Scheidungs-Tagebuch

Von den ersten Zweifeln bis zum neuen Alltag als getrennte Familie: Unsere Autorin erinnert sich an die Zeit ihrer Scheidung.

Etwas war anders. Das spürte ich. Seit wir mit unseren zwei Söhnen in das neue Haus gezogen waren, das Haus mit den kleinen Erkern und Sprossenfenstern. Das Haus, in dem wir zusammen alt werden wollten.

Er ging mir aus dem Weg, blieb abends länger im Büro, machte Sport, traf sich mit Freunden. Und wenn wir am Wochenende doch alle endlich zu Hause waren, nutzte er jede Gelegenheit zu fliehen. Als könnte er die Enge nicht ertragen, als wäre ihm das alles viel zuviel heile Welt.

Wir stritten uns um jede Kleinigkeit, über das Fernsehprogramm, den Haushalt, wer mit dem Hund geht, die Kinder hütet. Wir konnten uns nicht einmal auf ein Restaurant oder einen Kinofilm einigen an den seltenen Abenden, an denen wir etwas gemeinsam unternehmen wollten. Als Paar. Um unsere Beziehung zu retten. Es war aussichtslos.

Da musste eine andere sein. Das war mir klar, aber ich konnte nichts beweisen. Ich war verzweifelt, eifersüchtig, kämpfte und prallte doch immer wieder ab, wie an einer unsichtbaren Mauer. Ein Jahr dauerte dieser Zustand, die Kinder waren noch klein, drei und fünf.

An manchen Abenden überkam mich schiere Verzweiflung: Das Abenteuer Familie lag doch noch vor uns! Acht Jahre waren wir verheiratet, aber schon in der Schule, in der elften Klasse, waren wir unzertrennlich. Unsere Familien kamen aus dem gleichen Ort. Wir hatten nette Freunde. All das konnten wir doch nicht einfach so wegwerfen!

Doch, wir konnten es tatsächlich. Wir konnten uns von all dem verabschieden und aus dieser Einheit wieder zwei machen. Zwei, die erst wieder lernen mussten, wie es sich anfühlt, allein durchs Leben zu gehen. Als Single, zwei von 11,2 Millionen in Deutschland.

Die Entscheidung – plötzlich ist sie da

Irgendwann war ich leer gekämpft, leer geweint, wollte einfach nur meine Ruhe haben. Wir sind kein Paar mehr - dieser Gedanke schlich sich langsam in mein Hirn. Machte sich dort breit, richtete sich ein, so als würde er für länger bleiben wollen. Auch ich entfernte mich immer mehr aus der Beziehung, kostete das Leben wieder, war es leid, verzweifelt zu sein, um etwas zu kämpfen, was schon längst vergangen war. Wochenlang lebten wir nebeneinander her, gleichgültig fast, warfen uns nur noch die Eckdaten des Tages zu, gingen uns aus dem Weg.

Wir mussten reden, aber beiden war klar: Nach dieser Aussprache ist es vorbei. Dieses Gespräch, das wir so sehr gefürchtet und doch ersehnt haben, ist das vorläufige Ende einer Liebe, die immerhin 17 Jahre dauerte und aus der zwei Kinder und viele glückliche Momente hervorgegangen sind.

Das machte Angst, aber hinter der Sorge um die Zukunft, um die Kinder verbarg sich noch ein anderes Gefühl: Ganz zaghaft spürte ich so etwas wie Abenteuerlust. Was würde das Leben wohl alles bringen? Jetzt, wo der Weg nicht mehr so klar vor mir lag - wie ein langer ruhiger Fluss, in dem plötzlich Stromschnellen auftauchen. Da mussten wir durch, alle beide und doch jeder für sich.

Der Moment der Wahrheit - gefürchtet und herbeigesehnt

Ganz zaghaft spürte ich Abenteuerlust.

Mein Kopf war wie mit Watte gefüllt, alle Gefühle waren so weit weg. Wir trafen uns an einem "neutralen" Ort. Beide wussten ja, worauf das Ganze hinauslaufen würde. Die Aussprache war erstaunlich kurz, eine Stunde, keiner hatte mehr die Kraft zu kämpfen. Wir redeten ganz ruhig und zum Glück endlich einmal ohne Vorwürfe. Ja, wir würden uns trennen. Ja, wir versuchen, das so friedlich wie möglich zu gestalten.

