Das geteilte Kind

Wenn sich ein Paar mit Kindern trennt, stellen sich viele Fragen. Vor allem: Was ist das Beste fürs Kind? Über die Schwierigkeit, getrennt zu leben und dabei gute Eltern zu bleiben.

Heiko Fröhlich hat zwei Leben. Das eine liegt in Berlin, dort arbeitet der 39-Jährige als Dolmetscher, Dozent und Musiker. Die Freiberuflichkeit ist kein Zufall, "anders wäre das alles gar nicht möglich", sagt er. Mit "das alles" meint er sein zweites Leben: Alle sechs bis acht Wochen fliegt er für 14 Tage nach Spanien. Dort, in der kleinen Stadt Badajoz an der Südwestküste wohnt seine Tochter Paula Rosa.

Paula Rosa ist jetzt zwölf, sie trägt den Nachnamen ihres Vaters, aber gleichzeitig auch den ihrer Mutter, das ist in Spanien üblich, egal, ob ein Paar verheiratet ist. Paula Rosa Fröhlich Galvan kam 1996 auf die Welt. Fröhlich war damals 26 und hatte bereits fünf Jahre in Spanien gelebt, zusammen mit seiner Partnerin Anna Galvan. "Für Anna kam eine Abtreibung nicht in Frage", sagt Fröhlich, "und ich hab mich auch gefreut". Dennoch: Die Streitereien nahmen zu, "wir waren uns einfach zu ähnlich", so erklärt er es im Nachhinein. Immer öfter überlegte er, wieder nach Deutschland zurückzukehren.

Vater, Mutter, Kind

Als sie sich trennten, war Paula zweieinhalb. Die Eltern nahmen sich vor: Sie sollte nicht leiden. Sie wollten versuchen, weiterhin eine Familie zu sein, obwohl Fröhlich 1999 tatsächlich wieder nach Deutschland zog. Von Anfang an flog er alle paar Wochen nach Spanien, "die Billigflieger waren meine Rettung". Anfangs wohnte er bei Bekannten, es dauerte ein paar Jahre, bis die Konflikte zwischen den Eltern nicht jedes Mal eskalierten. Inzwischen hat der Vater hat ein Zimmer im Haus von Mutter und Tochter, über Weihnachten und in den Ferien kommt Paula nach Berlin, und manchmal fahren sie sogar zu dritt in den Familienurlaub - Vater, Mutter und Kind.

Trennungskinder sind das Produkt einer Liebe, die vorbei gegangen ist - und sie verbinden zwei Expartner auf ewig. Das heißt, dass man sich zwangsläufig ganz neu arrangieren muss. Es dauert oft lange, bis ein Paar sich auf ein Modell eingependelt hat, das für alle gut funktioniert. Gerade kurz nach einer Scheidung oder Trennung ist es schwer, das Kind herauszuhalten. Aus dem Streit, den Verletzungen, den Vorwürfen. Und ausgerechnet mit seinem Expartner muss man versuchen, mit möglichst klarem Kopf gemeinsam zu überlegen, was das Beste fürs Kind ist.

Zwei Zimmer, zwei Weihnachten

In Deutschland wird inzwischen jede dritte Ehe geschieden, man spricht von etwa 15 000 Scheidungskindern pro Jahr. Dazu kommen noch die Kinder aus Partnerschaften ohne Ehe, ihre Zahl wird auf etwa 25 000 jährlich geschätzt. Aber auch wenn mit den Klischees von stets unglücklichen, gestörten Scheidungskindern inzwischen aufgeräumt wurde, wünscht man seinen Kindern natürlich, so unbeschwert wie möglich aufzuwachsen. Wenn möglich, mit beiden Eltern.

