Weihnachtsbräuche: "Mein Weihnachten ist nicht dein Weihnachten"

Wachs oder elektrisch? Besinnliche Ruhe oder fröhliche Party? Wenn gegensätzliche Weihnachtsbräuche aufeinanderprallen, kämpfen auch die Friedfertigsten für ihre Prinzipien. Grundsatzfragen zum Fest der Feste.

Bockwurst oder Weihnachtsgans?

"Ohne Opulenz kein Weihnachtsgefühl" Christian Ohlsen, 43, Fotograf, kocht einmal im Jahr mit seinem Vater ein Festessen. "Bescherung ist doch nur was für Kinder, Geschenke bekommen in meiner Familie nur noch meine Nichten. Der wahre Höhepunkt des Weihnachtsabends ist ein ordentliches Weihnachtsessen, nicht bloß ein mageres Bockwürstchen. Wir essen etwas Opulentes: Karpfen blau oder Filet Wellington, am liebsten aber Gans. Seit einigen Jahren koche ich das Festessen mit meinem Vater zusammen. Ich telefoniere schon im Vorfeld oft mit ihm, und wir tauschen Rezepte aus, obwohl wir normalerweise eher über Fußball reden. Beim Kochen an Heiligabend sind wir viele Stunden gemeinsam in der Küche, so viel Zeit am Stück verbringe ich sonst eher selten mit meiner Familie. Und nach dem Weihnachtsessen räumen wir gemeinsam die Küche auf - im Gegensatz zu mir haben meine Eltern allerdings glücklicherweise einen Geschirrspüler."

"Das Essen ist nicht das Wichtigste" Lina Samoske, 25, Studentin und Freundin von Christian, sitzt lieber mit ihrer Familie unterm Baum, statt zu viel Zeit in der Küche zu verbringen."Schon als ich ein Kind war, gab es bei uns Bockwurst mit selbst gemachtem Kartoffelsalat an Heiligabend, weil meine Mutter das auch aus ihrer Kindheit schon so kannte. Ich glaube, dass es auch heute allen ganz recht ist, an Heiligabend nicht auch noch in der Küche stehen zu müssen. In unserer Familie ist nicht das Essen der Hauptakt des Tages, sondern die Bescherung. Und das Beisammensein um den Baum mit der ganzen Familie, meist feiern wir zu acht. Damit dafür genug Zeit bleibt, gibt es vor der Kirche ein kleines Süppchen und danach die Würstchen. Die sind vom Landschlachter und natürlich bio. Weil es bei uns auch Vegetarier gibt, stehen auch Tofu-Würstchen auf dem Tisch. Und meine Portion Bockwurst muss unbedingt kalt sein."

Klassisch gegen kitschig

"Strohsterne sind Familientradition" Thomas Friemel, 43, Journalist, fände es schön, wenn zu Weihnachten alles so bliebe wie immer "Der Weihnachtsbaum meiner Kindheit war immer gleich geschmückt: sehr zurückhaltend mit Strohsternen, echten Kerzen und roten Papiersternen, die wir gemeinsam mit unserer Mutter in der Adventszeit gebastelt hatten. An der Spitze des Baumes ein Stern aus Holz. Ein klassischer Weihnachtsbaum also, der für Zusammenhalt und Geborgenheit steht. Weihnachten sollte ein Fest mit einer großen Verlässlichkeit sein. Ein besonderer Abend mit einer langen Familientradition. Dieses Gefühl würde ich gern an meine Kinder weitergeben. Es stört mich aber nicht, dass meine Frau jedes Jahr irgendwelche neuen absurden Dekorationen um den Baum herum im Wohnzimmer erfindet. Da dürfen gern goldene Rentiere oder semi-debile Weihnachtsmänner über die Fensterbank laufen - solange nur der Baum noch ansatzweise traditionell bleibt."



"Schlicht ist langweilig!" Stefanie Hellge, 39, BRIGITTE-Redakteurin und verheiratet mit Thomas, dekoriert üppig - und immer anders. "Weihnachten tobe ich mich aus. Ich gehe schon Anfang November durch die Deko-Abteilungen der Kaufhäuser und überlege mir, wie ich die Wohnung im Advent schmücke. Vorletztes Jahr hatte ich überall Reh-Familien und kleine Tannenwälder aus Holz aufgestellt, im vergangenen Jahr waren es große silberne und goldene Hirsche. Ich bin selbst ganz überrascht, was für eine sentimental-kitschige Seele in mir wohnt. Das Sahnestück ist natürlich der Tannenbaum. Ich finde es wichtig, dass er jedes Jahr anders aussieht, damit es wirklich Spaß macht, ihn zwei Wochen lang im Wohnzimmer stehen zu haben. Einmal hatten wir den Baum genauso schlicht, wie Thomas ihn haben will. Das war schön, aber auch ein bisschen langweilig. Was Thomas nicht weiß: Dieses Jahr habe ich den Baumschmuck schon Anfang Oktober gekauft. Alles in Metallic- Blau und glitzerndem Silber."

