Zuversicht: Das wird schon werden ...

Zuversicht ist ein Schlüssel zum Glück. Sie hilft uns, den Alltag mit erstaunlicher Leichtigkeit zu bewältigen.

"Reine Routine", meint der Mann mit dem Stethoskop, als er mir zur Operation rät. Was soll er auch sonst sagen? Ich rufe meine Frau an. "Ach, das geht bestimmt gut", sagt sie. Das beruhigt mich. Aber woher weiß sie das? Ich rede mit einer Freundin. "Ich musste mich deshalb auch mal operieren lassen", sagt sie mit aufmunterndem Bedauern. Eine Mischung, die mich alarmiert. Schließlich kenne auch ich Murphys Gesetz: Was schiefgehen kann, geht auch schief.

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Halt, so geht das nicht! Ich muss zu einer optimistischen Einstellung finden, besser noch zu einer zuversichtlichen. Denn das schöne, wenn auch etwas altmodische Wort Zuversicht bezeichnet den Teil des Optimismus, der nach vorn gerichtet ist und in die Zukunft blickt. Und genau den brauche ich jetzt.

Glücklicherweise tragen wir Menschen alle Zuversicht in uns - einige offensichtlich, andere versteckter. Wir glauben fest daran, erfolgreicher zu werden, gesünder zu sein und länger zu leben als alle anderen. Und als es die Statistik voraussagt. Warum sonst treten wir trotz deprimierend niedriger Erfolgsaussichten von mickrigen 50 Prozent strahlend vor den Traualtar und schaffen es, ernsthaft an unseren Schritt in die ewige Partnerschaft glauben? Und selbst eine statistisch kaum wahrnehmbare Gewinnchance von eins zu 14 Millionen kann uns nicht von den Kreuzchen auf dem Lottoschein abhalten. Offenbar ist uns diese fast absurde grenzenlose Zuversicht in die Gene programmiert. Wahrscheinlich haben von unseren Ahnen nur die überlebt, die schon leicht angekohltes Holz als Erfolg ansahen. Und deshalb weiterrieben, bis sie selbst Feuer entfachen konnten. Und die jenigen, die sich den Wanst mit Fleisch vollstopfen konnten, weil sie zuversichtlich genug waren, um so lange zu jagen, bis sie die Beute endlich erlegt hatten.

Die emotionalen Zentren unseres Gehirns sind auf Optimismus und Zuversicht programmiert. Wir erinnern uns besser an den ersten Kuss als an die ersten Bauchschmerzen. Zukunftsvorstellungen beeinfl ussen uns deutlich stärker als Gedanken an die Vergangenheit. Unser Gehirn ordnet das Erlebte bevorzugt so, dass ein positiver Ausblick auf das entsteht, was vor uns liegt.

Das geht so weit, dass sogar Gedanken an den Tod dazu führen können, dass wir zuversichtlicher werden, wie ein Versuch an der Florida State University zeigte. Dort wurde die eine Hälfte einer Versuchsgruppe dazu gebracht, über Zahnschmerzen nachzudenken. Die andere sollte sich ausmalen, was nach dem Tod mit ihren Körpern geschieht. Anschließend wurden alle Teilnehmer auf unbewusste Gefühle getestet, indem sie zum Beispiel Silben zu ganzen Wörtern ergänzen sollten. Die aus der Zahnschmerzgruppe hatten deutlich weniger positive Assoziationen als diejenigen, die sich mit dem eigenen Tod beschäftigen sollten. Wir besitzen offenbar eine Art psychische Immunabwehr, die auf belastende Vorstellungen automatisch mit angenehmen Bildern antwortet. Dunkle Zukunftsszenarien verlieren so ihren Schrecken. Unser Gehirn, das können auch Hirnforscher schon nachweisen, ist eine Zuversichtsmaschine.

