Glücklich geschieden

Bei manchen Ehen merken die Frauen im Nachhinein, dass es besser war, sie zu beenden. Auch wenn die Trennung erst mal schmerzhaft ist.

Wenn eine Ehe vorbei ist, empfinden das die wenigsten als Gewinn. Im Gegenteil, die meisten haben das Gefühl, dass ihr ganzes Leben erst einmal nur von Verlusten geprägt ist: Man verliert den Partner, die Zukunftspläne, den Alltag. Manche verlieren ihre Kinder, die Wohnung oder das Haus, einige verlieren gemeinsame Freunde und nicht wenige auch Geld.

Das Leben nach einer Scheidung ist erst einmal ein Leben des "nicht mehr". Man geht nicht mehr zusammen zum Italiener, man kauft nicht mehr fürs Wochenende ein. Man feiert Weihnachten nicht mehr zusammen, fährt nicht mehr in den Urlaub. Die wenigsten können sich kurz nach einer Trennung vorstellen, dass dieses "Nicht mehr" auch das Potential eines großen "Noch nicht" hat.

Wenn sich ein Paar für eine Trennung entscheidet, weil die schlechten Tage überwiegen und die guten nur noch Erinnerung sind, müssen sich beide neu aufstellen. Das braucht seine Zeit, vor allem bei jenen, die verlassen wurden. Der Verlust eines Ehepartners lähmt. Da helfen zunächst auch keine Ratgeberbücher oder Tipps von Freunden: Nicht rauchen, nicht trinken, Sport machen, an die Luft gehen, ein neues Hobby suchen. Aber wie soll man das schaffen, wenn man sich kaum aufraffen kann, morgens aus dem Bett zu kommen?

Mindestens ein bis zwei Jahre dauert es bei den meisten, bis sie sich neu orientiert haben, bis ihr Leben nicht mehr vom Verlust geprägt ist, sondern von einem Neuanfang. Auch wenn sich zwischendurch einmal monatelang nichts bewegt, irgendwann lernt man, sich selbst wieder genug zu sein. Schritt für Schritt breitet sich eine neue Zufriedenheit aus. Und nicht wenige bauen sich ein Leben auf, das unabhängiger und reicher ist als das frühere Eheleben, und können irgendwann ganz ohne Ironie sagen: "Ich bin glücklich geschieden."

Rabea Tolmein* sagt, sie war erst ein Zombie, dann ein Gespenst, dann eine kaufsüchtige Quasselstrippe, und dann - langsam - "hab ich mich wieder in einen Menschen verwandelt". Rabea sitzt auf dem Sofa in ihrem Wohnzimmer in einem westberliner Stadtteil mit sanierten Gründerzeitbauten, sie hat Latte Macchiato gemacht und Kekse dazugestellt. In ihrer Wohnung sieht nichts zufällig aus: das verchromte Milchglasschränkchen im Flur, die Art Déco Lampe auf dem Couchtisch, die runden Sitzkissen auf den Dielen, das moderne Bild an der Wand in rot, hellrot und dunkelrot.

Das letzte Mal, dass sich die 38-Jährige so eingerichtet hat, wie sie wollte, war in ihrer Zeit als Studentin, da wohnte sie aber in WG-Zimmern und hatte nicht viel Geld. Nach dem Studium zog sie zu ihrem Freund und begann als Lektorin zu arbeiten, zwei Jahre später heirateten sie. "Dem war Einrichtung nicht so wichtig", sagt sie, "der war eher so Eiche rustikal".

Rolf, sagt sie jetzt, sei ein netter Mann. Sie nimmt einen Schluck Kaffee und beißt in einen Keks und auch wenn man ihrem Tonfall eine Weile hinterherhört, liegt in diesem Satz nichts Ironisches. Sie meint es ernst: Ihr Exmann war ein netter Mann. "Ich bin ja auch eine nette Frau", ergänzt sie und lacht, "wir hatten viel Spaß zusammen - vor allem am Anfang."

Wenn sie jetzt versucht zu erklären, warum sie sich - der nette Mann und die nette Frau - trotzdem irgendwann nicht mehr verstanden, spricht sie von wenig Zeit, viel Arbeit und kurzen Feierabenden, sie redet von zwei erschöpften Menschen, die abends im Bett nur noch schlafen wollten, und nach einer Weile sagt sie: "Wir haben uns einfach auseinandergelebt. Das klingt immer so blöd. Aber es war tatsächlich so: Irgendwann waren wir kein Paar mehr, sondern nur noch zwei Menschen, die ihr Leben nebeneinander her lebten."