Wir besprachen, das Ganze erst einmal sacken zu lassen. Später, wenn wir beide unsere Fassung wiedererlangt haben, würden wir mit den Jungs reden. Würden versuchen, ihnen etwas zu erklären, was wir uns selbst nicht erklären konnten und was ihr kleines Leben vollkommen auf den Kopf stellen würde.

Eine Perspektive muss her - aber wie?

Plötzlich ging es erstaunlich gut, unser Nebeneinander-Zusammenleben. Wir waren fast ein wenig wehmütig, hatten aber zumindest ein gemeinsames Ziel: Die Kinder so heil wie möglich da herauszubringen. Ihnen zu zeigen, dass wir weiter für sie da sind, Mama und Papa.

Wir kauften uns einen Ratgeber von Remo H. Largo, "Glückliche Scheidungskinder". Den arbeiteten wir beide gewissenhaft durch, hatten endlich wieder ein gemeinsames Ziel und schöpften neuen Mut. Nein, stand da, eine Trennung bedeute nicht, dass Kinder unweigerlich auf Jahre traumatisiert sind. Kommt eben drauf an, wie die Eltern damit umgehen. Sind sie in der Lage, ihren eigenen Schmerz zurückzustellen?

Gleichzeitig musste ich noch über etwas anderes nachdenken: Wie könnte eine Zukunft aussehen, die Jungs und ich? Allein. Ohne Vater, ohne Mann. Ich musste jetzt alle Kraft zusammennehmen und es schaffen, uns dreien eine neue Perspektive zu entwerfen, musste die Starke sein. Stark, das war doch sonst immer er.

Ich ging durch mein Leben wie ferngesteuert.

Der Tag, an dem wir es den beiden erzählten, war furchtbar. Sie schauten uns mit großen Augen an. Fragten zuerst: Wo wohnen wir dann? Können wir Papa dann gar nicht mehr sehen? Was ist mit dem Hund? Müssen wir dann auch in eine andere Schule, einen anderen Kindergarten? Wir zerstören ihr Leben, dachte ich nur. Wie egoistisch und gemein. Am Ende weinten wir doch, alle vier, die Kleinen und die Großen. Wir klammerten uns aneinander, konnten gar nicht fassen, was wir da gerade taten.

Wie ferngesteuert ging ich später durch mein Leben, das sich überhaupt nicht mehr wie meins anfühlte. Wir beide versuchten, für die Kinder da zu sein. Sie zu trösten, ihnen das Gefühl zu geben, dass es trotzdem weiter geht. Wir waren freundlich miteinander, redeten wenig. Über jedem Satz, über jeder Geste lag eine fast unerträgliche Schwermut.

Neues Leben organisieren: Nur noch funktionieren

Innerhalb der nächsten Wochen suchte ich eine neue Wohnung, mit Garten, in der Nähe der Schule. Was konnte ich mir überhaupt leisten? Wir redeten über Geld, ich arbeitete als freie Journalistin und hatte nur ein unregelmäßiges Einkommen. Auf Unterhalt konnte ich, vorerst zumindest, nicht verzichten. Erstaunlicherweise einigten wir uns relativ schnell und unbürokratisch. Es ging um die Anfangszeit, den Rest sollten die Anwälte erledigen.

Ich funktionierte nur noch - das aber perfekt.

Am Wochenende als ich unseren Umzug machte, kümmerte er sich um die Kinder. Ich funktionierte nur noch, das aber perfekt. Kisten packen, Wände streichen, arbeiten, Kinder von der Schule abholen. Ein Zurück gab es nicht.

Die neue Wohnung: Einer fehlt

Als wir in der neuen Wohnung saßen, wir drei das erste Mal zusammen beim Abendbrot, war ich sprachlos vor Trauer. Die Fassade, die ich in den letzten Tagen und Wochen um mich herum aufgebaut hatte, bröckelte. Ich brauchte mein letztes Bisschen Energie, um vor den Kindern nicht die Fassung zu verlieren. Heulen konnte ich später, in mein Kissen, wenn die beiden endlich schliefen. Ein Häufchen Elend, das die verbliebenen Reste wieder mühsam zusammen flicken musste.

