"Ohne Papa geht's doch auch"

Kinder brauchen keine intakte Familie. Hauptsache, es ist überhaupt jemand für sie da. Der Kinderarzt Remo H. Largo provoziert mit neuen Thesen.

Brigitte: Sie schreiben in Ihrem neuen Buch über "Glückliche Scheidungskinder". Ist das nicht eine Beschönigung?

Remo H. Largo: Wir haben für unser Buch viele Interviews geführt. Sie belegen, dass Scheidung Kinder nicht zwangsläufig unglücklich macht. Und: Eine intakte Familie ist keine Garantie für eine glückliche Kindheit. Es kommt auf die Qualität der Beziehungen an, nicht auf das Familienmodell. Es gibt Kinder, die nach einer Scheidung genauso glücklich aufwachsen wie die anderen. Gott sei Dank. Denn immerhin sind heute ein Sechstel aller Kinder Scheidungskinder. Nur die Politiker tun immer noch so, als ob die Gesellschaft aus lauter intakten Familien bestehen würde.

Brigitte: Aber direkt nach einer Trennung kann doch niemand glücklich sein?

Remo H. Largo: Das stimmt natürlich. Die Zeit gleich nach einer Scheidung ist Stress. Das wollen wir auch gar nicht verharmlosen. Aber wie fühlen sich die Kinder in den Jahren danach? Darum ging es uns.

Brigitte: Was brauchen Scheidungskinder denn am allermeisten, um glücklich zu werden?

Remo H. Largo: Zeit! Die Eltern müssen sich Zeit nehmen. Und sie müssen es schaffen, mit dem Ex-Partner einigermaßen ins Reine zu kommen, die Trennung zu bewältigen. Viele Eltern kriegen das auch ganz gut hin, ohne großes Tamtam. Aber von denen spricht eigentlich keiner, was ich bedaure.

Brigitte: Trotzdem, bei vielen herrscht tatsächlich nach einer Trennung ständig Streit ...

Remo H. Largo: Ja, solche Paare gibt es leider auch. Mütter oder Väter, die ihre Wut vor dem Kind rauslassen. Die meinen, es reicht, dem Kind zu sagen: Wir streiten, aber das hat nichts mit dir zu tun. Die Kinder leiden aber unter den negativen Gefühlen der Eltern. Sie beziehen sie immer auf sich, fühlen sich abgelehnt und können sich dagegen nicht abgrenzen. Für ein Kind ist es immens wichtig, dass die Eltern auf die Dauer einen Weg finden, ohne Hass miteinander auszukommen und einander als Eltern allenfalls sogar zu unterstützen. Solche Eltern gibt es.

Brigitte: Aber wenn ein Mann eine Frau gemein hintergangen hat, sie sogar geschlagen hat - wie soll sie mit ihm ins Reine kommen?

Remo H. Largo: Wenn eine Frau - oder auch ein Mann - tief verletzt wurde, ist das natürlich sehr schwer. Es gibt Mütter, die das mit einer Therapie überwinden. Andere bleiben ein Leben lang dadurch gezeichnet. Das ist ihre eigene Biografie! Die Frage ist doch: Soll auch noch das Kind darunter leiden, dass die Mutter so eine schlechte Erfahrung gemacht hat?

Brigitte: Einige Mütter wollen es ihrem Ex heimzahlen, indem sie ihm die Kindern vorenthalten. Experten sprechen vom PAS, dem Parental Alienation Syndrome.

Remo H. Largo: Das ist glücklicherweise relativ selten - auch Väter können übrigens dieses Verhalten zeigen. Diese Mütter nehmen nicht wahr, welchen Preis die Kinder dabei bezahlen müssen. Und sie bedenken nicht, dass die Kinder es ihnen später auch zurückzahlen können. Ich kenne einige Familien, wo die Kinder als Erwachsene die Mutter nie mehr besucht, aber die Beziehung zum Vater wieder aufgenommen haben.

Brigitte: Aber sind immer die Mütter schuld, wenn Kinder den Kontakt zum Vater verlieren?

Remo H. Largo: Nein. Häufig liegt es leider an den Vätern. Sie sind überfordert: Die meisten wissen nicht, wie das Kind gefüttert, angezogen und ins Bett gebracht wird. Das Wichtigste aber ist: Ihre Beziehung zu den Kindern war vor der Scheidung nicht tragfähig genug, um danach weiterzubestehen. Das ist für Väter und Kinder eine Katastrophe!

Brigitte: Aber es gibt doch all die neuen Väter...

Remo H. Largo: Von wegen. Das ist leider eine Minderheit. Diese so genannten intakten Familien – das ist sehr viel Fassade und nicht gelebte Beziehung. Wir haben in einer Studie im Tessin gefragt: Wie viele Väter wickeln ihre Kinder? Es waren ganze sieben Prozent! Und wissen Sie, wie viel Zeit Väter in intakten Familien im Durchschnitt pro Tag mit den Kindern verbringen? Ohne Mahlzeiten 20 Minuten. Ist das ausreichend?

Brigitte: Also sind die Väter nach der Scheidung doch nicht so wichtig?

Remo H. Largo: Doch. Aber umso wichtiger, je mehr sie sich auch vorher beteiligt haben. Wenn der Vater dem Kind jeden Abend eine Geschichte vorgelesen und mit ihm gespielt hat, dann erleidet das Kind einen echten Verlust, wenn der Vater plötzlich nicht mehr da ist. Das Kind kann nur vermissen, was es vorher erfahren hat - alles andere ist Ideologie.

Brigitte: Wenn mein Kind nach einer Scheidung unglücklich ist, habe ich dann versagt?

Remo H. Largo: Nein. Die meisten Mütter tun ihr Bestes. Außerdem ist es normal, dass man auch mal traurig ist. Ein schlechtes Gewissen hilft niemandem. Wenn man allerdings dem Kind den Vater (oder die Mutter) vermiest, dann stellt sich die Schuldfrage durchaus. Gott sei Dank kriegen es immer mehr Paare hin zu sagen: Ich habe gelitten, aber deswegen muss es meinem Kind nicht schlecht gehen.

Remo H. Largo

Remo H. Largo, Monika Czernin: "Glückliche Scheidungskinder. Trennungen und wie Kinder damit fertig werden" (Piper 2003, 19,90 Euro)

Interview: Ursula Ott
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