Elektrisch gegen Wachs

"Kerzenreste vom Fußboden kratzen? Ohne mich!" Stefanie Hentschel, 37, BRIGITTE-Redakteurin, liebt den verheißungsvollen Schein elektrischer Lichterketten. Echte Kerzen überlässt sie ihrer Freundin Angela. "Das Schönste an meinem elektrisch beleuchteten Weihnachtsbaum finde ich: Die Kerzen können anbleiben, wenn wir abends ins Bett gehen, und morgens nach dem Aufstehen leuchtet es dann warm und verheißungsvoll aus dem Weihnachts(wohn)zimmer in die noch dunkle Wohnung. Das Licht echter Christbaumkerzen gefällt mir schon auch - jedes Jahr, wenn ich kurz vor Heiligabend zum Gänseessen bei meiner Freundin und Kollegin Angela zu Besuch bin, freue ich mich über ihre schönen echten Kerzen am Baum. Aber ich bin sehr froh darüber, dass nicht ich die jedes Mal umstecken und das Wachs vom Dielenboden abkratzen muss. Und wenn ich dann pappsatt und glücklich nach Hause komme, begrüßt mich ein weiteres Mal der freundliche elektrische Lichterglanz."



"Eine Lichterkette ist für mich ein Elektroschock" Angela Wittmann, 41, BRIGITTE-Redakteurin, passt gern auf ihre echten Kerzen auf. Wer will schon künstliches Licht zu Weihnachten? "Die Frage, ob Wachskerzen oder Lichterketten am Baum schöner sind, stellt sich eigentlich nicht. Wer wählt schon künstliches Geflackere, wenn er ein echtes Kaminfeuer haben kann? Ich verstehe ja alle, bei denen Hunde, Katzen oder entfesselte Kinder marodieren und die deshalb mit einem flammenden Inferno rechnen. Aber traurig ist so eine Lichterkette trotzdem. Und wenn sie dann auch noch blinkt, ist das für mich ein Elektroschock. Als meine drei Geschwister und ich noch klein waren, hat mein Vater unendlich viel Sorgfalt darauf verwendet, den Baum ,sicher' zu schmücken: Da wurde jeder Strohstern im richtigen Millimeterabstand montiert. Und bis die Kerzen fachgerecht von oben nach unten, an der Rückseite beginnend, angezündet und in umgekehrter Reihenfolge wieder gelöscht wurden, war schon fast Silvester. Passiert ist nie etwas. Und das Ritual war so schön wie der Kerzenschein, der sich bei zusammengekniffenen Augen in lauter strahlende Sterne verwandelt. Ich hab's versucht: Mit Lichterketten klappt das nicht."

Ab in die Sonne oder ab in den Schnee?

"Weißer Strand, Meer - pures Glück" Katja Drinkmann, 34, Erzieherin, flüchtet vor dem Weihnachtsstress weit weg in die Sonne. Sie würde gern mal mit Jessica verreisen. "Seien wir mal ehrlich: Weihnachten ist doch total konsumorientiert. Allein die Geschenke-Panik überall, und jeder ist im Stress. Und dazu dann noch dieses dunkle, graue Regenwetter mit Matscheschnee! Da flüchte ich zur Entspannung lieber in die Sonne. Mein tollster Weihnachtsurlaub: vor zwei Jahren auf der Insel Gran Turk in der Karibik. Weißer Strand, 500 nette Menschen, Schnorcheln im glasklaren Wasser. Da fehlt mir absolut nichts zum Glücklichsein."



"Ich liebe weiße Weihnachten" Jessica Wilcke, 31, Erzieherin, zieht es an Weihnachten in die Alpen, deshalb kann sie leider nicht mit ihrer Freundin Katja in den Urlaub fahren "Ich wohne in Hamburg, da sind weiße Weihnachten eher selten, aber Schnee gehört für mich einfach dazu. Ich liebe die feierliche Stimmung in den Alpen. Frankreich mit diesen Hochhäusern geht gar nicht, es muss schon Österreich sein oder die Schweiz, wo es niedliche Holzhütten und kleine Dörfer gibt. Leider ist das fies teuer, aber dann gibt es eben nur kleine Geschenke. Wir fahren vor Weihnachten los und nehmen eine kleine Tanne im Auto mit. Tagsüber gehen wir skilaufen, und abends treffen wir uns mit einer anderen Familie in unserem Appartement und essen Kartoffelsalat mit Würstchen. Dann gehen wir noch mal raus. Glitzernder Schnee, diese Stille und die Gemütlichkeit - das ist für mich Weihnachten. Einmal war ich zu Weihnachten auf Gran Canaria. Ich fand es schrecklich: Heiligabend im Bikini ist doch krank."

Ausgehen bis zum Morgen oder zur Ruhe kommen?