Zuversichtlich zu sein bedeutet im Grunde, den Glücksfall zu verallgemeinern. "Et hätt noch immer joot jejange", sagt der Kölner. Und wenn es um die Zukunft geht, kommen wir alle aus der Domstadt. Wir projizieren das Gute munter in die Zukunft. Besonders sogar, wenn unsere Lebenssituation gerade nicht so rosig aussieht. Sobald wir weiter nach vorn schauen, schalten wir den rosaroten Wölkchenkanal ein, der nur gute Nachrichten sendet. Nicht alle, aber die meisten von uns funktionieren so.

Unbewusst trainieren wir ständig unsere Zuversicht.< ?/b> In jeder Prüfung, bei jedem Wettbewerb oder jedem neuen Job. Selbstwirksamkeitserwartung nennen die Psychologen diese Überzeugung, dass wir das Leben meistern werden, egal was kommt. Hinter dem sperrigen Begriff verbirgt sich der Glaube an uns selbst und an unsere Fähigkeiten, das Selbstvertrauen plus die tendenziell größenwahnsinnige Überzeugung, schon mit allem irgendwie fertig zu werden. Wenn das auch letztlich eine Illusion ist, so bildet doch die daraus entstehende Zuversicht unseren größten unbewussten Schatz, um unser Leben zu meistern. Das Fundament, auf dem unsere Zuversicht basiert, ist die Illusion von Sicherheit und Sorglosigkeit, die unsere Eltern in den ersten Lebensjahren um uns herum errichteten. Ihr bedingungsloses Vertrauen und ihre liebevolle Aufmerksamkeit geben uns schon ganz früh das Gefühl, etwas bewirken zu können.

Doch nicht jeder fühlt sich bedingungslos aufgehoben, und so bröckelt bei manchem die Fähigkeit zur Zuversicht schon früh. Wer dann noch Hilflosigkeit erleidet oder in seinen Bezugspersonen erlebt, bei dem kann die Zuversicht sogar hinter dem dunklen Vorhang der Depression vollständig verschwinden.

Die Zuversicht ist unser größter Schatz, das Leben zu meistern

Glücksforscher, wie die ProfessorinSonja Lyubomirsky von der University of California, wissen, dass optimistische Menschen Krankheiten schneller und besser überwinden. Zuversicht lässt sie handeln und ihre Gesundung aktiv angehen. Zuversichtliche sind erfolgreicher, denn sie wagen mehr, engagieren sich stärker. "Optimisten machen Pläne und ergreifen die Initiative, wenn sie vor Hindernissen stehen. Sie sind gute Bewältiger", schreibt Sonja Lyubomirsky in ihrem Buch "Glücklich sein".

Die Wissenschaftler haben aber auch den größten Feind der Zuversicht ausfindig gemacht: die Gewohnheit. Alle Wege zum Glück versanden schnell, wenn wir sie zu oft gehen. Neues dagegen stimuliert unser Erwartungssystem und belohnt uns mit guten, häufig durch den Neurotransmitter Dopamin ausgelösten Stimmungen. Menschen, die abwechslungsreich und kontaktfreudig leben, sind und bleiben auch leichter zuversichtlich. Doch wer nun glaubt, er würde automatisch fröhlich, wenn er nur noch positiv nach vorn denkt, der irrt sich. So leicht lässt sich die Seele nicht manipulieren. Aus einem düstersten Bedenkenträger wird nun mal kein Sonnenscheinchen. Trotzdem können Pessimisten beruhigt sein. Denn tatsächlich ist ein "defensiver Pessimismus", eine durch skeptische Vorsicht gebremste Zuversicht, auch eine sinnvolle Strategie zum Glück. Wer überzeugt war, dass der neue Brad-Pitt-Film ein Knüller ist, verlässt das Kino eher gefrustet als jemand, der nicht so viel erwartet hat.

