Das neue Unterhaltsrecht: Was es für Frauen bedeutet

Fatima wollte arbeiten, trotz ihrer vier Kinder. Ihr Mann war dagegen - und weigert sich jetzt, Unterhalt für sie zu bezahlen.

"Ich stamme aus Nigeria. Mein Ex-Mann ist Journalist. Er kommt auch aus Nigeria und arbeitet hier in Deutschland. Als wir geheiratet haben, war er 45 Jahre alt, ich 16. Es war keine Liebesheirat. Ich bin mit ihm vor 24 Jahren nach Deutschland gegangen und wollte hier weiter studieren. Das hat er verhindert. Er sagte, er würde genug verdienen, ich sollte lieber zu Hause bleiben. Ich war ziemlich isoliert hier, er wollte nicht, dass ich jemanden zu uns einlud oder andere Leute besuchte. Ich lebte wie im Käfig. Heute glaube ich, dass mein Mann damals so sehr gegen Kontakte war, weil er Angst hatte, ich würde von seinen Affären erfahren.

Ich konnte die Einsamkeit in Deutschland nicht lange aushalten, ging nach sechs Monaten zurück zu meinen Eltern nach Nigeria. Mein Mann kam nach, um mich abzuholen. Er musste meinem Vater versprechen, dass ich in Deutschland studieren dürfte. Mein Vater ist Diplomat, eine gute Bildung ist ihm wichtig. Er konnte nicht verstehen, warum mein Mann mir nicht erlaubte, zur Universität zu gehen. Kurz nach meiner Rückkehr fing ich an, Entwicklungshelfer in meiner Sprache zu unterrichten. Ich verdiente eigenes Geld, das tat gut. Das Gehalt ging allerdings auf das Konto meines Mannes, von dem er mir nicht mal die Nummer gegeben hatte. Ich dachte am Anfang wirklich, er meint es gut mit mir. Ich glaubte ihm, er war ja auch viel älter und kannte das Land besser.

Mein Job war 24 Stunden am Tag Kinderbetreuung

Aber als wir unser erstes Kind bekamen, sah ich langsam sein wahres Gesicht: Nach der Geburt wollte ich weiter arbeiten, aber das hat er bewusst verhindert. Er sorgte dafür, dass mein Unterrichtsjob im Institut an jemand anderes vergeben wurde, er hatte gute Kontakte dorthin. Er wollte, dass ich mich ganz ums Kind kümmere, es sollte nicht in die Kita gehen.

Inzwischen haben wir vier Kinder. Ich war meistens mit ihnen allein zu Hause. Mein Mann sagte immer nur, er hat keine Zeit, er muss arbeiten. Er kam oft erst spät nachts nach Hause und ging morgens um 6 Uhr wieder los. Für uns interessierte er sich immer weniger. Mein Job war es, 24 Stunden am Tag die Kinder zu betreuen. Das ging viele Jahre so. Am meisten weh getan tat es mir, als unser Sohn vor vier Jahren seinen Schulabschluss machte. Bei allen Kindern waren Vater und Mutter zur Abschlussfeier gekommen. Nur bei meinem Sohn nicht. Ein Bekannter fragte ihn: 'Wo ist dein Vater?'. 'Der muss arbeiten', antwortete er. Ich habe gesehen, wie er sich schämte und traurig war. Das machte mich wütend. Wegen der Kinder hielt ich es lange mit ihm aus, ich dachte immer, ich schaffe das schon.

Als mein Sohn eine Blutvergiftung hatte und mein Mann sich weigerte, den Arzt zu bezahlen, reichte es mir. Wir waren privat versichert. Der Arzt wollte meinen Sohn nicht mehr weiter behandeln, weil er kein Geld mehr bekam. Der Versicherungsberater kam zu mir und sagte 'Ihr Mann verdient doch gut, warum zahlt er denn nicht?'. Mir war das peinlich. Ich verkaufte einen Armreifen und bezahlte davon die Rechnung. Das war zuviel. Meine eigenen Kinder haben gesagt, das geht so nicht weiter und haben mich gezwungen, zum Anwalt zu gehen und die Scheidung einzureichen.

Jetzt leben wir von Hartz IV

Die Anwältin hat mir geraten, beim Arbeitsamt Unterstützung zu beantragen . Sechs Monate dauerte es, bis ich endlich Hartz IV bekam und eine Wohnung gefunden hatte, in die ich mit meinen Kindern ziehen konnte. Das war vor zwei Jahren. Nach unserem Auszug habe ich meinen Mann auf Unterhalt verklagt. Er legte Widerspruch ein, obwohl er etwa 7000 Euro brutto im Monat verdient. Ich müsste für mich und die Kinder 2600 Euro Unterhalt bekommen, das hat die Anwältin ausgerechnet. Davon habe ich bis heute nichts gesehen. Jetzt wird sein Gehalt gepfändet. Die Kinder und ich leben nach wie vor vom Staat. Meine beiden Söhne und ich bekommen 1008 Euro im Monat. Meine eine Tochter ist in England im Internat, die andere lebt im Moment in Nigeria, bei meinem Vater. Mein Vater zahlt auch die Gebühren für das Internat. Wenn ich gar kein Geld mehr habe, rufe ich meinen Eltern in Nigeria an. Dann helfen sie mir mit 50 Euro oder so.

