Zu viel Perfektionismus: Hilfe von Experten

Eigentlich ist Perfektionismus eine bewundernswerte Eigenschaft. Aber Diana Wild schafft es nur selten, sich auch mal locker zu machen. Lesen Sie, was Experten ihr raten.

Diana Wild, Sekretärin, 37, aus Hamburg

Die Ausgangssituation

Diana arbeitet sehr engagiert und gern in einem Ingenieurbüro. Sie liebt ihren Job, schließlich ist sie ein Organisationstalent - eine Stärke, die sie als Sekretärin gut gebrauchen kann. Aber auch privat organisiert sie ständig, gibt vor, was wann erledigt sein soll, damit alles nach Plan läuft. Hat ihr Freund, der auch mal aus dem Bauch heraus entscheidet, am Wochenende eine spontane Idee, fällt es ihr schwer, sich darauf einzulassen. Sie sagt: "Ich habe das Gefühl, ich muss erst nachdenken und mich darauf vorbereiten, ich kann Dinge wie Ausflüge nicht einfach auf mich zukommen lassen, sondern möchte alles unter Kontrolle haben."

Auch Abschalten gelingt ihr nicht: "Dauernd denke ich, was noch zu tun ist - mich um die Wohnungssuche kümmern, das Büroprojekt abschließen, ein Geschenk für meine Freundin besorgen oder Wäsche waschen und aufhängen." Am Ende klappt dann meist alles so, wie Diana sich das gedacht hat, "aber da geht so viel Energie rein, dass ich ganz kaputt und müde bin. Zu gern würde ich mich einfach mal in den Tag treiben lassen".

Expertenrat der Psychologin

Katrin Raschke, Lösungsorientierte Kurzzeit-Therapeutin, Hamburg* Dianas Organisationstalent gibt ihr Sicherheit. Sie setzt sich damit aber auch unter Druck. Die lösungsorientierte Therapie geht davon aus, dass jeder Mensch individuelle, gute Gründe für sein Verhalten hat. Danach zu forschen hilft, das Verhalten besser zu verstehen, zu würdigen und gegebenenfalls zu ändern.

Und dann wird auch deutlich, welche Lösungen wir brauchen: Zum Beispiel kann Diana so herausfinden, was ihr die nötige Sicherheit im Treibenlassen gibt. Auch die Suche nach Ausnahmen hilft: Wann gelingt es Diana, sich treiben zu lassen, was ist in diesen Situationen anders? Es geht darum, den Blickwinkel zu erweitern und zu spüren, dass sie sich sowohl das Organisieren als auch das Treibenlassen erlauben darf - und dass sie wählen kann. Dadurch behält sie die Kontrolle, vergrößert ihren Handlungsspielraum und fühlt sich so viel freier.

www.slkt.de

Expertenrat der Musikerin

Monika Röttger, Chorleiterin, Sprech- und Stimmlehrerin, Hamburg* Diana hat ein sehr gutes Gefühl für Rhythmus und Stimme. Wenn sie offen ist und sich auf neue Klangwelten einlässt, wird sie erfahren: Singen ist eine wunderbare Methode, den Strom der Alltagsgedanken zu unterbrechen und tief entspannt zu sein. Singen ist tönender Atem - über das Sprechen ins Singen zu kommen, hat sich in der Praxis sehr bewährt.

So geht's: In einer Position, in der der Atem im Bauch- und Brustraum gut spürbar ist, auf "F, F, F" ausatmen. Das Einatmen wieder kommen lassen und Wörter sprechen, die mit F beginnen wie Fisch, Foto, Fliegen und Ähnliches. Ein Wort pro Ausatmen. Als Nächstes diese Wörter singen und frei improvisieren. Dann ein Lied singen, das einem gerade in den Sinn kommt, egal, ob Schlager, Kinderlied oder Popsong. Spüren, wie die Anspannung weicht.

www.singkreise.de

Expertenrat der Qi-Gong-Expertin

Susanne Preiss, Trainerin für Stressmanagement und Qi-Gong, Hamburg* Diana glaubt, immer perfekt funktionieren zu müssen. Was sie im Job als positiv empfindet, belastet sie im privaten Bereich. Diesen Druck, permanent zuständig zu sein, hält man nicht lange aus. Bei Diana sind die Reserven erschöpft. Sie kommt nicht zur Ruhe, Nacken-, Schulter- und Rückenschmerzen plagen sie.