Wenn man den Statistiken Glauben schenkt, verlieren ein Viertel der Väter nach der Trennung den Kontakt zu ihren Kindern. Auch wenn sie nicht zwischen zwei Ländern hin- und herreisen müssen wie Heiko Fröhlich. Immer noch bleiben die meisten Kinder bei der Mutter. Doch egal, wie man sich entscheidet, fest steht, dass mit zwei Haushalten das Pendeln beginnt: Früher hat man den Alltag geteilt, jetzt teilt man die Schulferien, die Hausaufgabenbetreuung und manchmal auch das Weihnachtsfest.

Residenz, Wechsel oder Nest?

Am wichtigsten ist es, sich zunächst für ein Wohnmodell zu entscheiden. Häufig wählen Eltern das sogenannte Residenzmodell, bei dem das Kind seinen Hauptwohnsitz bei einem der Elternteile hat, und das Wochenende und die Ferien beim anderen Elternteil verbringt. Der Vorteil ist, dass das Kind einen Ort hat, an dem seine Schulsachen, sein Spielzeug und seine Kleidung sind, und von wo es jeden Tag zur Schule geht. Für das Wochenende wird dann gepackt.

Nicht unumstritten ist das Wechselmodell, bei dem das Kind abwechselnd bei dem einen oder dem anderen Elternteil lebt. Das kann ein Rhythmus von drei oder zwei Wochen sein, manche wechseln auch halbjährlich oder jährlich zwischen den Eltern hin und her. Viele Psychologen warnen insbesondere bei kleinen Kindern vor diesem Modell, da diese noch mehr als ältere viel Regelmäßigkeit brauchen und sich schnell "zerrissen" fühlen könnten zwischen den zwei Haushalten.

Vor allem bei Kleinkindern entscheiden sich einige Eltern auch für das Nestmodell, bei dem das Kind in einer Wohnung bleibt und die Eltern sich nach einem festgelegten Zeitplan mit der Betreuung abwechseln. Oft ist es die Familienwohnung, in der vorher alle gemeinsam gewohnt haben, und die Eltern nehmen sich jeweils noch eine Zweitwohnung.

Neuer Partner, altes Kinderglück

Die Modelle, wie man trotz Trennung möglichst gut als Elternpaar bleibt, sind sehr vielfältig. Manche wohnen sogar weiterhin zusammen. Doch spätestens wenn ein neuer Partner auftaucht, kann das schwierig werden. Heiko Fröhlich und Anna Galvan haben beide keine neuen Partner. Es hat ein paar neue Beziehungen gegeben, bei beiden, aber nie haben die neuen Partner in Paulas Leben eine größere Rolle gespielt. Er selbst stehe in Berlin sowieso immer "mit einem Bein in Spanien".

Eine Patchworkfamilie sind Fröhlich und Galvan bislang nicht. Und haben damit keine Szenen erlebt, wie sie bei manchen anderen Alltag sind. Wer bei Gregor Druse und seiner Freundin Laura Hertel in Berlin Pankow vorbeischaut (alle Namen geändert), sieht das schon am Türschild: Dort stehen vier Nachnamen. Vier, weil Gregor Druse Tochter Roberta (8) den Nachnamen der Mutter trägt, Druses früherer Freundin. Laura Hertels Tochter Susanne (9) dagegen hat den Nachnamen ihres Vaters, Laura Hertels Exmann. Und sie selbst hat ihren früheren Mädchennamen wieder angenommen, mit Druse ist sie bislang nicht verheiratet.

"Wir verlieren manchmal schon selbst den Überblick", sagt Hertel. Sie steht in der Küche der großen Altbauwohnung und füllt Kaffee in eine Filtertüte. An der Wand hängen Fotos der Töchter, auf einem Bild sitzen alle vier zusammen am Strand. "Unser erster gemeinsamer Urlaub", sagt Hertel, "wir sind ein ständiger Prozess". Sie lächelt ohne sich dabei froh auszusehen. Patchwork hört sich oft nur am Anfang lustig an. Seit Hertel und Druse vor zwei Jahren zusammengezogen sind, sind schon alle aneinander geraten: Die Expartner, die Töchter, die Eltern mit den Kindern, Hertel und Druse.

