Zu häufig Danke sagen – gibt es das?

Ein kleines Wort mit manchmal großer Wirkung. Kirsten Hoffmeister fragt sich allerdings, ob man das mit dem Bedanken auch übertreiben kann. 

Wenn meine Eltern mir etwas eingeimpft haben, dann die Wahrheit zu sagen, meinen Haustürschlüssel nicht zu verlieren und mich stets für alles zu bedanken. Noch heute haben mein Umfeld und ich die Konsequenzen dieser Erziehung zu ertragen: Immer wieder bin ich so ehrlich und unverblümt, dass ich mein jeweiliges Gegenüber vor den Kopf stoße. Meinen Schlüssel suche ich zwar häufig, habe ihn tatsächlich aber noch nie verloren. Und zu guter Letzt: Das Wörtchen "Danke" kommt mir wie selbstverständlich über die Lippen.

Bewusst wahrnehmen und wertschätzen

Das hat erfreulicherweise auch auf meine Familie abgefärbt. Mein Mann bedankt sich zum Beispiel täglich für das von mir gekochte Essen. Meine pubertierenden Söhne, die gern auch mal in derber Sprache kommunizieren, überraschen ihre Umwelt immer wieder mit allerhöflichstem Verhalten. Dankbarkeit geht bei uns sogar so weit, dass wir kürzlich bei einem sehr traurigen Anlass – der Beerdigung meines Vaters – ein Dankes-Lied angestimmt haben. Das stieß bei einem kleinen Teil der Trauergemeinde auf Erstaunen. Wieso danken, wenn jemand aus dem Leben gerissen wurde?

Das hat sicherlich etwas mit Demut für das gemeinsam Erlebte zu tun. Und genau die wird uns doch gerade überall empfohlen. Sollen wir nicht für jeden neuen Tag dankbar sein, auch die eigentlich selbstverständlichen Dinge im Leben bewusst wahrnehmen und wertschätzen? Wie gut dieses Gefühl tut, belegen sogar Studien: Menschen, die sich gern bedanken, leiden seltener unter Bluthochdruck, Schlafstörungen und Depressionen und pflegen bessere Beziehungen. Außerdem sind sie nachweislich zufriedener und glücklicher. Menschen, die wiederum regelmäßig Dank empfangen, sind eher bereit selbst etwas Gutes zu tun.

Zeit zur Selbstreflexion

Aber: Schürt das ständige Sichbedanken nicht auch den eigenen Wunsch nach vielleicht übertriebenem Dank der anderen? Ein Beispiel: Kürzlich hatten wir von zwei Paaren Besuch zum Essen. Eigens für den Abend wurde eine WhatsApp-Gruppe eingerichtet. Am nächsten Tag schrieben drei der vier Gäste noch einmal, wie schön der Abend gewesen war. Nur meine beste Freundin ließ nichts von sich hören, was mich irgendwie ärgerte. Warum eigentlich? Ich wusste doch ganz genau, dass sie Spaß gehabt hatte. Warum reichte mir das nicht? Weil ich vielleicht selbst noch einmal eine erneute Bestätigung brauchte und dann glücklicher gewesen wäre? Oder weil ich mich im gleichen Fall hundertprozentig noch einmal gemeldet hätte? Muss ich denn eigentlich von meinem eigenen Verhalten immer auf das der anderen schließen?

Es ist Zeit, sich selbst zu reflektieren. Ich bin zwar bei diesem einen Thema besonders aufmerksam, übersehe dafür aber andere Höflichkeitsformen, zum Beispiel eben die, dass ich manchmal impulsiv rede, bevor ich nachdenke. Darum sind Dankbarkeit und Dank bekunden grundsätzlich zwar wichtig. Für uns selbst. Für die anderen. Viel mehr als das sollten wir jedoch auf Nachsichtigkeit und Toleranz achten. Mit uns selbst. Mit den anderen. Und es gibt doch diese 5-5-Regel: "Wenn etwas in fünf Jahren nicht mehr relevant für dich ist, verschwende jetzt keine fünf Minuten darauf, dich darüber aufzuregen." Für diesen Satz bin ich echt dankbar.

Bevor ich mich hier verabschiede: Danke fürs Lesen! Und nun muss ich leider schon wieder meinen Schlüssel suchen.

Die Glücksvokabel

Kirsten Hoffmeister, deren Lieblings-Dankeschön das dänische Wort "Tak" ist, gefolgt vom spanischen "Gracias" und dem "Danke Digga" ihrer Söhne.

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BRIGITTE 06/2020

Wer hier schreibt:

Kirsten Hoffmeister
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