VG-Wort Pixel

World Mental Health Day Warum wir nicht mehr ständig über Mental Health sprechen müssen

Psychologie: Eine Frau mit einem Hund
© SHOTPRIME STUDIO / Adobe Stock
Mental Health hier, Mental Health da, Mental Health matters, Mental Health Week. Allmählich könnten wir gern etwas weniger von Mental Health sprechen. Findet unsere Autorin. Hier erklärt sie, warum.

In der Sprachwissenschaft gibt es einen hübschen Begriff für Formulierungen, die von der neutralen Standardform abweichen: markiert. Wenn ich zum Beispiel das Passiv verwende und sage "Herbert wurde von Mariella besiegt" anstatt den Sachverhalt mit der Aktivform zu beschreiben, "Mariella hat Herbert besiegt", benutze beziehungsweise bilde ich einen markierten Satz. In einem weiter gefassten Verständnis können wir ein Stilmittel wie eine Tautologie, "weißer Schimmel", als markiert bezeichnen, ebenso wie semantisch besonders aufgeladene, starke Wörter im Vergleich zu vageren, neutraleren Begriffen – beispielsweise "krachen" versus "aufeinandertreffen". 

Manchmal verwenden wir markierte Formen versehentlich, weil wir uns verhaspeln oder nicht ganz bei uns sind. In den meisten Fällen dienen sie uns jedoch dazu, eine besondere Sprechabsicht oder Intention auszudrücken: Mit dem Passiv können wir beispielsweise je nach Zusammenhang und Betonung eine der beiden beteiligten Personen besonders in den Fokus rücken, mit einer Tautologie heben wir das doppelt genannte Merkmal extra hervor und mit einem semantisch starken Begriff wie "krachen" machen wir deutlich, dass es ordentlich gebumst hat.

Den Ausdruck "mentale Gesundheit" oder "mental health" empfinde ich nun ebenfalls als markiert. Wir könnten lediglich von Gesundheit sprechen, aber nein: Wir heben deutlich hervor, dass wir die mentale Gesundheit meinen und grenzen sie explizit von dem ab, was wir mit Gesundheit bezeichnen. Einerseits kann ich mir ungefähr vorstellen, warum wir das tun – andererseits wäre ich dafür, dass wir es lassen. 

Warum liegt unsere Betonung meist auf "Mental Health"?

Einige Jahre lang hatten viele Menschen in unserer Gesellschaft kaum auf dem Zettel, dass es eine mentale Ebene unserer Gesundheit gibt und dass sie für unser (Über-)Leben relevant ist. Nicht dass das Konzept an sich besonders neu wäre: Der Spruch "mens sana in corpore sane" (gesunder Geist in gesundem Körper) ist immerhin rund 1900 Jahre alt. Doch über ein paar Generationen galten in unserem Kulturkreis Menschen mit bestimmten gesundheitlichen Problemen eben nicht als krank, sondern als verrückt, irre, wahnsinnig, empfindlich oder schwach.

Dieses Missverständnis kann der Begriff mentale Gesundheit aufzuklären helfen, da er die Psyche als Bestandteil unserer Gesundheit kennzeichnet und betont. Allerdings könnte er direkt das nächste Missverständnis herbeiführen. 

Körper und Geist sind kaum zu trennen – wieso es sprachlich also tun?

Mittlerweile ist bekannt, belegt und nahezu unumstritten, dass unsere Physis und unsere Psyche, unser Körper und Geist, eng miteinander verwoben sind und sich gegenseitig bedingen. Im Grunde ist es schwer zu sagen, wo das eine anfängt und das andere aufhört, die Grenze, die wir ziehen, unterliegt ein Stück weit unserer Willkür beziehungsweise Interpretation. Wir können an Einsamkeit sterben, durch Überarbeitung Vergiftungssymptome und von Stress einen Herzinfarkt bekommen, wegen einer Darmerkrankung depressiv werden und aufgrund einer Essstörung an Osteoporose erkranken. Die sprachliche Abgrenzung, die wir vornehmen, wenn wir grundsätzlich von mentaler Gesundheit im Unterschied zu Gesundheit sprechen, kann es uns allerdings erschweren, die Verbundenheit beziehungsweise die Einheit von Körper und Geist zu verinnerlichen. Wahrscheinlich wird sie sogar noch dazu beitragen, dass wir in unseren Köpfen die beiden Bereiche scharf voneinander trennen und diese willkürliche Grenze, die wir aus bestimmten Gründen irgendwo ziehen, für eine unumstößliche, unveränderliche Realität halten.

Braucht die psychische Gesundheit einen Sonderstatus? 

Davon abgesehen verleiht der Begriff Mental Health, wenn wir ihn immer und in allen Zusammenhängen gebrauchen, der psychischen Gesundheit einen Sonderstatus und suggeriert, dass sie einen anderen Stellenwert habe als die physische. Wollen wir ihr den wirklich zusprechen? Ich möchte das ehrlich gesagt nicht. Ich wüsste überhaupt nicht, warum. Unabhängig davon, dass mir die Grenze zwischen beiden Bereichen nicht ganz klar ist und ich sie im Grunde meines Herzens gar nicht als zwei Bereiche denken mag, empfinde ich die physische und psychische Gesundheit prinzipiell als gleichwertig und gleichrangig. Und mir wäre mehr daran gelegen, diese Gleichwertigkeit zum Ausdruck zu bringen, als eine willkürliche Trennlinie abzubilden.

Fazit

Ich möchte niemandem vorschreiben, welche Begriffe er:sie verwendet, und ich fordere ebenso wenig, dass wir die Bezeichnung mentale Gesundheit aus unserem Sprachgebrauch verbannen. In manchen Situationen brauchen wir tatsächliche eine Abgrenzung zwischen der Physis und der Psyche, zum Beispiel, wenn eine Hausärztin entscheidet, ob sie ihren Patient zur Psychotherapie oder an eine internistische Praxis verweist. Oder wenn wir auf unserer Website eine Themenwoche veranstalten, im Rahmen derer wir uns auf einen bestimmten Bereich konzentrieren.

Zugleich glaube ich, dass es uns guttun kann, wenn wir unsere mentale Gesundheit ebenso ernst nehmen und behandeln wie die körperliche. Wenn wir bei Zwangsgedanken oder anhaltender Traurigkeit ebenso alarmiert sind und selbstverständlich zu einer:m Ärzt:in gehen wie bei Rückenschmerzen oder einem auffälligen Muttermal. Wenn wir uns nach einer Essattacke mit der gleichen Selbstverständlichkeit krank melden und Zeit für uns nehmen wie bei Fieber. Wenn wir genauso viel Wert auf ein ausgewogenes Sozialleben legen wie auf eine ausgewogene Ernährung. Gesundheit ist Gesundheit. Sofern wir uns nicht gerade verhaspeln oder individuelle Gründe für irgendwelche Hervorhebungen oder Detailangaben haben, können wir darüber meinetwegen gern offen, neutral und unvoreingenommen sprechen – und dann einfach einmal schauen, wie es uns damit geht.

Brigitte

Mehr zum Thema