Der, die, das Stief

Schwierig ist dabei vieles, zum Beispiel: Roberta wohnt bei ihrer Mutter und verbringt nur die Wochenenden mit ihrem Vater. Susanne dagegen sieht ihren Vater nur alle zwei Wochen. Susanne reagiert oft zickig auf den Stiefvater. Und Roberta ist eifersüchtig, dass die neue Schwester ihren Papa öfter sieht als sie selbst. Es ist ein ständiges Hin und Her in der großen Wohnung, mal ist die eine Tochter da, dann die andere, dann beide auf einmal, und zwischendurch, sagt Hertel, seien Gregor und sie froh, wenn wir auch mal Zeit füreinander haben.

Seit einem halben Jahr etwa hat sich alles etwas besser eingerenkt, irgendwie seien alle "angekommen". Und Hertel ist vor allem eines klar geworden: "Dass eine Patchworkfamilie nichts Statisches ist. Es kann jederzeit passieren, dass man sich wieder etwas anderes einfallen lassen muss." Das kann auch heißen, dass eines der Kinder doch einmal zum anderen Elternteil zieht. Ein gemeinsames Kind kann sich die 37-Jährige zur Zeit nicht vorstellen, es sei so schon kompliziert genug.

Austauschjahr beim Vater

Wenn Heiko Fröhlich nach Badajoz kommt, taucht er in die sein zweiten Leben ein, er trifft seine spanischen Freunde, er singt sogar im Chor. Und mit Anna, seiner Exfreundin, hat er ganz klare Absprachen, wer für was zuständig ist. Paula sei inzwischen so richtig in der Pubertät, erzählt Fröhlich, "manchmal, wenn sie sich ärgert, sagt sie: Geh doch wieder nach Deutschland!" Er hat oft das Gefühl, er müsste noch viel öfters in Spanien sein.

Er genießt aber auch die Unabhängigkeit, die er in Berlin hat. "Manchmal fehlt mir aber der Alltag. Oft ist es ja wichtig, dass man einfach da ist, bei ganz banalen Dingen, das ist das, was bleibt und das vermisse ich."

Wenn Paula Rosa Fröhlich Galvan 16 Jahre alt ist, wird sie ein Jahr zu ihrem Vater nach Berlin ziehen. Sie wird dort auf eine Europaschule gehen, und sie und ihr Vater werden ein Jahr lang zusammen einen Alltag ohne Unterbrechungen leben. "Es wird sicherlich nicht immer leicht", sagt Fröhlich, aber man sieht ihm an, dass er sich darauf freut. Ein Zimmer in seiner Berliner Wohnung ist jetzt schon für sie reserviert.

Mehr Informationen

Weiterführende Links, Informationen und Erfahrungsberichte gibt es zum Beispiel unter www.stieffamilien.de, beim Verband für alleinerziehende Mütter und Väter unter www.vamv und unter www.patchworkforum.net.

Literatur:

Martina Baumbach, Jan Lieffering (Illustration): "Und Papa seh ich am Wochenende". Ein Bilderbuch für Kinder ab vier Jahren, Gabriel Verlag 2006, 12,90 Euro. Monika Czernin, Remo H. Largo: "Glückliche Scheidungskinder: Trennungen und wie Kinder damit fertig werden", Piper Verlag, 6. Auflage 2008, 9,95 Euro. Helmuth Figdor: "Kinder aus geschiedenen Ehen: Zwischen Trauma und Hoffnung: Wie Kinder und Eltern die Trennung erleben", Psychosozial-Verlag 2004, 22,90 Euro. E. Mavis Hetherington: "Scheidung. Die Perspektiven der Kinder", Beltz Verlag 2003, 19,90 Euro. Sabine Walper: "Was wird aus den Kindern? Chancen und Risiken für die Entwicklung von Kindern aus Trennungs- und Stieffamilien", Juventa Verlag 2002, 20,50 Euro.

Anne-Dore Krohn
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