Die Streitereien fingen an, als er, ein erfolgreicher Unternehmensberater, ein Angebot in Köln bekam. Sie, die erfolgreiche Lektorin, wollte nicht mit. Wochenlang stritten sie. Und irgendwann wurde ihnen klar, dass ihre Jobs im Laufe der Jahre so groß geworden waren, dass für ihre Liebe nicht mehr viel Platz übrig geblieben war. "Es war eine sehr traurige Erkenntnis", sagt Rabea, "wir mussten uns eingestehen, dass wir nur noch in unsere berufliche Zukunft gucken, nicht in unsere private. Alles war nur noch Mechanik und Gewohnheit."

* Alle Namen von der Redaktion geändert

Ihr Mann zog nach Köln, Rabea blieb in der gemeinsamen Wohnung in Berlin. Kurze Zeit später verliebte er sich in eine neue Kollegin. "Das war ein Schock", sagt Rabea, "ich hatte das Ganze überhaupt noch nicht richtig begriffen." Die Trennung war plötzlich endgültig - und sehr schmerzhaft.

Zwei Wochen lang schrieb sie sich krank, ging tagelang nicht aus dem Haus, weinte, sah fern, fing wieder mit dem Rauchen an. Ab und zu kamen Freunde vorbei und trösteten, hörten zu. "Meine Freunde waren wirklich geduldig", sagt sie jetzt, "ich habe sie stundenlang zugetextet."

Nach einem halben Jahr begann sie aufzuräumen, innerlich und äußerlich. Sie sah sich nach einer Wohnung um, arbeitete viel, traf sich mit ihrem Scheidungsanwalt. Ihren Ex-Mann sah sie nur selten. Es waren kurze Treffen, in denen sie sich anschrien oder nicht viel zu sagen wussten. Die Scheidung war eher unkompliziert, sie waren finanziell unabhängig, es gab keine Kinder, und "die Eiche rustikal durfte er gerne mitnehmen."

Als sie umzog, lief sie an den Wochenenden von einem Einrichtungshaus zum nächsten. Und kaufte, als würde ihr Leben davon abhängen. Mit jedem Tisch, jedem Stuhl, jedem Kissen versuchte sie, ein Stück der Leere auszufüllen, die die Ehe hinterlassen hatte. "Das war natürlich eine Illusion", sagt sie jetzt, "ich würde das auch keinem raten, aber mir hat es für eine Weile geholfen."

Inzwischen sind zwei Jahre vergangen. Rabea hat mit einer Gesprächstherapie begonnen, um ihr neues Leben besser zu sortieren. Die Wohnung ist eingerichtet, die Kaufattacken hat sie besser im Griff. Sie hat angefangen, zum Fechten zu gehen, ein paar neue Menschen getroffen. Einen Partner hat sie nicht, obwohl sie sich in ein paar Affären gestürzt hat. Die Trennung hat vieles bei ihr angestoßen.

"Ich habe begriffen, dass einige dieser so banal klingenden Sätze nur so banal klingen, weil man sie so oft gehört hat", sagt sie, "zum Beispiel, dass man an Beziehungen arbeiten muss. Oder dieses Schlagwort von der Work-Life-Balance". Rabea arbeitet immer noch viel und immer noch gerne, aber falls sie jetzt "einen treffen würde", wie sie es ausdrückt, dann würde sie auf "mehr Life und mehr Balance" achten.

Monika Greschel* sagt, sie habe nach der Trennung monatelang "nicht gelebt". Sie zog zwar um, in eine schöne Drei-Zimmer-Wohnung in Potsdam, nicht weit vom Park Sanssouci entfernt, und ging weiter zu ihrer Halbtags-Stelle bei einem Steuerberater, aber sonst "saß ich herum und tat nichts und dachte nichts".

Sie war 57 Jahre alt, der Sohn studierte in den USA, die Tochter in München. Ihr Mann, mit dem sie über 30 Jahre lang verheiratet gewesen war, hatte sich für eine andere Frau entschieden, die zehn Jahre jünger war als Monika.

"Es war wie in einem schlechten Film: Die Ehefrau hat die Kinder groß gekriegt und ihm den Rücken gestärkt, und dann beschließt er, eine zweite Jugend zu beginnen", erzählt Monika. Im Schlosspark Sanssouci sind die Wiesen an diesem Tag gefroren und die Wege vereist, aber sie geht jeden Tag zwei Mal raus, für mindestens eine halbe Stunde mit dem Hund, einem Golden Retriever mit dicker Schnauze und glänzendem Fell. Sie hat ihn seit drei Jahren. Die Scheidung ist jetzt vier Jahre her.

