Arm nach der Scheidung?

Früher konnten geschiedene Frauen sich auf Zahlungen von ihrem Exmann verlassen - bis der Staat vor acht Jahren das Unterhaltsrecht reformierte. Was hat sich dadurch geändert? Eine Scheidungsanwätin zieht Bilanz.

BRIGITTE: Seit vielen Jahren warnen wir unsere Leserinnen, sich nicht auf den Ehemann als Versorger zu verlassen. Ist die Botschaft angekommen?

EVA BECKER: Bei den meisten Frauen hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass sie mehr Eigenverantwortung übernehmen müssen – und zwar nicht erst, wenn die Trennung unmittelbar bevorsteht. Alles andere wäre auch naiv, denn das Ziel der Unterhaltsrechtsreform war ja, die Länge und Höhe der Unterhaltsansprüche nach einer Scheidung deutlich zu verkürzen. Die Rechtsprechung musste sich allerdings erst einpendeln. In den ersten zwei, drei Jahren nach dem Inkrafttreten kam es zu extremen Urteilen. Frauen, die sich in ihrer Hausfrauenrolle auf den Mann als Versorger verlassen hatten, mussten plötzlich gravierende Einkommenseinbußen hinnehmen, sie bekamen gar keinen Unterhalt. Inzwischen sind die Urteile nicht mehr so dramatisch, die Beteiligten können in der Regel damit leben.

Wie kam es zu der Kehrtwende?

2011 wurde das Unterhaltsrecht noch mal feinjustiert, seitdem wird die Dauer der Ehe wieder stärker berücksichtigt. Klassischerweise betrifft das die Mitte Fünfzigjährigen, die sich nach einer langen Hausfrauenehe mit Kindern trennen. Wenn sie auf dem Arbeitsmarkt keinen Job finden, kann es sein, dass der Mann die verbleibenden zehn Jahre bis zur Rente doch noch Unterhalt zahlen muss. Das wird von Fall zu Fall entschieden.

Als ich 2002 geheiratet habe, war noch nicht klar, dass Frauen künftig mehr auf sich selbst gestellt sein würden. Macht das Gesetz einen Unterschied zwischen den Frauen, die vor der Reform 2008 geheiratet haben, und denen danach – denn die wussten ja, was im Fall einer Scheidung auf sie zukommt?

Haben Sie damals einen Ehevertrag geschlossen?

Nein.

Dann werden Sie nach dem neuen Recht behandelt. Mit Ihnen ist der Gesetzgeber total unempathisch. Sie sind eine mündige Bürgerin und haben sich gefälligst darauf einzustellen, dass sich das Gesetz geändert hat. Genau das sind übrigens heute die problematischen Fälle, zum Beispiel hier bei uns in Berlin-Zehlendorf, wo traditionelle Hausfrauenehen noch weitverbreitet sind.

Müssen diese Frauen nach einer Scheidung zusehen, dass sie zügig wieder Arbeit finden??

Genau. Nehmen wir den Fall einer Frau Anfang 40, die zwei Kinder hat und sich nach 15 Jahren Jobpause von ihrem Mann trennt. Im Trennungsjahr muss sie erst mal gar nichts an ihrem Leben verändern. Bis zur Rechtskraft der Scheidung bekommt sie Trennungsunterhalt, da sind die Anforderungen auch noch sehr gering. Vielleicht muss sie Teilzeit arbeiten, wenn die Kinder schon älter sind. Ab der Rechtskraft der Scheidung ist es dann vorbei mit den Privilegien. Hat die Frau etwas Kaufmännisches gelernt, wird sie zum Beispiel einen Sekretärinnenjob annehmen müssen. Vielleicht sagt der Richter aber auch: "Sie haben zwei Kinder großgezogen, da können Sie doch hier in Berlin-Zehlendorf als Kinderfrau arbeiten. Das können wir Ihnen zumuten."

Kann sie auch gezwungen werden, von Teilzeit auf Vollzeit zu erhöhen?

Absolut - sofern es eine Ganztagsbetreuung vor Ort gibt.