Auf die Glücksqualitäten des Pessimimus sind die Forscher bei unserem nordischen Nachbarn gestoßen: Die Dänen gehören bei Umfragen immer wieder zu den glücklichsten Völkern der Welt. Sie sind wohlhabend, bei ihnen gab es Sexfilme im Supermarkt, als bei uns noch jeder blanke Busen zensiert wurde, und spätestens nach einer Stunde ist jeder Däne am Meer. Aber all das erklärt ihr Glück noch nicht. Tatsächlich scheinen die Dänen glücklich zu sein, weil sie eher schlecht drauf sind. Sie sind in Befragungen eher skeptisch und pessimistisch. Sie schauen so sorgenvoll in die Zukunft, dass sie immer wieder ganz begeistert sind, wie gut es dann tatsächlich läuft. "Optimisten haben keine Ahnung von den freudigen Überraschungen, die Pessimisten erleben", wusste schon der Schriftsteller Peter Bamm.

Hamburger Psychologen haben festgestellt, dass Zuversicht sogar nach hinten losgehen kann. Wer vor Zuversicht strotzt, hebt leicht ab. Er gibt sich schwelgerischen Illusionen hin und driftet in Tagträume ab, statt zu handeln. Zuversicht verwandelt sich dann in Sorglosigkeit und schwächt die Eigeninitiative. Grundloser Optimismus kann im Spielcasino in den Ruin führen und im Leben zum Burn-out, wenn nicht erkannt wird, dass die angestrebten Ziele unerreichbar sind.

Wir alle kennen den Mechanismus, der zu hohe Erwartungen im Blues enden lässt. Ich erlebe das bei jedem Urlaub mit meiner Frau. Weil ich recht unbegabt darin bin, mir die Hotels oder die Umgebung vorzustellen, reise ich unbedarft und eher skeptisch an. "Freust du dich denn gar nicht?", fragt meine Frau dann, und ich kann nur die Achseln zucken und "Doch, doch!" murmeln. Sie dagegen malt sich in ihrer Fantasie aus den Fotos in Katalogen und Reiseführern großartige Bilder aus und genießt diese Vorfreude. Doch gleich nach der Ankunft ändert sich das. Während ich dann vergnügt Hotel und Ort erkunde, ringt meine Frau mit ihrer Enttäuschung, denn so wie in ihrer Fantasie findet sie es natürlich nie vor. Sie braucht dann ein paar Stunden, um das Gute auch in der Realität zu finden.

Durch unser Erwachsenenleben sind Zuversicht, Optimismus und Pessimismus relativ stabile Charakterzüge. Erst im hohen Alter, wenn wir schmerzhaft erleben, dass unsere Kräfte und Möglichkeiten schwinden, sinkt das Vertrauen in uns selbst und damit unsere Zuversicht. Doch selbst der wachsende Pessimismus ist dann wieder positiv. Denn bei alten Menschen wurde entdeckt, dass die Pessimisten unter ihnen besser mit Krisen, wie zum Beispiel dem Tod von Freunden, umgehen können.

Eine aktuelle Studie fand aber schon bei den heute 40- bis 50-jährigen Bundesbürgerinnen einen dramatischen Einbruch an Zuversicht. Für sie, die Kinder der optimistischen 60er und 70er Jahre, haben sich die hohen Erwartungen an Freiheit und gesellschaftlichen Fortschritt vermutlich nicht erfüllt. Sie hatten es schwer, noch so erfolgreich zu werden wie ihre Wirtschaftswunder-Eltern, und stehen jetzt desillusioniert zwischen langsam erwachsen werdenden Kindern, die pragmatisch in die Welt treten, und ihren alternden Eltern, für die sie allmählich die Pflege übernehmen. Doch der in der Studie geäußerte Pessimismus hinsichtlich der Zukunft muss nicht bedeuten, dass eine ganze Altersgruppe Antidepressiva benötigt.