Es hatte sich schon länger angekündigt, auch wenn sie das erst im Nachhinein so sieht. Sie schliefen schon seit Jahren getrennt, und wenn er zuhause war, zog er sich meist in sein Arbeitszimmer zurück, er, der Architekt, der über seinen Fachzeitschriften und Zeichnungen brütete. Und sie, die Hausfrau mit Halbtagsjob, kaufte ein und kochte, kümmerte sich um die Kinder. "Ich war ein echtes Muttchen", sagt sie heute und läuft eine Weile schweigend durch den knirschenden Schnee.

Es war kein schlechtes Leben, das hatte sogar er gesagt. Aber er wollte noch einmal blühen, mit seiner neuen Freundin nach Rom und Barcelona fahren, wandern gehen und Ski fahren. "Ich war sauer", sagt Monika, "er hat nie versucht, diese Dinge mit mir zu machen. Ich war ihm langweilig geworden". Er ließ ihr keine Wahl: Als er von seiner Freundin erzählte, hatte er sich schon entschieden. Sie weinte, sie schrie, sie regte sich auf, sie warf ihn aus dem Haus. Dann kam die große Stille.

Eine Freundin half ihr, schnell eine Wohnung zu finden. Im Haus mit den vielen Erinnerungen wollte sie nicht bleiben. Die Kinder riefen oft an, die Freunde bemühten sich, aber sie waren alle verheiratet und berufstätig. Viele waren auch gemeinsame Freunde, zu einigen hat sie inzwischen den Kontakt verloren. "Er war natürlich die bessere Gesellschaft", sagt Monika und schnaubt, "er hatte ja schon ein neues Leben. Ich saß nur herum und heulte."

Nächtelang saß sie am Rechner und tauschte sich mit anderen Frauen aus, deren Lebensgeschichten sich hinter Codenamen wie "Buzzi69", "die Aufbrüchige" oder "Sehnsuchtsmaus" verbargen. Alle geschieden oder getrennt, alle irgendwo zwischen Verleugnung und Neuorientierung. Monika schaltete sich in ein Forum ein, in dem sich Frauen trafen, die verlassen worden waren, viele von ihnen, wie Monika, auch keine 30 mehr, die "Alteisernen" hieß der Thread.

Rückblickend sagt sie, dass es etwa ein Jahr dauerte, bis die Benommenheit langsam wich, ein Jahr, an dessen Ende sie beschloss: Sie musste wieder raus, zunächst einmal buchstäblich. Auf die Idee mit dem Hund kam ihre Tochter, weil die Mutter sich nicht einmal zum Spazierengehen aufraffen konnte. Seit der Hund bei ihr ist, muss sie zwei Mal am Tag an die Luft. "Ich hab immer über Leute gelächelt, die sich ein Tier anschaffen, weil sie alleine sind", sagt sie, "jetzt verstehe ich das."

Die Scheidung, sagt Monika heute, habe sie aufgeweckt. Auf den langen Spaziergängen dachte sie viel nach. Und begriff, dass sie die langen Jahre vor allem funktioniert hatte: Sie hatte sich keine Zeit für Hobbies genommen, war nicht zum Sport gegangen, hatte kaum gelesen. Und sie dachte an die junge Frau zurück, die sie einmal gewesen war, eine Frau, die tanzte, einen Roman nach dem anderen verschlang, von Weltreisen träumte. "Mit fast 60 Jahren", erzählt Monika, "habe ich angefangen, mich zu emanzipieren."

Schritt für Schritt begann sie mit dem, was sie ihr "drittes Leben" nennt. Sie ist in einer Kochgruppe, geht zur Gymnastik und sie liest fast jede Woche einen Roman. Sie hat auch wieder Spaß daran, auf dem Wochenmarkt einzukaufen, nur das, was sie selber mag. Und sie hat eine neue Freundin, Hanne, die ebenfalls seit einigen Jahren alleine lebt. Die beiden Frauen treffen sich zum Kochen, zum Kaffee und zum Spazierengehen, und dieses Frühjahr wollen sie verreisen, in die Toskana.

Ein bisschen, sagt sie, fühle sie sich wie in einer zweiten Jugend. Eine Kollegin hat sie neulich sogar gefragt, wie sie es schaffe, immer jünger auszusehen. Das größte Kompliment aber hat ihr ihr Sohn gemacht, als er sie in den Semesterferien besuchte. Sie hatte gekocht, asiatisch, und sie hatten sich den ganzen Abend gut unterhalten. Sie erzählte ihm von ihren Reiseplänen , vom Sport und von den Büchern, und irgendwann sah er sie an, erstaunt und froh, und sagte: "Mama, du hast ja jetzt ein richtig eigenes Leben!"

Anne-Dore Krohn
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