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Zohre Esmaeli Der Preis für ein freies Leben

Zohre Esmaeli: Frau mit langen, braunen Haaren
© Metodi Popow / imago images
Sie floh aus Afghanistan und musste sich gegen ihre Eltern stellen, um ihre Träume zu leben: Zohre Esmaeli bekam nichts geschenkt.
von Sonja Niemann

Jeden Tag, den ich aufstehe, bedanke ich mich bei Gott, dass ich mich auf den Weg gemacht habe. Ich musste zweimal fliehen, um das Leben zu führen, das ich heute habe. Das erste Mal als 13-Jährige mit meiner Familie aus Afghanistan nach Deutschland. Und das zweite Mal als 17-Jährige – vor meiner eigenen Familie. Die erste Flucht war schwierig, aber die zweite war die viel schlimmere. Doch ich kann heute sagen: Es hat sich alles gelohnt.

Zwischen Flucht und Vermissen

Damals, als 13-Jährige, hatte ich auf der Flucht viele Bilder im Kopf, wie mein Leben in Deutschland werden würde: Ich werde viele Freunde kennenlernen und tausend Dinge machen, ich malte es mir in den schönsten Farben aus. Wir lebten die ersten zwei Jahre in einer Flüchtlingsunterkunft in Kassel. Ich konnte die Sprache nicht, ich hatte keine Freunde, es verging keine Woche, wo ich nicht geheult habe, weil jemand in der Schule was Gemeines gesagt oder gemacht hatte. Auf der anderen Seite gab es meine Eltern, die mir nicht erlaubten, mit auf Klassenfahrt zu fahren, weil da Jungs mit dabei sind, ich durfte nicht schwimmen gehen, keinen Sport machen. Ich wollte dazugehören, aber ich durfte nicht.

Mit 16 wurde ich zufällig als Model entdeckt. Diesen Beruf hätten meine Eltern mir niemals erlaubt. Stattdessen wollten sie, dass ich schnell heirate, den Mann hatten sie schon ausgesucht. Mir wurde klar, dass ich mein Leben nicht weiter nach den Vorstellungen meiner Eltern leben kann. Sondern dass ich die Freiheiten, die mir das Leben in Deutschland bietet, nutzen möchte – selbst wenn das bedeutet, dass ich mit meiner Familie brechen muss.

Ich flüchtete erst in ein Jugendheim, später zu den Eltern meines deutschen Freundes in Stuttgart. Mein Bruder hatte mir mit dem Tod gedroht, und ich habe mich manchmal zu der Mutter nachts ins Bett gelegt, weil ich solche Angst hatte, dass jemand rausfindet, wo ich bin, und durchs Fenster steigt. Und gleichzeitig habe ich meine Familie so vermisst.

Integration braucht Zeit

Meine Eltern sind nicht böse, sie haben mich geliebt. Aber sie wussten es nicht besser. Es hat ihnen keiner erzählt, wie das Leben hier läuft und ihnen auch die Ängste genommen. In Afghanistan kann man nicht als Mädchen oder Frau allein irgendwohin gehen, es wäre gefährlich für die Frau. Meine Eltern dachten, sie müssten mich auch hier beschützen. Das ist auch der Grund, warum ich das Projekt "Culture Coaches" gegründet habe: Wir bilden migrationserfahrene Menschen dafür aus, neu angekommenen und auch schon länger hier lebenden Menschen bei der Integration zu helfen. Integration bedeutet viel mehr, als die Sprache zu können und einen Job zu haben.

Das ist wichtig, aber es reicht nicht aus. Integration geht viel tiefer. Es ist ein seelischer Prozess, der seine Zeit braucht. Und es ist vor allem eine Haltung. Ich kenne Afghanen, die seit Jahrzehnten hier leben, gebildet sind, die Sprache perfekt sprechen, und dann zu ihrem Sohn mit seiner deutschen Freundin sagen: Es wird Zeit, dass wir mal eine richtige Frau zum Heiraten für dich finden, also eine afghanische Frau. Dies ist eine Haltung, mit der sich Migranten auch selber ausgrenzen und die problematisch ist. Und wir müssen offen über solche Sachen reden. Gleichzeitig richtet sich das Projekt auch an die aufnehmende Gesellschaft. Integration ist keine Einbahnstraße, für eine transkulturelle und offene Gesellschaft benötigt es die Offenheit aller.

Ich habe mich heute längst mit meinen Eltern versöhnt. Denn auch sie haben sich mit der Zeit integriert, und sie haben meine Entwicklung verfolgt und gesehen, dass ich nicht die schlimmen Dinge mache, die in ihrem Kopf sind. Sie respektieren mich, und bei meinem Vater habe ich manchmal sogar das Gefühl, dass er tief im Inneren ein bisschen stolz auf mich ist. Ich habe auch eine Tür für meine Neffen und Nichten geöffnet. Die können Sport machen, schwimmen, einen deutschen Freund haben, ohne Probleme.

Meine Heimat ist Deutschland, aber ich denke oft an Afghanistan. Ich bin dort aufgewachsen, es ist ein Teil von mir. Aber ich möchte dahin nicht wieder zurückgehen. Das, was ich hier habe, möchte ich nie wieder aufgeben.

Zohre Esmaeli35, ist Model, Unternehmerin, und engagiert sich u. a. mit dem von ihr gegründeten Projekt "Culture Coaches" für Integration und Bildung (culturecoaches.de).

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