Trennung: Der Ex mit seiner Neuen

Der Ex mit seiner Neuen: Kein schöner Anblick. Doch genauer hinzuschauen, kann heilsam sein.

Es passierte ausgerechnet in ihrem neuen Lieblingscafé. Niemals hatte Lea die beiden zusammen sehen wollen. "Erspar mir diesen Anblick", hatte sie zu ihm gesagt, "und treib dich mit ihr nicht in irgendwelchen Lokalen herum, in denen du vorher mit mir warst." In diesem Café mit seiner Jugendstildecke, den verschwiegenen Ecken und riesigen Spiegeln an den Wänden war Lea nie mit Conrad gewesen. Wohl ein Grund mehr, warum sie sich gleich so wohl gefühlt hatte, warum sie regelmäßig hier war. Es barg keinerlei Erinnerungen. Weder schmerzliche noch schöne. Dass sie just hier mit ansehen musste, wie ihr Mann zärtlich die Finger einer anderen küsste, erschien ihr wie Häme. Sie entkam ihm nicht, ihrem größten Kummer.

Ich hätte gehen sollen, sofort, als die zwei zur Tür hereinkamen, dachte Lea. Aber dann hätte sie irgendwie an ihnen vorbeigemusst, und es hätte wie Flucht ausgesehen - jämmerlich, unbeholfen, würdelos. So war sie sitzen geblieben und hatte versucht, weiter in ihrem Buch zu lesen. Es ging nicht.

Nahezu zwanghaft wanderten ihre Augen zu dem Wandspiegel in der Ecke, in dem sie unbemerkt beobachten konnte, was sich hinter ihrem Rücken abspielte. Wie verliebt die beiden wirkten. Sie hatten sich nebeneinander gesetzt, so als ob eine Tischplatte für sie schon zu viel Trennung bedeutete. Vor ihnen zwei große Milchkaffee-Schalen und dazwischen ein Teller Apfelkuchen mit Schlagsahne. Conrad hasste Sahne. Aber jetzt ließ er sich von der anderen füttern wie ein hungriges Vogeljunges.

Schluckst du alles, was sie dir bietet?, dachte Lea und merkte, dass ihr die Tränen kamen. Heul nicht! Was, wenn Conrad plötzlich herschaut und merkt, dass die Frau, die in ihrer Tasche nach Tempos kramt, seine eigene ist. Die, mit der er immer noch verheiratet ist, die, mit der er eine 15-jährige Tochter hat - die, die er nicht mehr liebt.

Wann hatte sie angefangen - diese Angst? Vor einem Jahr, vor zwei Jahren oder noch viel früher? Lea wusste es nicht mehr. Am Anfang war da wohl nur so ein vages Gefühl gewesen, dass irgendetwas nicht stimmte. Conrad wirkte oft bedrückt, geistesabwesend, unnahbar. "Was hast du?", fragte sie. "Nichts", sagte er. Sie ließ ihn. Bohrte nicht weiter nach, schob es auf seine Arbeit. Conrad war bei der Polizei, arbeitete bei der Mordkommission. Es gab Fälle, über die sprach er nicht. Dann joggte er nach Feierabend am Fluss entlang. "Meditative Spurensuche", nannte er es, und manchmal schien er dabei tatsächlich das fehlende Glied in seiner Beweiskette zu finden.

"Hast du jemanden kennen gelernt?", fragte Lea irgendwann später. Da hatte sich die Angst in ihrem Innern schon eingenistet. Aber Conrad lachte sie nur aus: "Eine andere Frau? Du spinnst doch!" Eine Lüge. Natürlich steckte eine Frau dahinter. Eine Kollegin, Kriminalbeamtin wie er. Lydia. Ihr Name war in letzter Zeit mehr als einmal gefallen. Beiläufig im Gespräch, wie man halt über Kollegen so spricht. Hätte Lea trotzdem hellhörig werden müssen?

Mascha hatte aufgehorcht. 13 war sie da erst, ein Kind noch, aber offenbar viel sensibler für Zwischentöne als ihre Mutter. "Lüüüdia", hatte sie eines Abends beim Abtrocknen ihren Vater nachgeäfft. "Echt, ich kann diesen Namen nicht mehr hören." Lea hatte sie verwundert angeschaut: "Was meinst du denn damit?" Jetzt saß sie da, die Frau mit dem "bescheuerten Namen", dort drüben am Fenster, und Conrad küsste ihr einen Rest Sahne von den Lippen. Lea schaute weg.

