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Wie war das damals eigentlich ...?

Wie funktioniert Erinnerung?: Fotoalbum mit Babyfotos in SchwarzWeiß
© Victoria Denisova / Shutterstock
Unser Gedächtnis neigt dazu, uns Streiche zu spielen – wir vergessen wichtige Dinge, reden Vergangenes schön, und manchmal mischen sich Erinnerungen mit bloßen Vorstellungen. Warum das so ist, weiß Psychologin Julia Shaw. 

BRIGITTE WIR: Frau Shaw, ich war vor Kurzem bei Ihrer Lesung, rechts neben mir saß ein mittelalter Mann. Heute versuche ich, mich genauer an ihn zu erinnern – Fehlanzeige. Muss ich mir Sorgen um mein Gedächtnis machen? 

Julia Shaw: Nein, Erinnern hat mit Aufmerksamkeit zu tun. Wenn wir eine Information oder ein Erlebnis wichtig genug finden, speichern wir es in unserem Gedächtnis ab. Ihr Aufmerksamkeitsfokus war offenbar woanders.

Hätte er einen Schnauzer getragen, könnte ich mich besser an ihn erinnern?

Falls Männer mit Schnauzer für Sie eine besondere Relevanz haben, dann ja.

In welchem Areal des Gehirns werden unsere Erinnerungen gespeichert?

Überall, weil ganz unterschiedliche Bereiche, also neuronale Netzwerke, betroffen sind. Erinnerungen sind multisensorisch, das heißt, sie sprechen verschiedene Sinne an. Der Ort im Gehirn, der zuständig ist für Gerüche, hätte zum Beispiel das Rasierwasser Ihres Nachbarn abgespeichert, wenn es für Sie irgendwie auffällig gewesen wäre. Genauso verhält es sich mit dem Sehen, Hören, Schmecken und Tasten – auch dafür gibt es bestimmte neuronale Netzwerke.

Und was passiert dort, wenn wir auf eine Erinnerung zurückgreifen möchten?

Man schickt eine Art Suchsignal ans Gehirn: Finde mir diesen Begriff oder jenen Urlaub, den ich letztes Jahr in der Türkei verbracht habe. Wenn alles gut geht, wird man mit den für diese Erinnerung zuständigen Netzwerken verbunden.

Warum kann ich mich nicht an meinen Kinderwagen oder meinen ersten Geburtstag erinnern?

Das Gehirn von Babys und Kleinkindern ist zu klein, um solche Eindrücke nachhaltig zu speichern. Hinzu kommt, dass Babys nicht selektiv wahrnehmen, alles strömt ungefiltert auf sie ein, in ihrem Kopf ist ein großes Durcheinander. Erst etwas ältere Kinder, etwa ab dem dritten Lebensjahr, können priorisieren, also etwas als für sie wichtig wahrnehmen und dann zu Erinnerungen verarbeiten, die auch im Erwachsenenleben noch abrufbar sind. Das betrifft zumindest unser autobiografisches Gedächtnis, das für unsere individuellen Erlebnisse zuständig ist. Beim Erwerb von Wissen, wenn es etwa um das Erlernen von Sprache geht, ist das anders.

Es gibt aber Menschen, die einem erzählen, sie könnten sich an ihre Geburt erinnern.

Das ist unmöglich. Hier ist entweder Fantasie im Spiel – oder die Erinnerung beruht auf einer Quellenverwechslung, das heißt: Jemand aus der Familie erzählt uns detailliert von einem Ereignis aus unserer Kindheit, zum Beispiel von der Geburt, wir speichern das ab, fantasieren unter Umständen noch ein paar Details hinzu, und schließlich sind wir davon überzeugt, dass wir es mit unserer eigenen Erinnerung zu tun haben. Unser Gedächtnis ist sehr gut darin, uns zu täuschen.

Wie kommt das?

