Scheidung - wie das Leben weitergeht

Das Ende einer Liebe ist immer auch ein neuer Anfang. Irgendwann ist der Schmerz über die Trennung vorbei, und wir beginnen die positiven Seiten zu sehen: den Aufbruch in ein neues Leben. Drei Frauen erzählen, wie sie sich zwei Jahre nach dem Schlussstrich fühlen.

"Ich mag ihn immer noch, aber ich möchte nicht mehr mit ihm leben"

Steffi Schuhmann, 40, jobsuchend, ein Sohn, eine Tochter, hat nach zwanzig Jahren Ehe ihren Mann verlassen

Das Ende unserer Ehe war ein langer Prozess. Bis zu diesem Abend, an dem ich das erste Mal merkte, ich vermisse meinen Mann nicht, sondern bin froh, dass er nicht da ist. Eine Erkenntnis, die mir die Augen öffnete. Worte wie Trennung, Scheidung, Paartherapie waren schon öfter zwischen uns aufgetaucht, aber es gab keine Gespräche mehr. Ich hatte mich ins Hausfrauen- und Mutterdasein zurückgezogen, mein Ex-Mann in den Beruf und den Sport. Wir haben nicht mehr zueinander gefunden. Ich glaube, er liebte mich damals auch schon nicht mehr, aber er wollte nicht weg von seinen Kindern.

Dann tauchte ein Mann in meinem Leben auf, der Sinnbild für all das war, was mir fehlte: Zuneigung, Begehren, Nähe. Er war damals in der gleichen Situation wie ich - er trennte sich gerade von seiner Familie. Wir verliebten uns. Diese sechs Wochen, in denen kaum jemand von uns wusste, waren die schlimmsten, aber auch die schönsten Wochen. Ich kam mir so schlecht vor, wie ein Schwein. Fragte mich immer wieder: Willst du deine Ehe wirklich beenden, hat es mit dem anderen eine Zukunft, wird er überhaupt seine Familie für dich verlassen? Was soll aus den Kindern werden? Ich bin selbst ein Scheidungskind und wuchs bei meinem Vater auf. Ich habe sehr gelitten, auch wenn meine Mutter in der Nähe wohnte und wir regen Kontakt hatten. Ich sah also meinen Sohn an, einen sensiblen Elfjährigen, und dachte, jetzt tue ich ihm genau das an, was mir angetan worden war. Bei meiner Tochter hatte ich weniger Sorge. Sie ist dieser Typ, der sich aus jeder Situation das Positive rauszieht, und so war es dann auch: Die Tochter meines Freundes ist mittlerweile ihre beste Freundin.

Dieser Schritt, dem Partner wirklich zu sagen, ich trenne mich, da ist jetzt ein anderer Mann, das war so hart. Ich wusste, ich werde einen Menschen zutiefst verletzen, mit dem ich zwanzig Jahre verbunden war. Die letzten Monate des Zusammenlebens waren heftig, waren geprägt von einer Mischung aus völliger Verzweiflung, Lethargie und totaler Respektlosigkeit. Es fielen Sätze, die nicht in eine Partnerschaft gehören. Aber um so glücklich zu werden, wie ich es heute bin, musste ich diesen harten Schnitt machen. Das schlechte Gewissen in Bezug auf die Kinder geht sicher nie ganz weg, denn sie leben nun überwiegend bei mir. Ihr Vater sieht sie zwar oft, aber eben nicht mehr täglich. Dennoch haben sie mittlerweile verstanden, dass unsere Liebe zu Ende war, und sind damit halbwegs ausgesöhnt. Vor einem dreiviertel Jahr sind mein neuer Lebensgefährte und ich zusammengezogen, deswegen verzichte ich jetzt auch auf weiteren Unterhalt von meinem Ex- Mann. Wir haben ein Haus gemietet und wohnen mit meinen Kindern zusammen. Auch die Tochter meines Freundes hat ein Zimmer bei uns, wenn sie an den Wochenenden ihren Vater besucht.

Ich glaube, wir haben es letztendlich alle ganz gut hingekriegt. Die Trennung war der beste Weg - und der einzige. Mein Ex-Mann und ich haben uns in all den Jahren beide verändert. Ich mag ihn immer noch sehr, aber ich möchte nicht mehr mit ihm leben. Auch er führt jetzt eine neue, glückliche Beziehung. Wir haben beide Partner gefunden, die heute einfach besser zu uns passen.