"Heiligabend ist einer der besten Party-Abende" Sina Holm, 26, Studentin und die Freundin von Andreas, kriegt Weihnachten einen Nestkoller. "Ich feiere immer bei meinen Eltern, da sind um zehn alle müde und hängen auf dem Sofa. Die Wohnung riecht nach Fondue-Fett, und ich kriege einen Nestkoller. Das geht ja vielen so, deshalb ist Heiligabend in meiner Heimatstadt Reutlingen, in der man sonst nicht so toll ausgehen kann, einer der besten Abende. Alle Leute von früher treffen sich in der ,Zelle', eigentlich ein linksautonomes Loch, aber an Weihnachten ein einziges großes Klassentreffen. Die Party findet mehr davor als drinnen statt, und unter den 500 Leuten trifft man ständig alte Bekannte. Die meisten davon spielen in meinem Leben keine Rolle mehr, aber an Heiligabend sind wir alle in einer ganz besonderen Stimmung. Wir stehen im Licht der Nebelscheinwerfer und sind uns wohlig-warm wohlgesonnen bis in den Morgen. Ich kann nicht verstehen, wieso man in so einer Nacht früh schlafen gehen will."



"Erst mit der Familie feiern und dann früh schlafen gehen - perfekt" Andreas Meißner, 33, Geschäftsführer, ist im Gegensatz zu seiner Freundin Heiligabend vor allem müde. "Ich habe einen Internet-Versandhandel für Küchenprodukte (www.richtig-schön-kochen.de, bei mir ist die Weihnachtszeit die stressigste Phase des ganzen Jahres. Ich sitze bis zur letzten Sekunde im Büro und mache Bestellungen fertig, am 23. Dezember bin ich dann völlig erledigt. An Heiligabend fahre ich morgens zu meinen Eltern nach Düsseldorf und feiere dort ganz ruhig. Wir kochen den ganzen Tag und essen am Abend ein traditionelles Weihnachtsessen - vergangenes Jahr war es Gans, die hatte meine Oma frisch vom Bauern geholt. Danach sitzen wir dann zusammen im Wohnzimmer. Weihnachten ist für mich ganz klar ein Familienfest, an diesem Abend setze ich bewusst aus vom hektischen Leben. Und ich gehe früh schlafen, denn ich bin ja sowieso todmüde."

Gottes Segen oder fernsehen?

"Erst wenn wir uns auf den Weg zur Kirche machen, beginnt für mich die Heilige Nacht" Dagmara Andruszczyszyn, 20, Bio-Informatik-Studentin, geht zum ersten Mal ohne ihre Schwester Agnieszka zur Messe. "In unserer Kirche im polnischen Glogówek bin ich getauft worden und durfte mit sieben zum ersten Mal ein Engel beim Krippenspiel sein. Hier bin ich jeden Sonntag beim Gottesdienst, hier hat dieses Jahr meine Schwester Agnieszka geheiratet. Ich kann mir Weihnachten ohne den Gang zur Kirche gar nicht vorstellen. Wir laufen alle gemeinsam zur Mitternachtsmesse, meine Mama, mein Papa, die Tanten, Onkel, Cousinen, die ganze Verwandtschaft - und wir sind eine große Familie! Erst wenn sich alle fertig machen, um nach dem Essen und dem Auspacken der Geschenke schön festlich das Haus zu verlassen, ist für mich wirklich Weihnachten. Dass meine Schwester dieses Jahr nicht dabei ist, macht mich schon jetzt traurig, bestimmt wird sie mir erst recht fehlen, wenn wir in der Heiligen Nacht zu Fuß zur Kirche gehen und die Glocken läuten. Früher, als wir noch klein waren, sind wir oft mit dem Schlitten zur Kirche gezogen worden. Es war spät, es war dunkel, wir waren so aufgeregt, und es war uns so feierlich zumute, dass wir es kaum ausgehalten haben - obwohl die Bescherung schon vorbei war! Das sind meine schönsten Erinnerungen."



"Bei 'Drei Haselnüsse für Aschenbrödel' könnte ich weinen vor Glück" Agnieszka Pohl, 27, Pädagogin, schwänzt dieses Jahr den Kirchgang und feiert mit ihrem deutschen Mann auf dem Sofa. "Ich habe dieses Jahr geheiratet und werde zum ersten Mal nicht mit meiner Schwester Dagmara und meiner polnischen Großfamilie feiern. Mein Mann und ich wollen es uns einfach nur gemütlich machen, auf dem Sofa kuscheln und einen schönen alten Film anschauen. Weihnachten ist doch auch das Fest der Liebe, und so möchten wir es dieses Jahr feiern. Ich hab mir auch schon einen Film ausgesucht, den einzigen, der dieses besonderen Anlasses würdig ist: ,Drei Haselnüsse für Aschenbrödel'. Dieser tschechische Märchen-Kultfilm ist der Traum meiner Kindheit. Ich muss nur die Titelmelodie hören, und schon ist für mich Weihnachten und Hochzeit zusammen: Wenn das Aschenbrödel am Ende mit Prinz und Brautkleid durch die verschneite Landschaft reitet, und zwar direkt in den Himmel hinein, dann könnte ich jedes Mal weinen vor Glück. Meinen Mann hab ich schon seelisch drauf vorbereitet - er freut sich trotzdem auf Weihnachten."

Fotos und Stills: Bernd Ebsen, Kröger&Gross People: Isadora Tast Fotostyling: Nicole Müller-Reimann Weihnachts-Deko: Gerda Hüsch
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