Im Gehirn sind dieselben neuronalen Netzwerke, in denen Erinnerungen abgespeichert werden, auch für die Fantasie zuständig. So entstehen leicht Vermengungen zwischen den Bereichen, und wir können echte Erinnerung und Vorstellung oft nicht unterscheiden. Insgesamt funktioniert das Gedächtnis allerdings ziemlich gut, sonst könnten wir unseren Alltag gar nicht bewältigen.

Wenn wir älter werden, fangen wir an, zurückzuschauen: Wie war meine Kindheit, meine Jugend, was hat mich geprägt? Kann es sein, dass unsere negativen Erinnerungen „ungerecht“ sind gegenüber unserer Familie, unseren Freunden, weil sie so gar nicht stimmen?

Das kann schon sein. Meistens ist es unmöglich, sicher zu sein, ob eine bestimmte Erinnerung zutrifft – es sei denn, wir haben Beweisstücke wie Tagebücher, Videos, Fotos oder Zeugen. Echte und falsche Erinnerungen fühlen sich gleich an – das macht es kompliziert.

Aber wenn unser Gedächtnis uns betrügen kann, dann beruhen womöglich Teile unseres Selbstbildes auf einem Irrtum.

Das ist möglich. Falsche Erinnerungen können unser Selbstbild genauso beeinflussen wie die echten, erlebten. Wenn wir genauer wissen wollen, mit welcher Wahrscheinlichkeit eine Erinnerung echt ist oder nicht, müssen wir recherchieren.

Das hört sich nicht gerade einfach an. Wie können wir das machen?

Wir müssen nachforschen, wie es zu einer Erinnerung gekommen ist. Waren dabei andere Menschen involviert? Haben vielleicht Erzählungen anderer unsere Erinnerung verändert, bestimmte Vorstellungen in uns eingepflanzt? Wir sollten unter Umständen direkt bei den Menschen, die infrage kommen, nachfragen.

Das heißt, dass wir unsere Biografie ganz bewusst und kritisch unter die Lupe nehmen sollten?

Genau. Hilfreich ist es darüber hinaus, auf spontane Erinnerungen zu achten: Plötzlich schießt etwas in unserem Kopf hoch, das viele Jahre zurückliegt. Solch spontane Erinnerungen – zum Beispiel die schallende Ohrfeige, die Sie als Kind von Ihrer Mutter bekommen haben – sind meist verlässlicher als eine Erinnerung, die in einem sozialen Kontext entsteht, das heißt: Andere erzählen Ihnen von einem Ereignis oder befragen Sie gezielt zu einem Ereignis.

Können Sie an einem Beispiel erklären, wieso eine Erinnerung, die in „sozialem Kontext“ entsteht, weniger verlässlich ist?

Stellen Sie sich vor, Sie können sich über-haupt nicht an den 75. Geburtstag Ihrer Großmutter erinnern. Bis Ihnen die Eltern oder die Geschwister ein paar Details dazu erzählen, etwa wie lustig dieser Geburtstag damals war, wie toll das Buffet. Die anderen sagen Sätze wie: „Du musst dich doch erinnern, wieso weißt du das nicht mehr?“ Dadurch entsteht ein gewisser Druck auf Sie, sich zu erinnern. Fotos, die Ihnen gezeigt werden, können diesen Effekt verstärken. Und am Ende glauben Sie dann wirklich, sich doch wieder an den lustigen Geburtstag Ihrer Großmutter erinnern zu können.

Also ist wieder eine Quellenverwechslung die Ursache.

Aber diesmal kommt ein manipulatives Element hinzu: Ihre Erinnerung ist sozu­sagen gekapert worden, eine Art Erinnerungs-Hacking hat stattgefunden. Das muss gar nicht in böser Absicht geschehen, aber der Effekt ist bemerkenswert. Man könnte sich unser Gedächtnis auch als eine Wikipedia-Seite vorstellen: Sie selbst können den Inhalt verändern, aber andere können es auch.

