Was tun mit Ex-Freunden?

Kann man sie in Schubladen einsortieren? Die Künstlerin Claire Lenkova hat genau das in ihrem Buch "Alle meine Freunde" gemacht. Ein Interview über Ehrlichkeit und Freundschaften.

Eine ordentliche Ablage hilft bei der nächsten Steuererklärung. Oder bei der Suche nach dem Garantieschein für die Waschmaschine, die gerade mal ein Jahr alt ist und schon kaputt. Freundschaften hingegen sind oft zu unhandlich, um sie zwischen den Deckeln eines Aktenordners abzuheften.

"Alle meine Freunde" von Claire Lenkova, erschienen bei Kunstmann

Claire Lenkova hat trotzdem genau das getan und nach dem "Alle meine Freunde"-Prinzip Freunde und Bekannte katalogisiert. Auf Karteikarten hat sie Erinnerungsschnipsel und Steckbriefe über diejenigen zusammengestellt, die ihr im Gedächtnis geblieben sind. Statt Nichtigkeiten wie Lieblingsfarbe/ Lieblingsessen/ Lieblingsband, wie man sie aus den eigenen Freundschaftsbüchern kennt, sind die Karteikarten weniger wohlmeinend und damit umso aussagekräftiger: Den Geruch und Dialekt eines Freundes/ einer Freundin hat Claire Lenkova dokumentiert, den Trennungsgrund katalogisiert.

Wie sie auf die Idee gekommen ist und was sie über Freunde und Freundschaft denkt, erzählt Claire Lenkova im Interview.

BRIGITTE.de: Haben Sie schon Exemplare von "Alle meine Freunde" an alle Ihre Freunde verschickt?

Claire Lenkova: Nein, warum auch? Der Titel ist durchaus ironisch aufzufassen... Es sind dort nicht nur Freunde drin, sondern Menschen, die ich gemocht oder geliebt habe, aber auch Leute, die mir einfach nur auf den Geist gingen. Verehrer, die glaubten, ich sei für sie die Richtige... Da wäre zum Beispiel der Inder, der mir einfach betrunken hinterherlief. Ich nahm ihn mit in meine Wohnung, einfach weil es mich reizt, herauszufinden, wie Leute ticken... Na ja, der Befund war in diesem Falle wenig spektakulär: Ich hatte lange blonde Haare und sollte deshalb mit ihm sofort schlafen. Ich hatte Mühe, ihn wieder aus meiner Wohnung zu bekommen...Oder der Gebissmann, der mein Opa hätte sein können und den ich bei meinem damaligen Nebenjob während des Abis kennengelernt hatte. Er nahm sein Gebiss im Restaurant heraus, fragte höflich, ob mich das störe und glaubte trotzdem noch, sich bei mir Chancen ausrechnen zu können.

Auf der nächsten Seite: "Kein Talent zur Unehrlichkeit"

Fotoshow: "Alle meine Freunde" von Claire Lenkova

BRIGITTE.de: Oder hat sich von sich aus schon jemand der im Buch Genannten bei Ihnen gemeldet - auch wenn das Buch gerade erst erschienen ist?

Claire Lenkova: Ich weise Sie gern auf das Impressum meines Buches hin. Darin heißt es: "Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen ist rein zufällig. Diese Arbeit ist fiktional und wirft lediglich ein schlechtes Licht auf die Autorin."

BRIGITTE.de: Sind Freundschaften nicht viel zu privat, um sie aller Welt - oder zumindest den Deutschen - als Buch zu präsentieren?

Claire Lenkova: Wie gesagt: Freundschaften sind ja nur eins der Themen, es gibt auch Kategorien wie "best man" für meine Förderer, "e.V." für "ehemaliger (auch: erfolgloser) Verehrer", "e.F." für "ehemalige Freundin" oder "Liebe". Ich glaube, über meine Freunde habe ich nichts gesagt, das sie verärgern müsste. Warum man allerdings von mir verlangen sollte, dass ich Menschen, die mir mit ihrem Irrsinn das Leben schwer machen, mit Samthandschuhen anfasse, weiß ich nicht. Ich habe ja niemanden gebeten, mich um vier Uhr früh aus dem Bett zu klingeln und zu hecheln: "Ist da Firma Ficken?"

BRIGITTE.de: Was ist Ihnen in einer Freundschaft wichtig, was macht einen guten Freund aus?