Und dann kamen die Fragen: Mama, warum habt ihr das gemacht? Warum kann Papa nicht heute Abend bei uns schlafen, wenigstens einmal? Die Kinder vermissten ihren Papa. Ja, klar. Und plötzlich wurde mir das Ausmaß der Entscheidung klar: Jetzt bin ich die einzige, die sich kümmert, wenn sie traurig sind, wenn sie nachts nicht schlafen können, wenn sie Probleme in der Schule haben. Da war niemand, mit dem ich reden konnte, der sich mitverantwortlich fühlte, der einsprang, wenn es mir nicht gut ging, der im Streit auch mal den Wind aus den Segeln nehmen konnte.

Die Wut danach: Warum hat er nicht gekämpft?

Die ersten Gespräche waren schwierig. Nach der Trennung kommt all das hoch: die Wut, es nicht geschafft zu haben. Die Fragen: Warum hat er nicht gekämpft? Warum hat es nicht gereicht? Eine explosive Mischung. Keine gute Voraussetzung für konstruktive Gespräche. Jedenfalls nicht, um über Geld zu reden, alles auseinanderzudividieren.

Die Anwälte taten ihr übriges. Das war ihr Job, schließlich waren sie von uns engagiert, für jeden von uns das Beste herauszuholen. Wir beide kapselten uns ab, redeten nur das Nötigste.

Als er das erste Mal die Kinder einfach am Gartentor aus dem Auto ließ, ohne noch einmal Hallo zu sagen, war der vorläufige Tiefpunkt erreicht. Die Kinder waren verstört, ich auch. Nach einer kurzen Wut, spürte ich: So kann es definitiv nicht weitergehen. Dieser Zustand ist für die Kinder unerträglich. Die haben etwas Besseres verdient. Nämlich Eltern, die in der Lage sind, ihre Konflikte zu lösen, ohne sie auf dem Rücken der Kinder auszutragen. Wollten wir uns das, was wir in all den Jahren aufgebaut haben, tatsächlich mit Füßen treten?

Zusammenraufen als getrennte Familie

Wir hatten doch mal eine tolle Basis, Ziele, Träume, ein gemeinsames Wertesystem. War nichts mehr davon übrig geblieben? Oder waren wir nicht vielleicht doch in der Lage, aufeinander zuzugehen, eine Lösung zu finden und gemeinsam an einer Perspektive zu arbeiten.

Das Gleiche muss auch ihm durch den Kopf gegangen sein. Am nächsten Tag klingelte das Telefon: "Wollen wir das wirklich?", fragte er. "Nein", sagte ich nur. Ich war unendlich erleichtert, dass es ihm genauso ging.

Wir wollten noch einmal ganz neu denken, das Ziel war ja klar: Die Kinder sollen ihre Eltern behalten, beide lieben dürfen. Wir wollten ihnen im Rahmen dieser begrenzten Möglichkeiten, der durch den Status Quo - die Trennung - definiert war, trotzdem das Gefühl von Familie und Geborgenheit vermitteln.

Dass wir uns da viel aufgehalst hatten, war mehr als deutlich, als wir uns zum ersten Mal trafen. Es musste viel Schutt beiseite geräumt werden. Aber wir hatten uns vorgenommen, unsere Ziele zu definieren, nicht die des einzelnen, sondern die von uns allen zusammen. Unsere gemeinsame Schnittmenge zu finden. Jeder von uns beiden musste über seinen Schatten springen, zu Kompromissen bereit sein, eine Kröte schlucken.

Und siehe da, es klappte tatsächlich. Unsere Probleme in der Ehe, der Groll, der sich im letzten Jahr bei uns beiden aufgestaut hatte, das ließen wir alles vor der Tür. Und redeten ganz sachlich: Was brauchen die Kinder zum Leben? Was brauchst Du? Was brauche ich? Wie oft sind die Kinder bei ihm? Was ist mit den Ferien? Wir steckten die Rahmenbedingungen fest, hangelten uns vor, Punkt für Punkt.

Wir schafften es tatsächlich, uns zu einigen, eine neue Basis zu formen, eine Perspektive zu entwickeln, für uns, als getrennte Familie. Aus diesem Prozess haben wir beide viel gelernt, über uns, über das Leben, und dass immer zwei dazu gehören, in guten wie in schlechten Zeiten.

Judith Bräuner
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