Soziologen warnen, dass der Gesetzgeber davon ausgeht, dass Frauen in den Arbeitsmarkt integriert sind und jederzeit auf Vollzeit erhöhen können. In?der Praxis ist das aber in vielen Unternehmen gar nicht so einfach möglich.

Der Richter prüft dann, ob der derzeitige Job so sinnvoll und wichtig ist, dass ein Jobwechsel auf eine andere Vollzeitstelle nicht zumutbar ist. Oder ob man vielleicht noch einen zusätzlichen Nebenjob annehmen könnte. Wenn der Ehemann nach der Scheidung nicht mehr will, dass die Frau nachmittags für die Kinder da ist, was übrigens kein Einzelfall ist, muss sie in der Regel Vollzeit arbeiten, sobald für die Kinder eine Ganztagsbetreuung zur Verfügung steht. Tut sie das nicht, wird der Unterhalt gekürzt.

Kurz zusammengefasst, hat das neue Scheidungsrecht den Frauen also nur viel Arbeit gebracht ...

Das neue Unterhaltsrecht hat dazu beigetragen, das Bewusstsein der Frauen zu schärfen, sich um sich selbst zu kümmern. Das ist ja erst einmal nichts Schlechtes, sondern ein Ergebnis der Gleichberechtigung, und darüber sollten sich emanzipierte Frauen eigentlich freuen und nicht jammern. Aber man muss auch die gesellschaftliche Entwicklung berücksichtigen, und da stimmen die familiären Rahmenbedingungen noch nicht. Männer müssen stärker in die Betreuung eingebunden werden, um die Frauen zu entlasten, und diese müssen das auch zulassen. Arbeitszeitregelungen und -konzepte müssen flexibler werden, Kinderbetreuung sicherer und besser ausgestaltet. Aber auch die Haltung von Eltern, dass Fremdbetreuung nicht per se schlecht sein muss, muss sich ändern. All das hat mit dem Unterhaltsrecht nichts zu tun. Das Thema ist viel komplexer.

Und was gefällt Ihnen nicht am Unterhaltsrecht?

Dass Familien, die gemeinsam ein Konzept wie die Hausfrauenehe gewählt haben, ihre Lebenssituation mit der Scheidung drastisch verändern müssen. Darunter leiden vor allem die Kinder, denn die Verunsicherung wirkt tief in die Familien hinein. Mir fehlt außerdem eine Ausgewogenheit. Man kann nicht die Verantwortung stärker bei den Frauen ansiedeln, ohne die Männer mit in die Verantwortung zu nehmen. Sie haben die Kinder genauso zu betreuen. Perfekt wären Bedingungen wie in Frankreich, wo die Arbeitszeitregelungen jedem Ange- stellten ermöglichen, bei Bedarf Vollzeit zu arbeiten und die nötige Kinderbetreuung in Anspruch zu nehmen.

Hier fehlt noch die gesellschaftliche Akzeptanz der Ganztagsbetreuung. Es ist einfach blöd, wenn das eigene Kind als Einziges bis 18 Uhr im Hort sitzt ...

Richtig, wir können das Problem nicht allein über das Kindschafts- und Unterhaltsrecht lösen. Der Staat muss sich entscheiden, was er will. Wenn er aufgrund des demografischen Wandels Vollzeit arbeitende Mütter will, muss er dafür sorgen, dass Nachmittagsbetreuung überall sichergestellt und die Regel ist. Das will man in Deutschland nicht anpacken, auch weil wir eine andere Geschichte als Frankreich haben. Staatliche Betreuung betrachten wir mit Skepsis.

Ist also das Fazit: Eigentlich darf man als Mutter heute gar nicht mehr lange zu Hause bleiben?

Doch, aber man sollte dann unbedingt einen Ehevertrag abschließen. Da muss drinstehen, wie sich ein Paar die Gestaltung seines Lebens, wenn Kinder da sind, vorstellt. Zum Beispiel: "Wir sind uns einig, dass die Kinder von der Mutter betreut werden sollen: bis zum Ende der Grundschulzeit ganztags, danach ab 15 Uhr. Wir wünschen nicht, dass die Frau nach 15 Uhr eine Beschäftigung aufnimmt." Wir Familienrechtler freuen uns über möglichst konkrete Vereinbarungen, weil es später weniger Konflikte gibt.

