Sätze des Lebens: Das hat mir geholfen

Sie treffen einen wunden Punkt oder direkt ins Herz. Die Sätze des Lebens. Prominente wie Senta Berger oder Matthias Schweighöfer erzählen, was ihnen hilft.

"Um zu wissen, was genug ist, muss man erfahren haben, was mehr als genug ist"

Claudia Langer, 47, Gründerin der Internet-Plattform Utopia "Meine Eltern wollten mich zu Demut erziehen. Aber ich wollte dem Leben immer alles abringen, Neuland betreten, etwas völlig Wahnsinniges tun. Als ich den Satz von William Blake las, habe ich ihn sofort aufgeschrieben. Er brachte meinen Lebenshunger auf den Punkt: Nur wer an seine Grenzen geht, erfährt sich selbst. Ich habe meine Energie immer verbrannt, rücksichtslos, ein Leben auf Überholspur geführt, Kollaps inklusive. Im Moment baut sich wieder etwas auf, das mich an meine Grenze bringen könnte: Ich kann es nicht ertragen, dass die Menschen blind der Zerstörung unserer Umwelt zugucken, ich möchte sie schütteln. Ich engagiere mich, wo ich nur kann, sitze in Gremien, habe das Buch ,Die Generation Man-müsstemal' geschrieben, halte Vorträge. Manchmal bin ich verzweifelt, wütend oder hoffnungslos, dann wieder abenteuerlustig. Ich kann nicht anders, als alles zu geben, um Dinge zu ändern."

Stark oder sensibel: Deine Lenkrad-Haltung verrät viel über dich

"Am Ende wird alles gut sein, und wenn es nicht gut ist, ist es nicht das Ende "

Dr. Reyhan Sahin, 32, bekannt als Rapperin Lady Bitch Ray "Völlig verzweifelt lag ich auf dem Boden im Studio meines Musikproduzenten. Damals war ich 19, wollte berühmt werden - und hatte eine schwere Depression. Immer wieder fragte ich, ob diese Qual jemals vorbeigehen würde. Mein Produzent hockte sich vor mich hin und sagte diesen Satz. Ich musste heulen, so sehr empfand ich ihn als Erlösung. Das war der Anfang vom Ende meiner Depression. Bis heute bedeutet er für mich Hoffnung. In schwierigen Situationen spreche die Worte laut aus. Und sofort steigt der Glaube an etwas Positives und an meine eigene Kraft in mir auf."

"Liebe ist nichts für Feiglinge"

Matthias Schweighöfer, 31, Schauspieler "Vor etwa einem Jahr saß ich auf einer Burgmauer in einer Szene zu meinem neuen Film ,Der Schlussmacher' (siehe Seite 69), als Milan Peschel, mein guter Freund, diesen Satz zu mir sagte. Der stand nicht im Drehbuch, aber mir war sofort klar: Darüber muss ich noch mal nachdenken! Wenn man nicht mehr nur ein Liebespaar ist, das zusammen feiert und in Urlaub fährt, sondern auch ein Kind hat, verändert sich die Liebe. Da ist viel mehr Verständnis und Mut nötig, damit man nicht in diesen Strudel gerät, der zur Trennung führt. Wenn ich z. B. vor der Frage stehe: ,Trinke ich jetzt noch das eine Bier zu viel?', denke ich erst mal: ,Klar, du bist jung!', aber dann klopft morgens um sechs meine Tochter an die Schlafzimmertür, und ich bin völlig fertig. Dann sage ich mir ab und an diesen Satz. Mit Kindern ist es an der Zeit, den eigenen Egoismus zurückzuschrauben - und trotzdem gelassen zu bleiben."

"Du darfst auch mal off sein"

Manuela Schwesig, 38, Arbeits- und Sozialministerin in Mecklenburg-Vorpommern, stellvertretende Bundesvorsitzende der SPD "Ich meine damit nicht nur Internet und Handy. Es geht um mehr: darum, sich im dicht getakteten Alltag auch Auszeiten zuzugestehen. Das nehme ich mir immer wieder vor."

