Nach der Trennung: Ein Leben voller Premieren

Es ist wie bei einem Theaterstück. Beziehung vorbei, der Vorhang fällt, das war's. Dabei steht nach der Trennung endlich wieder Neues auf dem Spielplan. Das Beste daran? Die Hauptrolle ist Ihnen jedes Mal sicher.

Dass sich das Leben plötzlich neu anfühlte, diese Erkenntnis überraschte Britta an einem Sonntagmorgen. Sie war gerade aufgewacht. Das erste Blinzeln, dazu das Gefühl nicht aufstehen zu wollen und, nach langer Zeit, das Wissen liegen bleiben zu können. Einfach so. Ohne dass da jemand war, der das nölend kommentierte. Das sei ihr in diesem Moment zum ersten Mal bewusst geworden, erzählte Britta später. "Und da habe ich mein Gesicht wieder ins Kissen gedrückt und schön bis mittags geschlummert."

Plötzlich erleben wir viele Dinge neu oder zum ersten Mal.

Zum ersten Mal nach der Trennung auszuschlafen. Für Britta, seit fünf Monaten von "Ich-steh-immer-um-sechs-Uhr-auf"-Jens geschieden, war es eine gefühlte Premiere. Eine von vielen inzwischen. Denn das Schöne ist: Wenn nach langer Zeit aus einem "Wir" wieder ein "Ich" wird, erwartet uns davon eine Vielzahl.

Plötzlich erleben wir Dinge neu, die wir längst als Erfahrungen der Jugend abgehakt hatten. Oder erleben sie tatsächlich zum allerersten Mal. Alleine in den Urlaub zu fahren, zum Beispiel, nur mit sich im Gepäck. Durch Dubrovniks Altstadt oder über die Märkte Istanbuls zu schlendern, den Duft orientalischer Gewürze in der Nase. Oder, es muss ja gar nicht so weit weg sein, einfach mal auf der Fahrerseite ins Auto zu steigen und einen Tag lang zum Shoppen nach Berlin zu fahren.

Auf eine Hochzeit zu gehen. Allein, mit sich, zum ersten Mal ohne den Mann an der Seite. Sich zuvor im Kleid vor dem Spiegel zu drehen und zu beobachten, wie der Stoff um die Knie tanzt, um später genau so auf dem Fest die Freiheit zu feiern.

Warum nicht (noch mal) aus Interesse studieren? Literatur, Design oder Kunstgeschichte, umgeben von Menschen, deren Mutter man sein könnte. Und sich dabei nicht schräg vorzukommen, sondern sich tatsächlich als Erstsemester zu fühlen. So wie Britta. Sie studiert jetzt Romanistik.

Das Leben gleicht einem aufgeklappten Schmuckkästchen.

Beim Friseur zu sitzen, um ihm nach sechs, acht, vielleicht sogar fünfzehn Jahren erstmals ein Lächeln zu schenken und zu sagen: "Mach's kurz, Tommy, und ja, gerne auch diesen leuchtenden Braunton." Sich danach zum ersten Mal im Leben bewusst für den Mut zu belohnen. Mit einem Paar Pumps, zum Beispiel, deren Preisschild ruhig dranbleiben kann. Solche, mit denen man vor jedem Schaufenster stehenbleiben möchte, nur um zu gucken ob sie noch da sind, ständig den Impuls unterdrückend, fremde Leute anzusprechen: "Entschuldigung, haben Sie schon mal solche Schuhe gesehen?" Und um sich danach vielleicht zum ersten Mal im Leben alleine an eine Bar zu setzen, einen Martini zu bestellen, und abzuwarten, was so passiert.

Denn, soviel steht fest, auch in Liebesdingen gleicht das Leben nach einer Scheidung einem aufgeklapptem Schmuckkästchen. Gucken? Nur zu. Flirten? Offiziell erlaubt! Ein erstes Date nach langer Zeit? Schon der Gedanke kribbelt. Vielleicht ist es ja mit einem Mann, der kurze Haare, rassige Pumps und Martini in Frauenhänden mag und beim Rausgehen seine Telefonnummer auf den Tisch legt.

Der erste Sex, ja, vielleicht auch mit ihm. Obwohl er zehn Jahre jünger ist. Die Premiere, fremde Hände auf der Haut zu spüren, wissend, dass sie einem Mann gehören, der nicht der ist, der jahrelang neben einem lag. Nicht ahnend, welche Stelle des Körpers er als nächstes berührt. Diese Unsicherheit auszukosten und sich dabei selbst neu zu entdecken.

Das Leben nach einer Trennung will erobert werden. Die Premieren sind die Sahnehäubchen. Um sie zu feiern, braucht es gar nicht viel. Oft reicht es schon in Jeans und T-Shirt auf ein Konzert zu gehen, den Refrain lauter als alle anderen zu singen, die Arme in die Luft zu werfen und einfach nur zu tanzen.

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Text: Antje WindmannFoto: Getty Images
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