hatte mit ihrer langjährigen Freundin einen so heftigen Krach, dass sie sich drei Jahre aus dem Weg gingen. Dann trafen sie sich wieder, und Ulla war gerührt, wie viel Vertrautheit es noch gab. Dennoch blieben beide misstrauisch und reserviert. Ulla schrieb ein paar Briefe mit Sätzen wie "Ich hätte unsere Freundschaft gern so wie früher" oder "Du fehlst mir". Die Briefe schickte sie nie ab. Sie schämte sich. Viel zu viel Gefühl... Und außerdem hatte sie den Anspruch, alles klären zu müssen.

Also nahm sie sich bei jedem Treffen vor: Jetzt spreche ich den damaligen Konflikt an. Aber dann war die Situation unpassend, oder sie traute sich doch nicht, oder beide lachten gerade zusammen und waren ganz entspannt. Wie soll man da sagen: Weißt du, damals vor 100 Jahren, als du gesagt hast und ich gefühlt habe...

Ulla hat sich gegen das Reden über die Vergangenheit entschieden. Stattdessen unternimmt sie mit der Freundin viel, hört zu und erzählt von sich. So baut man aus neuen Erfahrungen miteinander neues Vertrauen zueinander auf. Manchmal umarmen sie sich beim Abschied zwei Sekunden länger als üblich. Dann wissen beide, wovon sie nie gesprochen haben und weshalb es heute keine Rolle mehr spielt.

... darüber kann man ja auch schreiben.

Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man ja nicht schweigen. Meine Mutter zum Beispiel habe ich viel später doch noch umarmt und mich bedankt, dass sie mich "in die weite Welt" geschickt hat. Wir waren beide verlegen, und bei mir sind wahrscheinlich auch eine oder zwei Tränen geflossen. Na und? Wenn das Herz ein bisschen weh tut, dann wächst es. Pflegte meine Großmutter zu sagen. Und wenn ich mit meiner Mutter doch nicht so deutlich geredet habe oder wenn sie es vergessen hat, dann kann sie es ja hier lesen. Worüber man nicht sprechen kann, darüber kann man ja auch schreiben.

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