"Hab die Angst und tu's"

Eva Wlodarek, 65, Hamburger Psychologin und Autorin "Auch wenn er sich beim ersten Lesen vielleicht so anhört: Das ist kein Kamikaze-Satz. Es geht nicht um volles Risiko, nicht um ,Koste es, was es wolle', sondern um Achtsamkeit sich selbst gegenüber. Der Satz macht einen darauf aufmerksam, dass man Angst hat, und ist gleichzeitig eine Ermutigung, sich davon nicht lähmen zu lassen. Mir ist er vor 15 Jahren im Buch einer US-Kollegin untergekommen. Damals sollte ich einen Vortrag vor 2000 Leuten halten. Vor so vielen Leuten - am liebsten hätte ich abgesagt. Das war das erste Mal, dass mir der Satz geholfen hat. Seitdem ist er mein Fallschirm. Mit ihm bin ich immer einen Tick mutiger. Alles Neue, alles Unbekannte macht erst mal Angst. Wir sollten sie einfach als Begleiterin akzeptieren."

"Dann darfst du der Liebe nicht so viel Platz einräumen"

Christiane Rösinger, 51, Autorin ("Liebe wird überbewertet") und Sängerin der Lassie Singers aus Berlin "Wenn mich früher jemand gefragt hätte: ,Willst du Sängerin werden und tolle Lieder schreiben oder eine feste Partnerschaft haben?', ich hätte mich immer für die Partnerschaft entschieden. Es war backstage vor 20 Jahren, als sich das änderte. Ich klagte dem Veranstalter, den ich gut kannte, meinen fiesen Liebeskummer. Er meinte: ,Aber du schreibst doch so schöne Lieder darüber.' Ich: ,Aber es tut so verdammt weh.' Er sagte den Satz. Ich war platt, vor den Kopf gestoßen. Ist nicht mein ganzes Leben auf die Liebe ausgerichtet? Warum sollte gerade ich die Liebe in eine Ecke packen? Es war, als ob man einer Süchtigen den Stoff wegnähme. Es war eine grausame Wahrheit. Und meine Rettung."

"Wenn du weißt, dass du bald sterben wirst, dann kannst du das jetzt betrauern oder versuchen, dir die kurze Zeit so angenehm wie möglich zu machen"

Sibylle Berg, Schriftstellerin ("Vielen Dank für das Leben") "Mit Mitte Zwanzig war ich verzweifelt am Leben. Alles erschien mir ungerecht, furchtbar, unzulänglich. Ein Bekannter hat mir dann diesen Satz gesagt. Für mich bedeutet er: Nimm dich nicht zu wichtig. Natürlich kannst du versuchen, die Welt zu verbessern, aber finde dich auch immer ein bisschen komisch dabei. Genau diese Haltung habe ich dann verinnerlicht, sie steckt in meinen Büchern und Stücken. Und immer, wenn ich mich heute zu ernst nehme oder bei Eitelkeiten ertappe, denke ich einfach daran, dass ich bald tot bin. Für mich steckt in diesem Satz ein großer Trost."

"Um ein Ziel erreichen zu können, muss man in der Lage sein, es zu ändern"

Rebecca Martin, 22, Autorin ("Und alles so yeah") "Die Zeile aus einem Song des Rappers Jay-Z ,Ain't nothin' wrong with the aim, just gotta change the target' bringt auf den Punkt, was ich in den letzten Jahren erst lernen musste. Eigentlich wollte ich Schauspielerin werden. Als mir dann mit 18 der erste Buchvertrag zugeflogen kam, war das schön, aber ich hatte auch das Gefühl, dass ich mir den Erfolg nicht wirklich verdient habe. Ich brauchte noch ein paar Jahre, um zu erkennen, dass das Schreiben für mich der richtige Weg ist. Und dass ich dafür Träume auch loslassen muss. So ist das mit den Rückschlägen: Was sich daraus ergibt, sind oft Dinge, die eben doch den eigenen Vorstellungen entsprechen - vorausgesetzt, man ist flexibel genug, das auch zu erkennen."