Mit einer meditativen Yin- Yang-regulierenden Übung lernt Diana, schnell abzuschalten und innerlich zu ruhen. Mit Alltagsübungen aus dem Qi-Gong lernt sie, sich regelmäßig zu recken und zu strecken, beweglicher zu werden und Rückenbeschwerden entgegenzuwirken. Die meditative Atemübung ist ganz einfach: Hände auf den Bauch, Atem beobachten. Der Bauch hebt sich beim Ein- und senkt sich beim Ausatmen. Ganz beim Atem bleiben. Wie fühlt er sich an? Wohin geht er? Die Atem-Phasen nicht verlängern, nur spüren. Ein - Übergang - aus - kurze Pause.

www.shenzai.com

... und das hat's gebracht

Nach einer Woche

Wow, das waren viele Impulse! Angefangen hat es allerdings gar nicht gut. Da wollte ich nach längerem Überlegen spontan sein, habe meinem Freund zugunsten eines Singtermins abgesagt, und dann ging mein Auto kaputt. Ich hatte also weder Freund noch Singen - also habe ich mich meiner Steuererklärung gewidmet.

Von meinem Termin mit der Psychologin war ich ausgesprochen positiv überrascht. Das Aha-Erlebnis für mich war ihre Aussage, dass niemand ohne Grund so ist, wie er ist. Es tut gut, endlich zu wissen, warum ich so reagiere, wie ich reagiere: Meine Kopflastigkeit gibt mir Sicherheit und Bestätigung und ist zugleich ein Bollwerk gegen Angst und Schmerz - wenn ich mich nicht öffne, kann ich auch nicht verletzt werden. Es ist sehr befreiend, mein "Problem" endlich einmal von der guten Seite zu betrachten. Auch mein Entschleunigungstermin war wundervoll! Die ersten Qi-Gong-Übungen haben mir geholfen, mich geistig freier und gelassener zu fühlen - allein schon durch die Körperhaltung. Und: Singen verschönert mir den Alltag. Im Auto oder zu Hause ab und an ein Lied zu trällern, macht es leichter, abzuwaschen oder zu bügeln.

Nach einem Monat

Leichtigkeit, Freiheit und Glück. Das habe ich empfunden, als ich bei Monika Röttger mit Leib und Seele mitgesungen habe. Von ihr habe ich erfahren, was für ein schlummerndes Potenzial ich im Mezzosopran habe und wie viel Spaß Lautübungen und Kanons bringen können. Ich war total bei mir, offen, entspannt und versunken ins Singen. Und das Beste: Dieses Gefühl konnte ich mitnehmen. Ganz spontan war ich gleich anschließend mit meinem Freund auf einem Stadtfest in der Nähe. Herrlich!

Zwischendrin ist mir allerdings alles etwas viel geworden, ich dachte, ich schaffe das nicht: Ich war völlig kaputt und sollte zur Entschleunigung. Allein die Vorstellung hat mich gestresst, und ich hatte Angst, bei den angeleiteten Entspannungen einzuschlafen. Doch die Sorge war unbegründet: Die Atem-Meditation hat mich innerhalb einer Viertelstunde tief entspannt. Mein Kopf war total frei. Diese Atemübung mache ich jetzt auch beim Zubettgehen, und ich recke und strecke mich zwischendurch im Büro, das entspannt Körper und Gedanken zugleich.

Ich dachte zunächst, das Kopfgesteuerte müsse komplett verschwinden. Jetzt weiß ich: Ich darf mir beides erlauben, sowohl die Ratio als auch das Gefühl! Dank der Kurzzeittherapie ist meine graue, alles beherrschende Vernunft bunt geworden und lässt sich auch mal wegschieben. Ich bin nicht mehr so steif und arbeite meinen Plan ab, sondern kann oft lockerer sein und erlaube mir auch mal im Büro, mich über ein privates Ereignis zu freuen.

Mein größter Erfolg: Wenn ich zu Hause bin, kann ich jetzt loslassen - meinen Schutzschild abstreifen. Ganz allein für mich und auch bei meinem Freund fühle ich mich sicher. Natürlich braucht das alles noch Zeit, aber allein diese klar formulierten Gedanken sorgen für ein ganz neues Selbstbewusstsein. Mein Leben wird nicht mehr so grau, sondern von jetzt an bunter sein. Ich werde mir das erlauben!

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Text: Stefanie Wiggenhorn Fotos: Max Missal, privat Ein Artikel aus der BRIGITTE BALANCE 03/09

Wer hier schreibt:

Stefanie Wiggenhorn
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