"Ich war innerlich schon zu weit weg"

Doreen Rydz, 28 Jahre, Arzthelferin, eine Tochter, wurde erst von ihrem Mann abserviert, hat sich dann in einen anderen verliebt - und ihr Ehemann fing viel zu spät an, um sie zu kämpfen

Mein Mann stellte mich vor ungefähr zwei Jahren vor vollendete Tatsachen: "Wir werden uns trennen." Da ahnte ich noch nicht, dass dieser Satz meine Rettung war. Ich fiel in ein tiefes Loch, nahm zehn Kilo ab und wusste nicht mehr, wie das Leben weitergehen sollte. Ich hatte bis dato mit dem Baby zu Hause gesessen, hatte nichts mehr zu entscheiden und himmelte meinen Mann an - er war mein Traummann. Heute weiß ich nicht mehr, warum. Seit es mir wieder gut geht, kann ich mir vorstellen, dass ich auf einmal nicht mehr attraktiv für ihn war. Als langweilige Hausfrau habe ich mich gefühlt, und so wurde ich auch behandelt. Das würde mir jetzt nicht mehr passieren. Okay, ich war erst 21 damals, als wir uns das Baby gewünscht hatten, und er 23. Trotzdem braucht man sich nicht so zu verletzen: "Du sitzt dir den Hintern breit, während ich arbeiten gehe" - so was muss in einer Ehe nicht gesagt werden.

Nach seiner Trennungs-Ansage war ich völlig hilflos. Wie sollte es weitergehen mit mir und der Kleinen? Unsere Eltern versuchten zu vermitteln: "Das kriegt ihr wieder hin", meinten sie. Aber da war nichts hinzukriegen. Eines Tages war ich bei meinen Eltern und ging mit meinen Freundinnen aus. Da traf ich einen alten Bekannten, der gerade das Gleiche mit seiner Frau erlebte. Ihm konnte ich alles erzählen, er verstand mich, ich war hin und weg. Die Trennung erschien mir gleich gar nicht mehr so schrecklich. Und da passierte etwas Seltsames: Ich wurde für meinen Mann wieder interessant. Er wollte mich zurückhaben. Aber ich war längst verliebt in den anderen.

Anfangs trafen wir uns heimlich - ich hatte also immer was, worauf ich mich freuen konnte. In dieser Zeit wollte mein Mann umso mehr wieder mit mir zusammen sein. Bis ich aus Versehen eine SMS mit einer Einladung zum romantischen Abendessen an die falsche Nummer schickte. Mein Mann war dienstlich weit weg, in Aachen, und ich schrieb: Ich freue mich schon auf heute Abend, Essen bei Kerzenschein... oder so ähnlich. Das war natürlich für meinen Freund gedacht. Ich weiß nicht, wie - mein Mann stand blitzartig vor unserer Tür und wollte Klarheit. Er schlug eine Eheberatung vor - das hatte ich vor Monaten schon gewollt, aber jetzt war es zu spät. Er weinte, er bat mich, mit dem anderen sofort Schluss zu machen, unsere kleine Familie zu retten. Das habe ich ehrlich versucht, ich habe in seinem Beisein mit meinem Freund telefoniert und ihm gesagt, dass meine Familie jetzt wichtiger ist. Dass ich sechs Jahre nicht einfach wegschmeißen kann. Er war traurig, hat es aber eingesehen.

Mein Mann bemühte sich zauberhaft um mich, aber ich war innerlich schon zu weit weg. Und ich konnte auch die Verletzungen nicht vergessen, die ich in der Ehe bekommen hatte. Würde er nicht eines Tages wieder genauso nachlässig mit mir umgehen? Nach kurzer Zeit traf ich mich wieder mit meinem Freund. Und dann wurden wir in der Disco gesehen, und alles kam raus. Mein Mann rastete fast aus, er zitterte, er heulte, und ich wollte nur noch weg.

Da beschloss mein Freund: Du bleibst jetzt bei mir. Ich bin mit der Kleinen bei ihm eingezogen. Es war ein Risiko, aber es ist bis heute gut gegangen. Mein Mann klingelte Sturm bei uns, war nur noch ein Häufchen Elend, hat Rotz und Wasser geheult. Aber ich bin stark geblieben. Ein Glück. Jetzt geht es uns so gut miteinander, dass es mir schwer fällt, mich noch in die alten Gefühle hineinzuversetzen: diese Angst, diese emotionale Abhängigkeit. Ich glaube, ich habe da etwas Wichtiges gelernt für mein Leben: Ich weiß jetzt, was ich wert bin, mit und ohne Mann. Aber mit ist es einfach schöner.