"Wer du auch seist, nur eines - sei es ganz"

Senta Berger, 71, Schauspielerin "Mit 17 machte ich eine schwierige Lebensphase durch. Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt, das war meine Stimmungslage. Ich probierte ständig neue Identitäten aus - weil ich noch keine eigene hatte. Mit meiner Mutter, mit der ich mich doch immer so gut verstanden hatte, sprach ich nicht über meine Verwirrungen und Ängste. Aber sie kannte mich besser als ich mich selbst und sorgte sich. Sie schenkte mir ein Büchlein. Den Namen der Dichterin Mascha Kaléko hatte ich noch nie gehört. Eine Seite hatte meine Mutter eingeknickt und ein getrocknetes vierblättriges Kleeblatt hineingelegt. Das Gedicht hieß: ,An mein Kind'. Es schloss mit der Zeile: ,Wer du auch seist, nur eines - sei es ganz!' Was meine Mutter mir nicht sagen konnte, sagte Mascha Kaléko für sie. Und ich verstand. Es hat noch lange, lange gedauert, bis ich ganz ,ich' war und mich akzeptiert habe mit all meinen Unvollkommenheiten, Fehlern, Vorzügen und Talenten. Danke, Mutter. Danke, Mascha."

"Shit happens "

Oskar Holzberg, 59, Paartherapeut in Hamburg "Als Tom Hanks in diesen großen Haufen trat, muss es passiert sein. Ich torkelte aus ,Forrest Gump' und war endgültig zum Taoismus übergetreten. ,Shit happens'. Trivialer geht's ja kaum. Und derbe ist der Spruch auch noch. Aber genial. Steht er doch für das, was er behauptet. Lao Tse, der Weise des Taoismus, hat vor 2500 Jahren die Botschaft von ,Shit happens' viel schöner formuliert. Aber, sorry, Lao, nicht ganz so alltagstauglich. ,Das Universum ist vollkommen. Es kann nicht verbessert werden. Wer es verändern will, verdirbt es. Wer es besitzen will, verliert es.' Alles klar? Doch dummerweise finden wir das Universum alles andere als vollkommen. Denn was ist vollkommen an Grippeviren, Steuernachzahlungen und Erektionsstörungen? Oder daran, unserem Gatten die SMS an den Lover zu schicken? Das Universum mag vollkommen sein, aber meistens ist nichts davon zu merken. Und irgendwie scheint jeder davon überzeugt zu sein, dass das an ihm persönlich liegt. Und deshalb strengen wir uns alle wie verrückt an. Ich weiß, wovon ich rede. Ich bin Psychotherapeut. Das wird man ja auch nicht zufällig. Wir waren mal anspruchsvoll, mittlerweile sind wir Optimierungswahnsinnige. Dass das Universum perfekt ist, wollen wir in jeder Flasche Wein, jedem Blick unserer Kinder und jedem Yoga-Kurs erleben. Aber dann verlieren wir unsere Schlüssel, sind zu schüchtern, unseren Traummann anzuquatschen, und streiten über das Haushaltsgeld. Das macht uns sauer auf uns selbst. Tief unzufrieden. Dann brauchen wir eine Medizin. ,Shit happens' ist die Medizin. Denn das Leben ist schon okay. Vollkommen in seiner Unvollkommenheit. Nur unsere Vorstellungen sind gaga. Wir müssen uns immer wieder erinnern, dass die Schatten zum Licht gehören, das Versagen zur Freude und die Dummheit zu uns Menschen. Wir zeigen auf die Sterne und bohren unserem Liebsten dabei den Finger ins Auge. ,Shit happens' ist die höchste Weisheit. Denn letztlich sind wir selbst damit gemeint. Mich entspannt das endlos."

"Denke immer daran, dass alle Menschen gleich sind"

Petra Jenner, 48, Chefin von Microsoft Schweiz, Autorin ("Mit Verstand und Herz - authentisch und erfolgreich") "Als ich acht Jahre alt war, nahm mich mein Vater mit in die Firma. Es war Wochenende, doch die Arbeiter hatten Dienst. Mein Vater fragte jeden, was er gerade mache und wie es ihm gehe. Hinterher sagte er zu mir: ,Achte darauf, dass du zu jedem Menschen freundlich bist. Denke immer daran, dass alle Menschen gleich sind.' Das hat mich sehr beeindruckt. Mit elf oder zwölf war mir klar, dass ich so werden wollte wie er. Ich wollte auch gestalten, Entscheidungen treffen, Verantwortung tragen. Noch wichtiger war mir jedoch: Ich wollte andere motivieren. Meine Mitarbeiter sollten nicht nur ihre Pflicht tun, sondern Freude an der Arbeit haben."