Kann man etwas, das einem andere erzählen, das sich aber mit den eigenen Erinnerungen nicht deckt, unter Vorbehalt speichern? Mit so einer Art Aktennotiz: Vorsicht, Eltern-Version?

Eher nicht, denn wir haben keine Kontrolle über unsere Erinnerungen, auch nicht über die, die andere in uns einpflanzen – sie können sich im Laufe der Zeit selbstständig machen, verändern oder in eine unerwartete Richtung entwickeln, indem wir eigene Details hinzufügen.

In Ihrem Buch „Das trügerische Gedächtnis“ erzählen Sie von einem spektakulären Experiment, das Sie selbst umgesetzt haben: Sie haben Studenten an der University of British Columbia in Kanada bewusst manipuliert, indem Sie Ihnen falsche Jugend­erinnerungen suggerierten. Wie genau ist Ihnen das gelungen?

Ich habe den Versuchsteilnehmern erzählt, es handele sich um eine emotionale Kindheitsstudie. Vorher habe ich den Eltern der Probanden einen Fragebogen geschickt, auf dem sie mir reale emotionale Erlebnisse aus der Kindheit der Teilnehmer schildern sollten. Während des Versuchs habe ich sie erst nach diesem Ereignis, das tatsächlich in ihrer Jugend passiert war, befragt – so konnte ich Vertrauen aufbauen. Danach habe ich ihnen ein Ereignis eingepflanzt, von dem ich wusste, dass es nicht stattgefunden hat: eine Straftat, die sie angeblich begangen hatten. Erst haben die Teilnehmer gesagt, sie könnten sich gar nicht an das Ereignis erinnern. Ich habe sie dann gebeten, sich das Ereignis vorzustellen, möglichst detailliert und multisensorisch. Beim ersten Mal konnten sie nur wenige Details nennen. Nach einer Woche haben wir die Übung wiederholt, und es kamen schon viel mehr Details, nach einer weiteren Woche noch mehr. Am Ende haben immerhin 70 Prozent der Teilnehmer eine sehr genaue falsche Erinnerung von der Straftat, die sie nie begangen hatten, entwickelt.

Die Teilnehmer standen aber unter Druck: Sie hatten versprochen, mitzumachen, wollten Sie nicht enttäuschen. Verfälscht diese Versuchsanordnung nicht das Ergebnis?

Überhaupt nicht! Ich wollte ja zeigen, wie manipulierbar unsere Erinnerung unter bestimmten Bedingungen ist, speziell unter sozialem Druck.

Hatten Sie keine Bedenken, wie die Teilnehmer reagieren würden, wenn Sie Ihnen potenziell traumatische Ereignisse einreden?

Doch, die hatte ich. Es hat im Übrigen auch zwei Jahre gedauert, bis ich für meine Studie grünes Licht bekommen habe von der Uni, die Ethikkommission wurde natürlich eingeschaltet. Als ich die Studenten am Ende über die Versuchsanordnung informiert habe, waren alle erleichtert, dass das Ereignis, das ich ihnen untergeschoben hatte, doch nicht passiert war. Keiner hat in dem Moment negativ reagiert oder sich später bei mir beschwert. Die meisten waren vor allem erstaunt, wie leicht sie zu manipulieren waren.

Das heißt, wir sollten bewusst darauf achten, ob wir uns in einer Situation befinden, in der unser Gedächtnis manipuliert werden könnte?

Auf jeden Fall. Auch bei Polizeiverhören oder vor Gericht muss man sehr genau hingucken, mit welchen Befragungsmethoden vorgegangen wird. Wenn Sie selbst befragt werden, sollten Sie sich erst mal darauf konzentrieren, was Ihnen spontan einfällt. Wenn man Sie gezielt mit bestimmten Details konfrontiert und die Fragen in eine bestimmte Richtung gelenkt sind, müssen Sie auf der Hut sein, denn dadurch kann die eigene Erinnerung verfälscht werden. Auch in einer therapeutischen Situation, zum Beispiel beim Psychotherapeuten, ist Vorsicht angesagt.

