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Therapeutin verrät fünf Lektionen, die wir aus der Krise lernen können

Was kann ich aus einer Krise lernen? Eine traurige Frau schaut durch einen Vorhang nach draußen
© Peerayot / Shutterstock
Sind Krisen einfach nur doof? Oder sind sie vielleicht doch zu irgendetwas gut ... zum Beispiel ... persönliche Weiterentwicklung? Wir haben das mal mit einer Psychotherapeutin bequatscht.

So wie es aussieht (wenn man sich zum Beispiel umschaut, erinnert oder mit jemandem unterhält), gehören Krisen zum Leben dazu: Mal machen wir sie alleine durch, mal mit unserem Partner oder unserer Familie, mal sind wir als Bewohner*in einer bestimmten Region oder als Angehörige einer Berufsgruppe betroffen und ab und zu erfasst eine Krise sogar die ganze Welt. Spätestens dann bleibt wirklich niemand mehr verschont ...

Krisen bieten immer eine Chance

Einerseits scheint es ein Unterschied zu sein, ob wir allein in einer Krise stecken oder zusammen mit anderen Menschen: Sind wir allein betroffen, müssen wir in der Regel selbst nach einem Ausweg suchen, sind wir es nicht, können wir darauf hoffen, dass es andere für uns tun. Andererseits unterscheiden sich selbst bei einer globalen Krise die jeweiligen Situationen der Betroffenen so sehr voneinander, dass auch die Wege damit umzugehen individuell und unterschiedlich sein müssen. Persönlich gefordert sind wir also so oder so. Das wiederum ist eine gute Nachricht, denn wenn wir gefordert sind, haben wir immer auch die Chance, uns weiterzuentwickeln – allerdings geht das nicht von allein.

"Dass wir an einer Krise wachsen, ist nicht grundsätzlich gegeben, sondern hängt davon ab, ob wir reflektiert und an einer persönlichen Weiterentwicklung interessiert sind.", sagt die Hamburger Psychotherapeutin Andrea vorm Walde. "Manche Menschen wandern von Krise zu Krise, ohne je dazu zu lernen." Doch selbst wenn wir reflektiert sind: Manchmal ist es gar nicht so leicht, die Lehren zu erkennen, die wir aus einer Krise ziehen können und sollten, um auch wirklich daran zu wachsen. Hat uns die Coronakrise zum Beispiel gezeigt, dass wir in Deutschland in einem gut organisierten System leben, das auf Solidarität basiert? Oder hat sie vielleicht offenbart, dass in schweren Zeiten die Schwächsten der Gesellschaft hängengelassen werden und jeder für sich selbst hamstert? Oder beides?

Damit uns die Weiterentwicklung ein bisschen leichter fällt, haben wir die Expertin um Vorschläge und Inspiration gebeten, welche Lektionen uns Krisen denn überhaupt so bieten. Denn so viel ist wohl klar: Wenn wir schon ab und zu durchs Elend müssen, soll es sich wenigstens lohnen!

5 Dinge, die wir aus einer Krise lernen sollten

1. Wir sind stärker, als wir denken

Es ist komisch, aber: Meistens entwickeln wir in einer Krise richtige Superkräfte! Obwohl wir uns immer für eine Chaos-Queen hielten, werden wir, wenn es darauf ankommt, plötzlich zum Organisationstalent. Drehen wir normalerweise durch, wenn wir uns auch nur ein bisschen in unserer Freiheit eingeschränkt fühlen, nehmen wir in einer Pandemie auf einmal gelassen hin, dass wir in Quarantäne müssen. "Viele unserer Fähigkeiten entdecken wir erst, wenn sie wirklich gefordert sind", erklärt die Therapeutin. "Insofern können Krisen unserem Selbstvertrauen einen ordentlichen Schub geben. Außerdem stellen wir durch sie oft fest, dass wir viel mehr aushalten können, als wir dachten. Auch das kann uns langfristig Selbstsicherheit vermitteln und Ängste abbauen."   