Optimismus-Forscher unterscheiden zwischen einem großen und einem kleinen Optimismus. Der kleine betrifft unsere persönliche Welt. Dass wir zuversichtlich sind, am Samstag in der Innenstadt einen Parkplatz zu finden. Oder, dass wir doch noch einen neuen Job finden, obwohl es schon 15 Absagen gab. Der große Optimismus betrifft dagegen gesellschaftliche Entwicklungen wie Arbeitslosigkeit oder den Umweltschutz. Die Befragten im mittleren Alter besitzen vermutlich einen sicheren kleinen Optimismus, aber ihr großer Optimismus hat gelitten, weil sich ihre gesellschaftlichen Hoffnungen nicht erfüllt haben. Der amerikanische Schriftsteller Mark Twain erkannte das Phänomen der mit wachsender Lebens erfahrung abnehmenden Zu versicht schon lange vor den psychologischen Forschern: "Wer vor dem 48. Lebensjahr Pessimist ist, der weiß zu viel. Und wer nach dem 48. Lebensjahr Optimist ist, der weiß gar nichts."

Die beste Möglichkeit, den Zuversichtsmuskel zu stärken, ist aber in jedem Lebensalter die Fantasie. Sonja Lyubomirsky empfiehlt die Wunsch-Ich-Übung. Dazu sollen wir uns genau ausmalen, wie unsere Zukunft aussieht, wenn alles so verläuft, wie wir es uns wünschen, und wenn wir unsere Lebensträume verwirklichen. Versuchspersonen, die vier Wochen lang jeden Tag 20 Minuten ihre Wunsch-Ich-Fantasien aufschrieben, fühlten sich anschließend deutlich glücklicher.

Ohne Hoffnung brechen wir zusammen

Positive Psychologie, Selbstwirksamkeitserwartung und Dopamin tragen zu unserer Zuversicht bei. Aber letztlich wird unsere Zuversicht erst stabil, wenn wir sie philosophisch oder religiös einbetten und sie zur Hoffnung wird. Glaube, Liebe und Hoffnung sind Grundpfeiler des Lebens. Und spirituelle oder religiöse Menschen werden durch ihre Überzeugungen darin bestärkt, einen Sinn im Leben zu sehen, der ihre Hoffnungen trägt. Sie leben glücklicher und gesünder. Aber das wundert uns nicht mehr, wenn wir die Kraft der Zuversicht verstanden haben.

Ohne Liebe und Glauben können wir noch durchs Leben stolpern. Aber ohne Hoffnung brechen wir zusammen. Dante schrieb über den Eingang zur Hölle den bezeichnenden Satz: "Wer hier eintritt, lasse alle Hoffnung fahren." Und die modernen Hoffnungsforscher bestätigen, dass Hoffnung für uns wichtiger ist als Begabung, Erziehung oder soziale Privilegien. Hoffnung ist kein schwammiges philosophisches Gedankengebäude und auch kein glückliches Grummeln in den Eingeweiden, sondern offenbar ein ganz pragmatischer Dreisprung unseres Verstandes, um Zuversicht in die Tat umzusetzen. Wir finden verwirklichbare Ziele. Wir machen uns realistisch klar, wie wir sie erreichen können. Wir engagieren uns, sie zu verwirklichen. Klingt einfach. Ist schwer. Wie wir zweifellos alle wissen.

Doch wenn wir einen Augenblick innehalten, erkennen wir, dass ohne Hoffnung tatsächlich gar nichts geht. Woher weiß ich, ob ich einem Patienten wirklich helfen kann, ob meine Ehe wirklich all die nervigen Gespräche lohnt, ob meine Kinder tatsächlich in der Welt zurechtkommen werden? Und die blöde Operation am Ende gut ausgehen wird? Wenn wir ehrlich sind, dann ist unser Leben so zart und komplex, dass wir tatsächlich immer nur hoffen können. Und einfach zuversichtlich weiterleben.

Foto: Getty Images Text: Oskar Holzberg Ein Artikel aus der BRIGITTE WOMAN 04/09
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