Claire Lenkova: Dass er auf einer Karteikarte erfassbar ist? Unsinn, ich bin keine Expertin für Freundschaften, und mein Buch ist kein Ratgeber zum Freundemachen.

BRIGITTE.de: Und wie wichtig ist Ihnen Ehrlichkeit in einer Freundschaft?

Claire Lenkova: Keine Ahnung, ich habe jedenfalls kein Talent zur Unehrlichkeit.

BRIGITTE.de: Hätten Sie jedem in dem Buch alles, was Sie über sie oder ihn geschrieben haben, auch ins Gesicht gesagt?

Claire Lenkova: Das tue ich immer. Nur die netten Sachen habe ich verschwiegen. Die stehen nur im Buch. Als Überraschung sozusagen.

Auf der nächsten Seite: Kunst als Therapie?

BRIGITTE.de: Sie sortieren in Ihrem Buch Menschen in Schubladen ein - warum eigentlich?

Claire Lenkova: Vielleicht bin ich einfach bequem? Das Erschreckende beim Schubladendenken ist ja, wie viele Menschen tatsächlich hinein passen und es sich auf so wenig Raum gemütlich machen. Und wer nicht hineinpasst, den werd ich bestimmt nicht zwingen. Ich interessiere mich eben für die Schematisierungen, Klischees, Typisierungen, mit denen wir jeden Tag hantieren. Also kommen sie auch in meinem Buch vor.

BRIGITTE.de: Kann man die Intensität von Freundschaften, Gefühlen, Liebe überhaupt messen?

Claire Lenkova: Jeder kann das für sich messen. Der Arzt fragt doch auch: Wie stark ist der Schmerz auf einer Skala von eins bis zehn? Und jeder weiß, was gemeint ist. Bei Erdbeben dasselbe. Ich mache nichts anderes.

BRIGITTE.de: Hilft das Sortieren, mit eingeschlafenen und abgelegten Freundschaften abzuschließen?

Claire Lenkova: Wenn Sie darauf hinauswollen, ob Kunst für mich Therapie ist, lautet die Antwort: Es ist ein bisschen komplizierter. Wie so oft im Leben.

BRIGITTE.de: Sie sind in Ihrem Leben ziemlich oft umgezogen. Hat das ihre Freundschaften beeinträchtigt?

Claire Lenkova: Ich gehe voran und wer stehen bleibt, bleibt eben zurück. Die wenigen Menschen, die mich mögen, halten auch dann den Kontakt zu mir aufrecht, wenn ich umgezogen bin.

BRIGITTE.de: Haben Sie dadurch gelernt, wie man eine Freundschaft pflegen kann - notfalls auch aus der Entfernung?

Claire Lenkova: So oft bin ich nun auch wieder nicht umgezogen... Es gibt ja Internet, Telefon, Briefe, man kann chatten oder sich in den ICE setzen, per Anhalter fahren oder sich nach ein paar Jahren wieder melden... Ich glaube, das muss man nicht lernen, damit sind wir aufgewachsen. Wenn man will, kann man sich seine Freunde auch nur im Internet suchen. Die Bedeutung der Entfernung hat doch gewaltig abgenommen.

Auf der nächsten Seite: "Weißt du noch..."

BRIGITTE.de: Kann man Freundschaften Ihrer Meinung nach wiederbeleben?

Claire Lenkova: Kann man bestimmt. Zumindest, solange das nicht heißt, dass jeder Satz mit den Worten "Weißt du noch..." beginnt.

BRIGITTE.de: Wie viele wirklich gute Freunde haben Sie heute?

Claire Lenkova: Da müsste ich mal in meiner Kartei nachsehen.

BRIGITTE.de: Ist die Zahl der Freunde überhaupt wichtig?

Claire Lenkova: Bei Umzügen vielleicht. Vor allem, wenn man im vierten Stock wohnt. Aber im Erdgeschoss ist es auch immer so finster.

Die Fotostrecke: So sieht das Freundschaftsalbum aus

Claire Lenkova

Claire Lenkova wurde in Zwickau geboren, wuchs nach der Ausreise aus der DDR in Bayern auf und studierte Illustration an der HAW Hamburg. Sie bezeichnet sich als Künstlerin, Comiczeichnerin und Illustratorin. "Alle meine Freunde" ist im Zusammenhang mit der Ausstellung "Herrenzimmer und Damensalon" entstanden.

Claire Lenkova: Alle meine Freunde Verlag: Antje Kunstmann Preis: 16 Euro

Fotos: Claire Lenkova/ Kunstmann
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