"Selbst wenn du Reichtümer im Keller hast - auf den Markt gehst du besser mit Kleingeld"

Juli Zeh, 38, Schriftstellerin ("Nullzeit") "Ich habe den Satz nie gemocht, aber ich habe mich mein ganzes Leben lang daran abgearbeitet. Gehört habe ich ihn das erste Mal als Achtjährige. Damals war ich bei meiner Tante zu Besuch. Mit einem Kollegen von ihr ging ich oft spazieren. Ich war ein altkluges Kind, immer bemüht, Erwachsene zu beeindrucken. Und plötzlich, mitten im Gespräch, blieb er stehen und sagte diesen komischen Satz. Ich habe ihn nicht gleich verstanden, aber ich habe gespürt, es ging um meine Klugscheißerei. Ich war völlig geschockt. Das wirkt bis heute nach. Seit ich meine Meinung öffentlich in Artikeln oder Talkshows äußere, wird mir oft vorgeworfen, ich sei eine Streberin. In solchen Momenten kommt mir der Satz immer in den Sinn. Damals habe ich ihn als Mahnung zur Bescheidenheit begriffen. Heute stelle ich mir in solchen Momenten die Frage, ob es eine Verpflichtung zur Bescheidenheit gibt. Ich bin da gespalten. Wenn ich als Frau meine Meinung sage und auch noch eloquent vertrete, werde ich angegriffen. Dem will ich mich natürlich nicht beugen. Andererseits ist ja auch was dran, ich habe ja tatsächlich was Oberschlaues. Und weil mir das klar ist, bewegt mich dieser blöde Satz bis heute."

"Angst ist immer ein schlechter Ratgeber"

Katja Eichinger, 41, Autorin ("BE") "Ein kreativer Akt fordert immer Opfer. Und meistens bedeutet das die Überwindung von Ängsten: die Angst vor Bloßstellung, vor Kontrollverlust, vor finanziellem Ruin, die Angst davor, nicht mehr geliebt zu werden. Jedes Mal, wenn ich meinen Ängsten nachgegeben habe, habe ich es bereut. Denn wer sich von der Angst leiten lässt, ist auf der Flucht. Angst ist immer ein schlechter Ratgeber. Das war auch Bernds Einstellung, und das hat uns verbunden."

"Du musst lernen, dir selbst genug zu sein "

Sinja Schütte, 42, BRIGITTE-Redakteurin "Als ich den Satz von Gioconda Belli las, war ich 22, hatte mich gerade von meiner ersten großen Liebe getrennt und war in eine fremde Stadt gezogen. Ich wohnte zum ersten Mal allein. Ganz allein. Die Wohnung war mini, aber sie gehörte mir. Und ich las die Geschichte zweier Widerstandskämpferinnen, in der die Ältere der Jüngeren rät: ,Du musst lernen, dir selbst genug zu sein.' Das war es, hier und jetzt, ich allein in einer neuen Stadt: Es kann losgehen! Bis heute rufe ich mir diesen Satz immer dann in Erinnerung, wenn ich freie Zeit mit hastiger Geschäftigkeit fülle. Dann setze ich mich hin und mache einfach gar nichts, halte mich aus und bin mir selbst genug."

"Wer will, findet Wege, wer nicht will, findet Gründe"

Anne Schütz*, 42, Bibliothekarin, Hamburg "Der Mann meines Lebens lebte mit einer anderen Frau zusammen. Was er mir erst gestand, als ich mich längst auf ihn eingelassen hatte. Ich war schockiert, er versprach, sofort bei ihr auszuziehen. Leider bedeutete ,sofort' für ihn niemals ,jetzt'. Er fand immer Gründe. Die anstehende Prüfung seiner Freundin, Berufsstress... Irgendwann spürte ich, dass ich da raus musste. Ich schaffte es nicht. Bis ich auf diesen Satz stieß: Eine Paartherapeutin hatte ihn in einem Interview zitiert. Er hatte eine ähnliche Wirkung auf mein Denken wie eine Putzfrau auf eine Messie- Wohnung. Es beendete das Durcheinander: Entscheidend war nicht, welche Ausreden mein Geliebter fand, sondern dass er überhaupt welche fand. Der will einfach nicht. Ich trennte mich. Einige Jahre später lernte der Mann eine neue Frau kennen und zog innerhalb weniger Tage zu ihr. Mein Satz hatte den Realitätstest bestanden." * Anne Schütz wollte lieber anonym bleiben und ohne Foto ihre Geschichte erzählen

BRIGITTE 2/2013
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