Was Tattoos über Menschen aussagen

Im Hochsommer, wenn viel Haut gezeigt wird, ist es offensichtlich: Tattoos sind populärer denn je. Woran liegt das nur?

BRIGITTE: Früher waren Tattoos eigentlich nur was für eine bestimmte Schicht, heute trägt sie quasi jede*r. Warum?

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PROF. AGLAJA STIRN: Die Welt ist viel komplexer als noch in den 1990er-Jahren. Jeder kann wählen, was er will, es gibt weniger Verbote, Strukturen oder Familienzusammenhalt. Doch das stellt große Anforderungen an den Einzelnen. Die Menschen suchen über Ernährung, Fitness oder eben auch Tätowierungen nach etwas, das ihnen Halt gibt. Früher war das die Familie oder das Zuhause, das jedem seinen Platz zuwies und damit Identität und Halt vermittelte. Heute dient der Körper als Heimat.

Laut einer Studie der Universität Leipzig hat mittlerweile jede zweite Frau zwischen 20 und 30 Jahren ein Tattoo. Das ist mehr als bei Männern.

Frauen ziehen nach, wie in allen anderen Lebensbereichen. Es könnte aber auch daran liegen, dass Frauen mehr mit ihrem Körper beschäftigt sind und darum auch häufiger ihren Körper wählen, um Identität und Einzigartigkeit auszudrücken.

Tattoos sind vor allem ein Mittel zur Selbstdarstellung?

Genau. Frauen lassen sich eher liebliche Motive stechen, Männer wählen eher Symbole für Kraft und Stärke oder auch Angsteinflößendes. Wer mit diesen Klischees bricht, etwa eine Frau, die sich einen großen Totenkopf tätowieren lässt, signalisiert wiederum Rebellion. Selbstdarstellung ist bei Männern wie bei Frauen einer der wichtigsten Gründe, sich tätowieren zu lassen. Das hat natürlich auch narzisstische Züge, weil es Aufmerksamkeit erzeugt.

Was ist an Tattoos denn überhaupt noch individuell, wenn das so viele machen?

Früher hat man sich von der Masse abgehoben, wenn man überhaupt ein Tattoo hatte. Heute sind die Motive ganz individuell und man zeigt so seine Einzigartigkeit. Aber so paradox das klingen mag: Der moderne Mensch sucht zwar nach Individualität, aber fühlt sich dann doch in einer Gruppe wohler. Wer wirklich auffallen will, muss sich schon großflächig tätowieren lassen. Oder im Gesicht, was immer noch ein verruchtes Image hat.

Sagen Tattoos eigentlich etwas über die Psyche eines Menschen aus?

Menschen, die stark tätowiert sind, haben eher die Neigung zu einem stärkeren Risikoverhalten. Das kann im negativen Sinne heißen, dass sie mehr Alkohol und Drogen konsumieren oder häufig ihre Sexualpartner wechseln. Es kann aber auch Risikofreude im positiven Sinne sein: dass jemand beispielsweise mehr Sportarten ausprobiert, Weltreisen macht, also insgesamt neugieriger ist.

Wenn der ganze Körper und sogar der Kopf tätowiert ist – ist das nicht auch eine Form von Selbstverletzung?

Es kann zumindest ein Hinweis darauf sein, dass der Betroffene versucht, seine Identität über die Tattoos zu definieren, was aber nicht gelingt. Oder es können traumatische Ereignisse zugrunde liegen. Pathologisch kann es auch sein, wenn jemand ein komplett anderer Mensch sein will, oder gar ein anderes Wesen, und sich dieser Wunsch in seinen Tattoos zeigt. Da muss man als Ärztin dann genau hingucken.

Zur Person: 

Prof. Aglaja Stirn ist Psychotherapeutin und Sexualmedizinerin an der Uni Kiel und hat u. a. zu Körpermodifikationen geforscht.

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BRIGITTE 18/2019

Wer hier schreibt:

Kathrin Burger
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