Mit mir wäre ihm das peinlich gewesen, dachte sie. Wann hatte er sie das letzte Mal geküsst, so dass alle es sehen konnten? Sie musste an die Party anlässlich seiner Beförderung zum Kriminalhauptkommissar denken. Zwei Jahre war das her. "Du hast eine tolle Frau", hatte einer seiner Kollegen leicht beschwipst zu ihm gesagt, und Conrad hatte demonstrativ zärtlich den Arm um Leas Taille gelegt: "Lass ja die Finger von ihr!" Aber sein Lachen hatte aufgesetzt geklungen.

Worüber die beiden wohl sprachen? Über ihr Baby vermutlich, das Lieblingsthema aller frischgebackenen Eltern. Drei Monate und vier Tage war ihr Sohn jetzt alt. Benedikt. Name und Geburtsdatum hatten sich ihr ins Gedächtnis gebrannt. Von Freunden hatte sie es erfahren.

Ihr Mann selbst war zu feige gewesen. "Ich wollte dich nicht verletzen", hatte er gesagt. Aber das sagte er immer, wenn er es gerade wieder mal getan hatte. Jetzt will ich ihn nicht mehr, hatte Lea sich damals geschworen. Es gibt keinen Weg zurück, jetzt ist es aus und vorbei!

Aber wenn sie ehrlich war, hoffte sie immer noch. Mal mehr, mal weniger. Richtig loslassen, das ging nicht. Auch wenn der Verstand es ihr immer wieder befahl - irgendwas in ihr wollte einfach nicht wahrhaben, dass sie den Kampf verloren hatte. Am Anfang hatte doch alles nur nach einem entsetzlichen Fehler ausgesehen. In einer endlosen, tränenreichen Nacht hatte Conrad ihr die ganze Geschichte gebeichtet und gleichzeitig ihre Liebe beschworen. "Ich kann ohne dich und Mascha nicht leben."

Natürlich war Lea verletzt gewesen. Dass er sich einfach so hatte rumkriegen lassen von dieser Frau, die jünger war als sie, das war schier unerträglich und hatte ihr unendlich weh getan. Aber wer liebt, verzeiht. Wer hatte das noch gesagt? Hillary Clinton? Egal...

"Wir kriegen das wieder hin", sagte Lea damals. "Du musst nur wollen." Und er wollte doch. Wollte Schluss machen mit dieser Person, für die das alles doch nur ein harmloses Vergnügen war. Aber seine Versprechen waren nur leere Worte gewesen, und eines Tages war die junge Kriminaloberkommissarin schwanger. Einfach so. Aus Versehen. "Verzeih mir", sagte Conrad. Doch da schmiss Lea ihm die Koffer vor die Füße.

"Hau ab! Lass dich hier nie wieder blicken!" Wegen Mascha kam er dann doch immer wieder vorbei. Manchmal, wenn Lea sich stark und gut fühlte, durfte er zum Abendbrot bleiben. Einmal strich er wehmütig über den alten Sekretär im Wohnzimmer und die Polstermöbel, die sie sich zusammen gekauft hatten. "Ich bin ein Narr, dass ich das alles aufgebe." Und schon flackerte sie wieder auf, die Hoffnung, dass alles wieder gut würde. Leas Blick wanderte wieder zum Spiegel. Hast du damals eigentlich nur die Möbel gemeint oder mich, du Arsch? Am liebsten hätte sie die Frage rausgeschrien. Einmal quer durch den Raum. Wut ließ sich so viel besser ertragen als dieser entsetzliche Schmerz.

War ihm die Familie überhaupt jemals so wichtig gewesen wie ihr? Was hatte er schon mitbekommen von der Zeit, als seine Tochter klein war? Er arbeitete damals beim Bundeskriminalamt, war ständig unterwegs, wurde eingesetzt zum Personenschutz von Politikern und anderen wichtigen Menschen. Geregelte Arbeitszeiten? Fehlanzeige. Doch er liebte seinen Job, wollte da sein, wo was los war. Lag es an deiner Arbeit, dass wir uns so auseinandergelebt haben?, fragte sich Lea.

