Warum du einmal im Jahr zum Therapeuten gehen solltest

Die Seele sitzt im Hirn und wird viel zu oft ignoriert, sagt Sabine Wery von Limont - und plädiert für regelmäßige Check-ups.

BRIGITTE: Sie bezeichnen die Seele als Organ. Allerdings kann man diese, wie schon der Untertitel Ihres Buches sagt, anders als Herz oder Leber nicht sehen. SABINE WERY VON LIMONT: Aber wir können ihr bei der Arbeit zuschauen. Durch moderne technische Methoden ist es möglich zu bestimmen, welche Areale des Gehirns bei Bildern, Gefühlen usw. besonders aktiv sind. Und der Bereich, der uns primär antreibt und für unsere Gefühle verantwortlich ist, sitzt relativ tief im Hirn: Limbisches System, Amygdala, Hippocampus heißen diese Strukturen. Man kann sagen, das ist unsere Seele.

Sabine Wery von Limont arbeitet als Psychotherapeutin in Hamburg. Ihr neues Buch ist bei Mosaik erschienen (352 S., 16 Euro).

Ob die Leber gesund ist, zeigen Untersuchungen. Was aber ist der Sollzustand der Seele, und wie stellt man ihn fest? Genau das ist schwierig. Natürlich gibt es diagnostische Kriterien, aber eher um eine Störung festzustellen. Allerdings muss ich auch nicht unbedingt zum Arzt gehen, um zu verstehen, dass zwei Liter Bier am Tag schlecht für meinen Körper sind. Was ich damit sagen will: Viele wissen zu wenig über psychische Zusammenhänge und Wirkmechanismen zwischen Körper und Seele. Wenn wir mehr über die Seele wüssten, wüssten wir auch eher, ob sie sich im grünen Bereich befindet. Dass mit meiner Seele etwas nicht in Ordnung ist, kriege ich eigentlich immer dann mit, wenn sich Dinge wiederholen, wenn ich anecke, aus dem Job raus fliege, immer die falschen Männer kennenlerne. Was wir dann gern machen, ist zu sagen: Chefin doof, Mann doof, alles doof. Stattdessen würde ich mir die Frage wünschen: Was passiert da eigentlich in mir? 

Man sollte öfters in sich gehen

Also die Erkenntnis, dass man sich das eigene Unglück selbst eingebrockt hat ... Nein, es geht nicht um Schuld, sondern um Eigenverantwortung: Ich bin verantwortlich für das, was ich tue oder lasse, und nur in meinem Verantwortungsbereich kann ich etwas ändern. Unser Körper passt sich ständig an, zum Beispiel wenn wir vom Warmen ins Kalte gehen. Und auch unserer Seele gelingen diese Anpassungsprozesse. Dafür gibt sie uns sogar Signale, nur leider ignorieren viele die erst mal. Und da ist es von der Seele ein cleverer Schachzug, dass sie in Wechselwirkung mit anderen Organen steht. Erst wenn wir dann eine Magenschleimhautentzündung bekommen, nehmen wir unsere Gesundheit wahr und ernst.

"Das ist psychisch" hört man aber meist nicht gern, wenn es einem schlecht geht. Ja, das ist wahr. In einem Gespräch wird der Satz oft als Kränkung empfunden, denn es gibt immer noch eine Stigmatisierung. Das Nichtwissen über psychische Zusammenhänge löst viele Ängste aus. Übrigens auch bei Medizinern. Ich fände es schön, wenn die in allen Bereichen die Psyche mit im Blick behalten würden. Stattdessen ist die Diagnose "psychisch" das, was übrig bleibt, wenn man nichts anderes findet - wie der Schwarze Peter, den niemand will.

Um den Körper durchchecken zu lassen, geht man regelmäßig zum Arzt. Empfehlen Sie das auch für die Seele?
 Oh ja! Ich wünsche mir inständig, dass die Krankenkasse ein-, zweimal im Jahr einen Seelen-Check-up bezahlt, um zu schauen, ob alles in Ordnung ist. Denn natürlich lässt sich, wenn man bei Problemen frühzeitig einschreitet, auch schneller eine Veränderung erzielen. Wenn es gelernt ist, zum Therapeuten zu gehen, und ich weiß, was mich dort erwartet, ist außerdem die Hemmschwelle geringer, Hilfe zu suchen, wenn wirklich etwas ist. Mir als Therapeutin begegnen viele Vorurteile - Gesundheitslatschen, komische Klamotten, halbseidenes Gerede. Nach der ersten Sitzung dann sind die Patienten erleichtert und sagen: Da hätt’ ich auch schon zehn Jahre früher kommen können.

Fazit: Jede Menge Wissen,  trotzdem leicht lesbar - und eine gute Anleitung, um mit sich selbst in Kontakt zu kommen.

Brigitte 18/2018

Wer hier schreibt:

Antje Kunstmann

Unsere Empfehlungen

teaser_3