Wie unser Zeitgefühl entsteht & wie wir es austricksen

Statt auf die Uhr zu schauen, sollte man lieber das Gehirn austricksen – sagt Psychologin Claudia Hammond.

Wir alle kennen die Situation: Wir stehen im Supermarkt in einer langen Schlange und die Zeit vergeht quälend langsam. Können wir etwas tun, um uns nicht so ausgeliefert zu fühlen?

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Claudia Hammond: Sehr gut hilft hier Achtsamkeit: Wir können zum Beispiel die Leute vor uns in der Schlange genau beobachten, ihre Kleidung, was sie im Einkaufswagen haben. Wir können die Situation auch neu bewerten, ein Reframing schaffen. Das bedeutet: Wir sagen uns, dass wir es in dem Moment nicht mit unangenehmer Wartezeit zu tun haben, sondern mit einem Moment der Ruhe, in dem wir ganz bewusst nicht auf die Uhr schauen.

Nicht nur im Supermarkt, sondern ganz allgemein leiden wir unter dem Gefühl, überhaupt keine Zeit mehr zu haben. Wie kommen wir aus dieser Falle heraus?

Unser Empfinden für Zeit ist extrem subjektiv. Je mehr wir glauben, wenig Zeit zu haben, umso schneller vergeht sie in unserer Wahrnehmung dann auch. Wir sollten versuchen, uns mehr auf den Moment zu fokussieren, anstatt so häufig daran zu denken, was wir in der Zukunft alles zu tun haben, oder daran, was in der Vergangenheit falsch gelaufen ist. Wenn ich in London von zu Hause zur U-Bahn laufe, schaue ich mir die Häuser genau an, gehe auch mal andere Strecken. Sobald ich nicht mehr auf Autopilot schalte, nehme ich viel mehr wahr.

Stattdessen setzen viele auf Zeitmanagement, um wirklich alles unterzukriegen. Stellen wir uns da häufig selbst ein Bein?

Wir neigen dazu, einer Aufgabe weniger Zeit einzuräumen, als tatsächlich nötig ist, bei der Arbeit, in der Küche etc. Man bezeichnet das auch als Planungsfehlschluss. Deshalb sollte man immer einen Puffer einbauen für Unvorhergesehenes, das nimmt Stress raus. Untersuchungen haben übrigens gezeigt, dass Menschen, die sich überlastet fühlen, gerade die Aktivitäten aus ihrem Kalender streichen, die für ihr Wohlbefinden sorgen, also etwa im Chor singen. Dadurch erhöht sich noch mal ihr Stress.

Im Urlaub sinkt normalerweise der Stresspegel. Doch auch hier können wir unserem Zeitempfinden nicht trauen: Wenn wir woanders sind, meinen wir, die Tage vergingen im Fluge, sind wir wieder zu Hause, kommt es uns vor, als hätte der Urlaub ewig gedauert. Was passiert da in unserem Kopf?

Ich nenne dieses Phänomen Urlaubs-Paradox. In den Ferien sammeln wir vielfältige Eindrücke, lernen andere Orte kennen, probieren neue Aktivitäten aus. Dadurch entsteht der Eindruck, dass die Zeit schnell vergeht. Im Rückblick kommt uns die vergangene Zeit sogar länger vor, als sie tatsächlich war, weil wir im Gehirn viele Erinnerungen produziert haben. Je mehr Neues wir entdecken, umso mehr Erinnerungen werden generiert.

Ist der Mangel an Neuem auch der Grund, warum die Zeit immer schneller zu vergehen scheint, je älter wir werden?

Ja. Zwischen 15 und 25 haben wir viele prägende Eindrücke, machen Erfahrungen zum ersten Mal. Wenn wir älter sind, folgen wir mehr unseren Gewohnheiten und Abläufen, die Jahre schieben sich dadurch sozusagen zusammen ...

... und plötzlich steht schon wieder Weihnachten vor der Tür.

Genau. Solche Zeitmarker sind oft schockierend, weil sie uns daran erinnern, wie schnell die Zeit vergeht und dass unsere Zeit begrenzt ist.

Können wir denn Weihnachten im Kopf weiter nach hinten schieben?

Ja, indem wir versuchen, unsere Routinen zu durchbrechen und der Spontaneität mehr Raum zu geben. Also: auch mal in Städte oder Länder reisen, die wir noch nicht kennen, neue Sportarten ausprobieren, uns mit anderen Menschen treffen. Dadurch dehnt sich dann die gefühlte Zeit. Wir können unser Gehirn also durchaus austricksen.

Claudia Hammond ist Psychologin und Journalistin. Ihr aktuelles Buch "Tick, tack. Wie unser Zeitgefühl im Kopf entsteht" ist im Klett-Cotta Verlag erschienen (384 Seiten, 22 Euro).

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BRIGITTE 20/2019

Wer hier schreibt:

Franziska Wolffheim
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