Inzwischen ist meine Scheidung durch, aber jetzt kämpfen meine Schwiegereltern um ihr Enkelkind. Sie bestechen die Kleine mit tollen Reisen und teuren Geschenken. Bei Oma und Opa gibt es keine Grenzen. Ich kann da mit meinem Arzthelferinnen-Gehalt nicht mithalten. Und ich möchte auch nicht, dass bei meiner Tochter die Maßstäbe so verschoben werden. Aber über das Kind werden jetzt die alten Geschichten ausgetragen.

"Ich bin ein anderer Mensch geworden"

Gaby Stauderer, 35, Verkäuferin, eine Tochter, hat in ihrer Ehe lange auf die Fassade geachtet, bis sie merkte, dass sie ihren Mann innerlich längst verlassen hatte

Verliebt habe ich mich in meinen Mann, weil ich ihn für aufgeschlossen und gesellig hielt. Er war der Gegensatz zu mir, ich bin eher schüchtern und zurückhaltend. Gegensätze ziehen sich an, sagt man ja. Aber bei mir ging's nicht lange gut. Schon zwei Jahre nach der Hochzeit erkannte ich, dass diese Ehe ein Fehler war. Dennoch habe ich mich weitere acht Jahre lang nicht getrennt, weil ich die Fassade aufrechterhalten wollte. Wir haben sogar ein Kind bekommen.

Im April 2005 hatte ich dann das Scheidungsurteil in der Hand: Zuerst war ich befreit, dann sehr einsam. Ich bin kein Typ, der gern allein lebt. Ich war froh, einen Schlussstrich gezogen zu haben, aber ich fragte mich: Was mache ich mit der Zeit, in der ich nun Ruhe habe? Damit zurechtzukommen war schwer. Heute genieße ich die zwei, drei Stunden am Abend, wenn meine Tochter im Bett ist, und spüre, wie gut es mir tut, mich nur mit mir selbst zu beschäftigen. Dieser Prozess hat wohl ein halbes Jahr gedauert. Auch sich daran zu gewöhnen, nicht mehr als Paar aufzutauchen, sondern als Einzelperson, als Single. Überhaupt: Ich bin ein anderer Mensch als vor und in der Ehe. Ich hatte mich aufgegeben und an das Leben eines anderen gehängt.

Mein Mann hat immer alle Entscheidungen allein gefällt, und ich habe das geschluckt. Geld war ständig ein Thema bei uns. Natürlich habe ich schon vorher oft darüber nachgedacht, wie es wäre, sich zu trennen, aber ich hatte einfach Angst vor dem Alleinsein. Nach sieben Jahren Ehe bin ich schwanger geworden. An meinem 30. Geburtstag habe ich zu meinem Mann gesagt, jetzt oder nie. Ich wollte mit dem Kind eine neue Chance für unsere Ehe, hoffte auf Veränderung: dass mein Mann kapiert, dass man auch für andere Verantwortung übernehmen muss. Aber das klappte nicht. Ich nannte ihn immer den "Show-Papa", der Vater, der mit dem von der Mutter gewickelten und gefütterten Kind im Wagen durch die Gegend schob. Erst im Zuge des vielen Nachdenkens weiß ich heute: Ich habe meine Tochter gebraucht, um mich aus der Beziehung zu lösen, und eben nicht, damit ich eine verlorene Beziehung kitte.

Meine Entscheidung, die Scheidung einzureichen, ging dann schnell. Mein Vater erkrankte vor zwei Jahren an Knochenkrebs, ein Vierteljahr dauerte es bis zu seinem Tod. Mein Mann war in dieser schweren Zeit weder für mich noch für unser Kind noch für meine Familie da. Nach der Beerdigung wollte er allein in den Urlaub fahren. Und da dachte ich plötzlich: Wenn ich diese Woche allein mit Kind und Arbeit gut klarkomme, dann schaffe ich es auch ganz ohne ihn. Das war eine Probe, von der niemand wusste. Danach ging ich mit allen Unterlagen zum Anwalt. Ich komme mir zwar als gescheitert vor, weil ich dem gesellschaftlichen Bild, eine glückliche Familie zu haben, nicht gerecht geworden bin, aber ich bin um eine bedeutende Lebenserfahrung reicher: Ich habe zu mir gefunden. Ich öffne mich mehr, habe Freundinnen und mache Sport, ich arbeite und kann meine Tochter versorgen. Und ich weiß, wie ich es beim nächsten Mal nicht mehr mache - ich werde dem nächsten Mann mit sehr viel mehr Distanz begegnen. Ich wünsche mir eine neue Partnerschaft, aber nicht mehr um jeden Preis.

Protokolle: Karolin Leyendecker/ Vera Sandberg BRIGITTE Heft 08/2006