Was Kinderlose ertragen müssen

Wenn andere Menschen sich rücksichtslos verhalten, kann Judka Strittmatter mit Kritik nicht zurückhalten. Ohne Ausnahme.

Ich bin eine Kinderlose – und als solche ist meine Meinung in Erziehungsfragen nicht erwünscht. Aber selbst die von anderen Eltern ist nicht mehr erwünscht, das war nicht immer so. Auch hierzulande mochte man einst das afrikanische Sprichwort, wonach "es ein ganzes Dorf braucht, um ein Kind großzuziehen".

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Hoher Perfektionsdrang

Das hat sich offenbar geändert. Der Perfektionsdrang heutiger Eltern ist hoch, die Verunsicherung nicht minder, da haben Ratschlaggeber und Besserwisser schlechte Karten. Und die ohne Kinder erst recht, anders jedenfalls kann ich mir die grantige Frage, oder – sagen wir – unbedachte Unterstellung "Na, Sie haben wohl keine Kinder!?" nicht erklären.

Passiert war Folgendes: Ich begleitete die liebe, greise Frau M. ein Stück des Weges durch meinen Kiez, als auf einmal ein Mini-Kampfradler, vielleicht sechs Jahre alt, um die Ecke geschossen kam. Von den Eltern keine Spur. Ich konnte Frau M. gerade noch wegziehen – in ihrem Alter kann sie nicht mehr wegspringen wie ein Flummi. Freundlich, aber ernsthaft sagte ich dem Kind, dass ich zwar auch gern schnell radle, dass dies aber auf dem Gehweg nicht möglich ist. Denn da hätten die Fußgänger Vorfahrt.

Da stoppt auf einmal auch die Mutter neben mir und gibt mir Saures, ich solle ihr Kind in Ruhe lassen. Ich returniere, appelliere an ihre Vernunft, an gegenseitige Rücksichtnahme, vor allem alten Menschen gegenüber. Aber aller Einsatz hilft nicht: Grimmig wendet sie sich ab. Und während ich die verschreckte und verstummte Frau M. unterhake, fahren Mutter und Sohn von dannen – sicher verpackt in Schutzkleidung und Helm.

Nun ist es richtig, dass Mutter und Vater eines Kindes die "Erziehungsberechtigten" außerhalb von Schule und Kita sind. Wenn die aber Angst haben zu erziehen, wer springt dann ein? Oder ist niemand dafür vorgesehen? Und warum überhaupt die "Eigene-Kinder-Frage"? Habe ich ohne nicht das Recht, Kinder zur Rücksicht auf andere zu gemahnen? Habe ich stumm zu sein, nur weil ich nie gekreißt habe?

Kinderlose nicht per se Kinderhasser

Vielleicht sind meine Gründe ja tragischer Natur? Nicht jeder Kinderloser ist per se ein Kinderhasser, das aber unterstellen solche Fragen. Ich mag Kinder (nicht alle) und bin in Sachen Lütten-Betüdelung durchaus versiert, denn ich bin eine große Schwester. Aus dem Kindergarten abholen, Windeln wechseln, füttern und bespielen – das alles konnte ich und kann es immer noch, heute sind Nichten und Neffen dran.

Und natürlich möchte ich, dass aus allen Kleinen tolle Große werden. Menschen, die das Herz auf dem rechten Fleck haben, die gut mit sich und anderen sind. Solidarisch, freundlich und empathisch. Schon deshalb werde ich mir auch weiterhin eine eigene Meinung gestatten, wenn Melusine drei Stunden dauerkreischt in unserem Berliner Mietskasernenhof oder mir Torben im Café grinsend das Quinoa-Müsli aus der Hand schlägt. Auch wenn Mutter oder Vater gerade nicht zur Hand sind, denn natürlich sollten sie die ersten Adressaten meines Unmuts sein.

Das wird schon kein Trauma beim renitenten Kind auslösen, auch wenn manche Eltern so reagieren. Oder als habe man sie selbst und ihre Eltern-Skills generalverdächtigt als zu blöd, zu unvollkommen. Das aber ist falsch, liebe Eltern, die ihr Fremdkritik nicht duldet! Euch selbst gehen eure eigenen Kinder nicht selten gehörig auf den Keks, nur anderen Leuten muss das Betragen eurer Blagen immerzu gefallen. Ihr müsst zugeben: Logisch ist das nicht!

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BRIGITTE 21/2019

Wer hier schreibt:

Judka Strittmatter
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