Warum?

Wenn Therapeuten sehr suggestiv fragen, bestimmte Themen vorgeben, wiederholt auf ein mögliches Trauma zurückkommen, kann es passieren, dass der Patient irgendwann tatsächlich daran glaubt. Er wird kreativ, mobilisiert seine Vorstellungskraft, weil er eine Erwartung des Therapeuten spürt. Aus meiner Sicht ist immer Skepsis angebracht, wenn es um angeblich verdrängte Erinnerungen geht.

Stimmt es, dass unser Gedächtnis eine rosarote Brille trägt, wir unsere Vergangenheit also im Nachhinein eher schön- als schlecht- reden?

Normalerweise ja. Evolutionär gesehen ist das auch sinnvoll, weil wir dadurch positiver in die Zukunft schauen können, motiviert sind, einen Partner zu finden, eine Familie zu gründen etc. Menschen mit Depressionen neigen allerdings dazu, ihre Vergangenheit realistisch oder sogar negativer einzuschätzen, als sie tatsächlich war. Wenn die Grundstimmung düster ist, werden eher diejenigen Erinnerungsnetzwerke aktiviert, die mit negativen Gefühlen besetzt sind.

Betrifft dieses Phänomen nicht uns alle? Wenn ich zum Beispiel schlechte Laune habe, weil eine Freundin mich versetzt hat, dann fallen mir sofort andere Situationen ein, in denen ich mich ebenfalls über diese Freundin geärgert habe.

Richtig. Aber in Ihrem Beispiel geht es um eine momentane Stimmung, nicht um eine Grundstimmung. Tatsächlich können wir gerade die Erinnerungen besser abrufen, die unserer momentanen Gefühlslage entsprechen. Solch eine „Stimmungskongruenz“, wie man es nennt, kann aber auch gefährlich sein.

Können Sie ein Beispiel dafür geben, inwiefern zur Stimmung passende Erinnerungen gefährlich werden können?

Stellen Sie sich vor, Sie stecken in einer schwierigen Lebenssituation, etwa einer Scheidung. Sie sind negativ drauf und erinnern sich deshalb auch eher an die schwierigen Situationen aus der Vergangenheit mit dem Partner. Dadurch verzerrt sich das Gesamtbild von Ihrer Partnerschaft. Wenn Sie dieses Bild Ihren Kindern weitergeben, vermitteln Sie ihnen eine stark negativ gefärbte Version. Deshalb sollte man sich unbedingt bewusst machen, welchen Mechanismen unser Gedächtnis folgt.

Ist es nicht verstörend, dass wir uns so wenig auf unser Gedächtnis verlassen können?

Es ist doch schon mal gut zu wissen, dass unsere Erinnerungen fehlerhaft sind, dann können wir darauf reagieren. Das kann auch helfen, in bestimmten Situationen gelassener zu sein, wenn etwa bei einem Streit mit dem Partner beide sich an unterschiedliche Versionen einer Geschichte erinnern. Wer kam zuerst mit dem Vorwurf um die Ecke, der andere sei nicht einfühlsam? Am Ende sagen dann vielleicht beide: Lass uns nicht weiter darüber streiten, wir wissen ja nicht genau, wer recht hat. Wer lernt, dem eigenen Gedächtnis zu misstrauen, wird vorsichtiger gegenüber dem anderen, bestenfalls sogar toleranter.

Wenn man so viel über das Gedächtnis und seine Fehlleistungen forscht wie Sie: Trauen Sie sich überhaupt noch, Ihrem Gedächtnis zu trauen?

In der Tat, das tue ich nur begrenzt. Aber durch meine Arbeit habe ich auch gelernt zu akzeptieren, dass ich mit falschen Erinnerungen leben muss. Ich sehe ein, dass auch meine Lebensgeschichte aus Fiktionen besteht. Deshalb rate ich Ihnen: Leben Sie im Jetzt, alles andere ist eh Fiktion.

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BRIGITTE WIR 1/2020

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