Ich habe während meiner Ehe immer wieder versucht, Arbeit zu finden. Vor vier Jahren wollte ich an der Volkshochschule eine Qualifizierung zur Bürofachkraft machen. Mein Mann hat die Kursbestätigung von der Volkshochschule abgefangen. Ich rief bei der Volkshochschule an, die wunderten sich, warum ich den Brief nicht bekommen hatte. Ich bin dann zum Unterricht, obwohl mein Mann ständig geschimpft hat. Sogar meinen Autoschlüssel hat er versteckt, um mich daran zu hindern, dort hinzugehen. Manchmal war ich so fertig, dass ich die ganze Zeit geheult habe. Aber ich habe die Ausbildung abgeschlossen. Danach habe ich bestimmt 200 Bewerbungen geschrieben und keinen Job bekommen."

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was das neue Unterhaltsrecht für Fatima bedeutet.

Das sagt die Expertin

Welche Folgen das neue Unterhaltsrecht, das ab 2008 gilt, für Fatima hat, erklärt Dorothée Linden von der Anwaltskanzlei Linden & Mosel:

"Die Ehe von Fatima ist nach starren Regeln geführt worden, die einseitig von ihrem Mann vorgegeben wurden. Trotz ihrer bildungsbürgerlichen Herkunft und des dringenden Bedürfnisses, beruflich auf eigenen Beinen zu stehen, konnte sie ihre Ziele nicht umsetzen.

Die Eheleute haben 25 Jahre zusammen gelebt, seit 24 Jahren sind sie verheiratet. Der jüngste Sohn wird neun Jahre alt. In dieser Situation wäre Fatima bis zur Reform des Unterhaltsrechts ein lebenslanger Unterhaltsanspruch in voller Höhe ohne Einschränkungen sicher gewesen.

Nach der Reform ist zu differenzieren: Fatima hat kein Kind mehr, das jünger als drei Jahre ist. Daher gilt der Grundsatz: Jeder Ehepartner ist selbst für seinen Unterhalt verantwortlich. Das ist das so genannte Prinzip der Eigenverantwortung, das in dem neuen Gesetz besonders hervorgehoben wird. Der Grund: Ehemänner sollen nach einer Scheidung durch Unterhaltszahlungen an die erste Familie finanziell nicht so eingeschränkt werden, dass für die Gründung einer neuen Familie kein Spielraum mehr bleibt.

Einen Minijob muss Sie sich auf jeden Fall suchen

Aber auch das neue Gesetz sieht Ausnahmen vor: Wenn der Mann auswärts arbeitet und die Frau die Kinder und den Haushalt versorgt und selbst keiner weiteren Berufstätigkeit nachgehen soll oder sogar darf, dann wirkt dieser Lebensentwurf auch über eine Trennung hinaus fort. Vor allem, wenn es sich zusätzlich um eine Ehe von langer Dauer handelt. Das ist bei den 24 Ehejahren von Fatima sicher der Fall.

Sie wird Unterhalt bekommen - allerdings nicht garantiert für immer und nicht in voller Höhe. Die Zahlungen können zeitlich begrenzt oder stufenweise herabgesetzt werden. Und: Ein Minijob wird ihr auch jetzt schon zugemutet. Dabei zählt nicht, ob sie tatsächlich eine Stelle gefunden hat oder nicht, ihr werden in jedem Fall 400 Euro pro Monat als eigener Verdienst vom Unterhalt abgezogen.

Denkbar ist auch, dass sie bald zur Aufnahme einer Halbtagsbeschäftigung aufgefordert wird. Das neue Gesetz hat sich bei den Ausnahmen von der "Eigenverantwortung" der Ex-Frau sehr vage ausgedrückt. So werden die Gerichte im Laufe der Zeit herausarbeiten müssen, wie diese Begriffe der ehebedingten Nachteile, der nachehelichen Solidarität und der langen Ehedauer zu verstehen sind."

Protokoll: Monika Herbst Foto: Maurice Weiss/Ostkreuz

Wer hier schreibt:

Monika Herbst

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Fatima wollte arbeiten, trotz ihrer vier Kinder. Ihr Mann war dagegen - und weigert sich jetzt, Unterhalt für sie zu bezahlen.

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