Worüber streiten Familienanwälte denn heute - im Gegensatz zu früher?

?Es geht mehr um Fiktionen, um hypothetische Karriereverläufe. Also: Was wäre, wenn die Frau nicht aufgehört hätte zu arbeiten? Welche finanziellen und karrieremäßigen Einbußen hat sie durch die Ehe? Wenn sie diese belegen kann, hat sie auch heute in der Regel noch einen Unterhaltsanspruch.

Wie lässt sich das denn nachweisen?

Das ist schwer. Ich hatte mal eine Mandantin, die zehn Jahre vor der Trennung gekündigt hatte, aber noch Kontakt zu einer Kollegin hielt, mit der sie mal in den Beruf gestartet war. Anhand ihres Beispiels konnten wir vor Gericht zeigen, welchen Verlauf ihre berufliche Laufbahn hätte nehmen können, wenn sie nicht wegen der Kinder aufgehört hätte zu arbeiten. Nur: So einfach und eindeutig ist das fast nie. Was ist zum Beispiel mit der Bankkauffrau, die an der Kasse gearbeitet, zwei Kinder bekommen und seit 15 Jahren nicht gearbeitet hat?

Ja, was?

Das Gericht sagt in diesen Fällen, es gebe keine Anhaltspunkte, dass die Frau beruflich aufgestiegen wäre, und legt ein Einstiegsgehalt zugrunde. Aber wieso sollte sie nicht in der Lage sein, sich zur Abteilungsleiterin hochzuarbeiten? Das macht mich wütend, aber wir können ein nicht gelebtes Leben nicht beweisen. Und die Ehemänner werden vom Recht dazu animiert zu sagen: "Meine Frau war schlecht ausgebildet und hätte auch nichts Weiteres werden können." Nach dem Motto: Einmal dumm, immer dumm.

Es wird also schmutzig?

Genau. Das neue Recht fordert geradezu dazu auf, sich intellektuell anzugreifen. Daneben hat sich der Streit um die Betreuung der Kinder noch mal verschärft, denn Väter wollen heute mehr Anteil haben an der Erziehung. Das alte Modell - die Mutter betreut und der Vater sieht die Kinder alle zwei Wochen von Freitag bis Sonntag - hat ausgedient. Heute ist der Regelfall, dass der Vater das Kind alle zwei Wochen von Freitag bis Montag sieht und noch einen Nachmittag in der Woche und die Hälfte der Ferien. Es gibt außerdem mehr Wechselmodelle, bei denen sich die Eltern die Betreuung gleichermaßen teilen.

Für Frauen, die arbeiten wollen, ist das ja auch eine tolle Chance.?

Einige Mütter fürchten das Modell aber auch, weil sie dann womöglich keinen Unterhalt für die Kinder und sich selbst bekommen, obwohl sie Karriereeinbußen hingenommen haben. Die gesetzliche Grundlage für das Wechselmodell ist noch lückenhaft. Das Kindergeld zum Beispiel kann nicht aufgeteilt werden. Die deutschen Regelungen sind leider so, dass wir Unterhalt und Betreuung in unterschiedlichen Verfahren behandeln. Das macht die Diskussion kompliziert, denn beides hängt miteinander zusammen.

Glauben Sie als Scheidungsanwältin eigentlich noch an die Ehe?

Unbedingt! Wenn man schaut, wie gleichgeschlechtliche Paare auf die Öffnung der Ehe drängen, ist das ein Indiz dafür, dass sie noch nicht abgedankt hat. Die Ehe ist ein Ausdruck wechselseitiger Verantwortung füreinander und ein Element des Zusammenhalts in einer Gesellschaft.

Interview

Interview: Daniela Stohn Aus BRIGITTE 10/2016

Wer hier schreibt:

Daniela Stohn
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