Weihnachten im Hotel Mama

BRIGITTE.de-Redakteurin Susanne Arndt beutet Frauen aus. Am liebsten die Frau, die ihr unter unvorstellbaren Schmerzen das Leben geschenkt hat: ihre Mutter.

Es geschieht an drei Tagen im Jahr, und zwar am 24., 25., und 26. Dezember. An Weihnachten falle ich mit meiner Familie im Hotel Mama ein, werfe meinen Koffer aufs gemachte Bett, pflanze mich aufs Sofa und lasse mich bedienen.

Vier Mal am Tag wird mir das Essen serviert. Morgens, wenn ich verschlafen aus meinem ehemaligen Kinderzimmer torkle, dampft bereits der handgefilterte Kaffee auf dem gedeckten Tisch. Nach dem Frühstück machen wir einen Waldspaziergang. Wir, das sind mein Vater, mein Freund, mein Sohn (3) und ich. Meine Mutter bereitet in der Küche so lange das Mittagessen zu. Am Nachmittag sitze ich wieder auf dem Sofa: Es gibt Kuchen, Stollen und Plätzchen zum Kaffee, am Abend gibt's Häppchen zum Wein. Wenn mein schlechtes Gewissen zu aufdringlich wird, wanke ich nach dem Essen in die Küche und trockne kraftlos Geschirr ab. Mehr ist nicht drin.

Es sind die drei Tage im Jahr, an denen ich mich von 362 Tagen Erwachsensein erhole. Ich bin wie gelähmt, die Schwerkraft ist doppelt so stark an diesen Tagen. Ich bin zu nichts Nützlichem fähig, gebe jegliche Verantwortung ab, schiebe alle Pflichten von mir: Drei Tage, an denen ich nicht erziehen, nicht putzen, hetzen, arbeiten, vorlesen, einkaufen, Flummis suchen oder Knöpfe annähen muss. Das machen schon die anderen. Der Fels des Sisyphos, der mir im erwachsenen Alltag in Form von Wollmäusen, verschmierten Kindern, leeren Kühlschränken und Konten im Weg steht, verpufft in Wohlgefallen, als sei er aus Styropor und nicht aus Stein.

Warum es sich positiv auf die Gesundheit auswirkt, wenn man seine Mutter anruft

Meine regressiven Tendenzen sind deutlich stärker geworden, seit ich vor fünf Jahren Mutter geworden bin. Ich fahre seitdem deshalb so gern zu meinen Eltern, weil ich dort selbst wieder Kind sein darf. Je länger ich im elterlichen Sofa versinke, desto hilfloser, abhängiger und unselbstständiger werde ich: Während ich am ersten Tag noch auf dem Stand einer 20-Jährigen bin, bin ich am zweiten schon auf dem einer Zwölfjährigen, am dritten auf dem einer Sechsjährigen. Am ersten Tag wehre ich mich noch, wenn meine Mutter den Knopf an meiner Jacke annähen will ("Nee, lass mal, ich mach das!"), am zweiten sage ich immerhin noch "Danke", wenn sie ihn angenäht hat, und am dritten Tag halte ich ihr mit bettelndem Blick den abgerissenen Knopf unter die Nase, damit sie ihn bitte annähen möge.

Wenn es dann wieder heißt, "Los, aufstehen, der Zug nach Hamburg geht in einer Stunde!", treibt mir allein die Vorstellung, mich demnächst wieder selbst um alles kümmern zu müssen, Tränen in die Augen. Dann will ich nie wieder erwachsen sein.

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