2. Wir finden immer einen Weg

In den meisten Krisen kommen wir an einen Punkt, an dem wir keinen Plan haben, wie es weitergehen soll, und einfach keinen Ausweg sehen – aber irgendwie schaffen wir es dann doch jedes Mal, zu improvisieren und uns wieder aufzurichten. "Viele Menschen entwickeln zum Beispiel gerade in schwierigen Zeiten die kreativsten Ideen, werden viel aktiver und effektiver und finden beeindruckende Lösungen, um sich selbst zu helfen", so Andrea vorm Walde. Dadurch lernen wir, zuversichtlich in die Zukunft zu schauen und besser damit klarzukommen, dass wir unser Leben nicht von A bis Z durchplanen können.  

3. Die Welt geht nicht so schnell unter

Viele von uns neigen dazu, Veränderungen oder Verdrängungen aus unserer Komfortzone für den Weltuntergang zu halten. Doch meistens sind selbst die schwierigsten Umstellungen und Krisen deutlich weniger schrecklich als befürchtet. "Je öfter wir die Erfahrung machen, dass gewisse Ängste, die wir hatten, eigentlich unnötig waren und unsere Vorstellungen schlimmer als das Problem, umso mutiger stellen wir uns neuen Situationen und Herausforderungen", sagt die Therapeutin. Und das ist sehr viel wert! Denn mit zunehmendem Mut gewinnen wir an Freiheit, Unabhängigkeit, Offenheit, Möglichkeiten zur Selbstentfaltung – und sogar an Lust, die Welt zu entdecken und erleben!

4. Wir halten zu viel für selbstverständlich

Die einfachen Phasen unseres Lebens, in denen alles glatt läuft, verbringen wir tendenziell damit, nach Dingen zu streben, von denen wir meinen, dass wir sie unbedingt bräuchten, um glücklich zu sein: Den Luxusurlaub in Dubai, die Beförderung im Job, den perfekten Booty und die dazu passende Jeans, den idealen Partner. Krisen zwingen uns dagegen oftmals dazu, uns einzuschränken und auf Essenzielles zu konzentrieren: Unsere Gesundheit, existenzielle Grundlagen, psychisches Wohlbefinden. Insofern "erden" sie uns und bringen paradoxer Weise Ruhe in unser Leben, indem sie unseren "Wettlauf zum Glück" einen Moment lang unterbrechen. Dafür geraten plötzlich all die großartigen Kleinigkeiten in unseren Blick, die wir sonst übersehen, auf die wir uns aber selbst in schwierigen Zeiten noch verlassen können: Dass die Sonne jeden Tag wieder auf- und untergeht, wir nicht einsam und allein auf dieser Welt sind, frische Luft zum Atmen haben, nicht hungern müssen ... Auch das schenkt uns ein Stück Unabhängigkeit – weil wir merken, dass wir weitaus weniger brauchen, um glücklich zu sein, als wir glaubten.

5. Manchmal müssen wir um Hilfe bitten

Über die Coronakrise wird oft gesagt, dass sie uns wie ein Vergrößerungsglas die Schwachstellen unserer Gesellschaft aufgezeigt hat. Tatsächlich können Krisen auch in Bezug auf uns selbst etwas Ähnliches bewirken: Toxische Bewältigungsstrategien, ungesunde Gewohnheiten oder Abhängigkeiten – Probleme, die wir im Alltag vielleicht ignorieren und unter den Teppich kehren können, kommen in einer Krise an die Oberfläche. Damit geben Krisen uns Klarheit und erleichtern uns oftmals eine Erkenntnis, mit der wir uns in ruhigen Zeiten leider viel zu schwer tun: Dass es völlig in Ordnung ist, um Hilfe zu bitten!

Andrea vorm Walde ist Therapeutin, Coach und Heilpraktikerin für Psychotherapie. Ihre Klienten betreut sie in einer Hamburger Praxis und online. Tipps von ihr gibt es außerdem regelmäßig auf ihrem Blog. Vielen Dank für das anregende Gespräch, liebe Frau vorm Walde!

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