Wenn sie ehrlich war, hatte sie sich eigentlich nie so richtig für seinen Beruf interessiert. Zu Anfang war es ihr fast peinlich gewesen, wenn sie erzählen musste, dass ihr neuer Freund die Polizeifachhochschule besuchte, um Kripobeamter zu werden. Inzwischen akzeptierte sie seine Arbeit, war sogar stolz auf ihn. Irgendjemand musste diesen Job schließlich machen. Aber dass er nie pünktlich zu Hause war, selbst nachts das Telefon klingelte und sie auch fürs Wochenende oft nichts planen konnten - daran hatte sie sich nie gewöhnt.

Sie hatte ihren Job komplett auf die Familie abgestimmt, als freie Übersetzerin war das hinzukriegen. Conrad machte keine Zusgeständnisse. Immer wieder gab es deswegen Streit.

"Es gehören immer zwei dazu, wenn eine Ehe kaputt geht", hatte ihre Schwiegermutter einmal gesagt. Kalt wie eine Hundeschnauze. Seitdem herrschte Funkstille. Das musste sich Lea nun wirklich nicht sagen lassen, dass sie mitschuldig war an diesem Ehe-Desaster. Sie hatte ihren Mann nicht betrogen. Sie nicht...

Wie und wann hätten wir das Unheil abwenden können?, fragte sich Lea, während ihr Mann zärtlich über die Wange der jungen blassen Frau in dem viel zu großen Pullover strich. Er sah glücklich aus. Entspannt und heiter wie lange nicht mehr. Es scheint dir gut zu gehen, dachte Lea, und wieder spürte sie, wie die Tränen in ihren Augen hochstiegen. Warum ging es dir denn bei mir nicht mehr so gut? Wir haben uns doch mal geliebt, oder nicht?

Wie unscheinbar die andere wirkte. Wenn sie wenigstens schön oder reich oder am besten beides gewesen wäre, aber so - das war fast beleidigend. Wieso ausgerechnet sie? Was war so schief gelaufen in ihrer Ehe, dass ausgerechnet dieses farblose Mäuschen ihr den Mann ausspannen konnte?

"Sie ist die Liebe meines Lebens", hatte Conrad zu ihr gesagt. "Mit ihr kann ich über alles reden, sie fühlt, was ich fühle." "Und ich? Was war ich denn für dich?", hatte Lea geschrien. "Diese blöde Kuh zerstört selbstsüchtig dein Leben und das deiner Familie, und du nennst sie die Liebe deines Lebens. Bist du eigentlich blind?" Bin ich blind?, fragte sich Lea.

"Man sieht zunächst immer nur das, was man sehen möchte", hatte Conrad einmal über seine Arbeit gesagt. "Aber wenn man der Wahrheit auf die Spur kommen will, muss man andere Blickwinkel wählen und versuchen, mit den Augen anderer zu schauen.

Lea zwang sich, noch einmal hinzusehen. Ganz unvoreingenommen und unbeteiligt, so wie die ältere Dame am Tisch neben ihr. Ohne Wut und Hass und eine vorgefertigte Meinung. Das musste doch gehen. Schau hin, Lea, und sag, was du jetzt siehst. Zärtlichkeit! In jedem Blick, in jeder Geste.

Wenn es nicht Liebe war, was war es dann? Conrad rief nach dem Kellner, zahlte und half der anderen in den Mantel. Beim Hinausgehen ruhte seine Hand auf ihrer Schulter. Vielleicht muss ich einfach akzeptieren, dass er mit ihr glücklicher ist, als er es mit mir war, dachte Lea. Sie griff nach ihrem Portemonnaie, legte einen Schein auf den Tisch und stand auf. Zum ersten Mal hatte sie eine Vorstellung davon, wie es werden könnte, ihr Leben. Mit einem neuen Blickwinkel.

Es war Zeit, loszulassen. Und Zeit, endlich ihren eigenen Weg zu gehen.

BRIGITTE 14/08 Text: Petra Meyer-Scheffe Foto: Getty Images
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