Mehr entspannen: Warum der Job nicht zum Lebensinhalt werden sollte

Ich arbeite, also bin ich? Warum unser Job auch mal nur Broterwerb sein darf: ein Plädoyer dafür, sich mehr zu entspannen.

Ein Wort beherrscht meinen Freundeskreis zur Zeit wie ein heilbringendes Mantra: Sofortrente. In den letzten Wochen muss der Umsatz an Glücksspirale-Losen explodiert sein. Und damit die Hoffnung auf 7500 Euro monatlich ein Leben lang. Irgendwer gewinnt immer, warum nicht einer von uns?

Doch was dann? Der erste Impuls ist: Endlich raus aus der Maloche-Maschine. Nie mehr darüber erschrocken sein, wie wenig am Ende auf dem Gehaltszettel steht. Nie mehr auf den unzureichenden Anerkennungsbrocken herumkauen, die der Chef uns hinwirft. Nie mehr fremdbestimmt werden; nur noch tun, was einem gefällt! Leider setzt dann der zweite Impuls ein, und der fragt hämisch: Was gefällt mir denn eigentlich so sehr, dass es die Joblücke in mir auffüllen könnte?

Es ist ein Kreuz mit der Arbeit. Wir verbringen unendlich viel Zeit mit ihr, ein halbes Leben, Geburtstage, Sonnenstunden, selbst Abende und Wochenenden. Zeit, in der wir mit unserem Partner nicht im Bett rumliegen, nicht mit den Kindern toben, nicht mit dem Hund spazieren gehen. Also all die Dinge tun, die wir im Allgemeinen unter "Leben" verstehen. Gleichzeitig wissen wir ja, dass wir ohne Arbeit - abgesehen von einer Erwerbsgrundlage, die uns ein gutes Leben erst ermöglicht - auch an Wert verlieren. An Selbstbewusstsein, Anerkennung, im schlimmsten Fall an Daseinssinn.

"Je mehr wir beschäftigt sind, je mehr fühlen wir, dass wir leben", befand schon Immanuel Kant Mitte des 18. Jahrhunderts. Und legte damit den Grundstein zu einer Gesellschaft, die Arbeit nicht nur als grässliche Mühsal ansah, die im bibeldonnernden Schweiße des eigenen Angesichts erledigt werden musste. Arbeit - zumindest die geistig-kreative, die einem nicht Rücken und Gesundheit brach -, galt fortan als Schlüssel zur eigenen Identitätsbildung: Ich schaffe, also bin ich.

Unsere moderne Arbeitswelt hat diese Einstellung bis zur Perversion auf die Spitze getrieben. Sie verlangt unsere völlige Identifikation mit dem Beruf; wir sollen von allen Seiten brennen. Unsere Kommunikationsgeißeln Smartphone und Internet machen es möglich, rund um die Uhr die Tür zu öffnen, wenn der Job anklopft, und zu sagen: "Hallo, komm doch rein! Ich hab sogar Kuchen da - den wollte ich zwar gerade mit meiner Familie essen, aber du gehst natürlich vor!" Wir arbeiten also nicht mehr, um zu leben. Wir leben, um die Zeit bis zur nächsten Aufgabe zu überbrücken. Ist es da eine Überraschung, dass wir die Bedürfnisse, die wir früher an unser Privatleben gestellt haben, auch auf unseren Job übertragen?

Unser Beruf soll uns bitte nicht nur ernähren und aus dem Bett holen - nein, er soll uns gefälligst rundum glücklich machen. Leider ist das in den meisten Fällen zum Scheitern verurteilt, zumal die immer höher geschraubten Ansprüche meist nicht durch höhere Wertschätzung belohnt werden, weder in finanzieller noch in persönlicher Hinsicht. Diese Enttäuschung kompensieren wir dann entweder mit noch hektischeren Anstrengungen, oder wir versinken in Motivationslosigkeit. Beides führt früher oder später zwangsläufig in die Depression oder den viel besungenen Burnout.

Dabei bleibt alles auf der Strecke: Unsere Persönlichkeit, die sich ja aus viel mehr Facetten zusammensetzt als nur unserer Berufswahl. Unser Privatleben, das so oft zurückstecken muss. Unsere Kraft und unsere Kreativität, die sich doch auch aus Müßiggang und arbeitsfremden Impulsen schöpfen - und die wiederum unserem Job zugutekommen könnten.

Wie kommen wir aus dieser Sache denn nur wieder raus? Isabella Heuser, Leiterin der psychiatrischen Abteilung an der Berliner Charité, hat einen herrlich radikalen Ansatz parat. Sie sagt: "Arbeit muss nicht glücklich machen, sie ist auch nicht dafür da, dem Leben Sinn zu geben, sie muss nicht mal Spaß bringen. Sie ist einfach nur ein Broterwerb."

Das sitzt erst mal und ruft bei uns Selbstausbeutern, die wir so gern Work mit Life verwechseln, Empörung hervor. Im Stillen ahnen wir jedoch, dass etwas Befreiendes in dieser Haltung steckt. Wenn der Beruf nicht die einzige Berufung ist, können wir ihn mit gesünderer Distanz betrachten. Und dann auch mal Nein sagen, das Büro pünktlich verlassen. Wir können anfangen, das Gefühl loszuwerden, dass es ohne uns nicht geht. Das soll natürlich nicht heißen, innerlich sofort komplett zu kündigen. Der Schritt zurück, raus aus dem Verzweiflungsnebel, kann helfen, die guten Seiten des Jobs wieder oder überhaupt erst zu entdecken.

Text: Andrea Benda

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