Wer bekommt das Sorgerecht?

Wer es bekommt und wie Sie sich auf den Prozess vorbereiten - Ratschläge von einer Anwältin und Psychologin.

Die erbittertsten Scheidungsprozesse toben meist nicht um Geld oder Immobilien, sondern um die Frage: Wer kriegt die Kinder? Es sind die Sorgerechtsstreitigkeiten, in denen Eltern am härtesten kämpfen. "Der Streit um das Sorgerecht ist oft ein Ringen um emotionalen Halt", sagt die Münchner Psychologin und Rechtsanwältin Annegret Wiese. Verlierer sind oft die Kinder.

Gemeinsames Sorgerecht

Das Gesetz geht davon aus, dass Kinder beide Elternteile brauchen. Deshalb schreibt es als Regelfall das gemeinsame Sorgerecht vor. Auch wenn sie nicht mehr zusammen wohnen - die Eltern sollen die wichtigsten Entscheidungen im Leben ihres Kindes zusammen treffen: Welche Schule besucht es? Soll es zur Kommunion oder zur Konfirmation gehen? Wenn ein medizinischer Eingriff nötig ist - wo und von welchem Arzt soll es operiert werden?

Aber nicht für jede Frage, die das Kind betrifft, müssen sich die Eltern verständigen. Derjenige, bei dem das Kind wohnt, darf im Rahmen der so genannten Alltagssorge in weniger wichtigen Dingen allein entscheiden. Darunter fällt zum Beispiel, mit welchen Freunden sich das Kind treffen darf, ob es in einen Sportverein geht oder ein Instrument lernt.

Wenn die Eltern ständig streiten

Nur wenn die Eltern so zerstritten sind, dass sie nicht mehr vernünftig miteinander kommunizieren können, sprechen die Richter das Sorgerecht einem Elternteil alleine zu. Das ist auch dann noch möglich, wenn im Scheidungsprozess zunächst das gemeinsame Sorgerecht beibehalten wurde, sich aber später herausstellt, dass die Eltern in den wichtigen Fragen partout keine Einigung erzielen können.

Denn sind Vater und Mutter in einer Sorgerechtsfrage geteilter Meinung, hat der Richter das letzte Wort. Jede Frage, die auf seinem Tisch landet, wird zum Indiz, dass die gemeinsame Sorge in diesem Fall nicht sinnvoll ist. Das Gericht kann damit die Entscheidung über die gemeinsame Sorge aufheben und einem Elternteil das alleinige Sorgerecht erteilen. Wer das alleinige Sorgerecht für sein Kind will, muss dies im Scheidungsprozess bei Gericht beantragen. Das geschieht nicht selten aus Rache, hat Annegret Wiese beobachtet: "Besonders krasse Fälle habe ich erlebt, wenn es die Frau war, die den Mann verlassen hat." Selbst Männer, die noch nie bei einem Elternabend waren und die Freunde der Kinder nicht kennen, würden dann erbittert darum kämpfen, die Mutter von der elterlichen Sorge auszuschließen.

Danach entscheiden Richter

Bei der Entscheidung, bei welchem Elternteil das Kind am besten aufgehoben ist, legen die Richter drei Prinzipien zugrunde:

- Kontinuität: Wo hat das Kind bisher gewohnt? Wo ist es zur Schule gegangen, wo hat es seine Freunde?

- Bindung: Zu welchem Elternteil hat das Kind die engere Beziehung?

- Förderung: Bei wem hat das Kind die besten Möglichkeiten, sich zu entfalten? Wer ist besser geeignet, das Kind zu erziehen?

Streiten die Eltern über diese Fragen, können die Richter Zeugen vernehmen, etwa Erzieherinnen, Lehrer oder Nachbarn. Auch das Kind selbst darf mitreden. Wenn es älter als 14 Jahre ist, kann das Gericht keine Entscheidung gegen seinen Willen treffen. Bei kleineren Kindern ist es oft schwierig herauszufinden, was sie wirklich wollen. Um sie zu befragen, wird deshalb in der Regel das Jugendamt und häufig auch ein Sachverständiger eingeschaltet. "Wenn das Kind sich plötzlich und radikal auf die Seite eines Partners schlägt, ist das ein Indiz dafür, das sein Willen fremdbestimmt ist", sagt Annegret Wiese. Das Kind hat das Gefühl, es müsse den vermeintlich schwächeren Elternteil schützen und dürfe deshalb den anderen nicht mehr lieben.

Das können Sie tun

Wenn Sie fürchten, dass es zum Streit um das Sorgerecht kommt, sollten Sie auch während der Trennungsphase Ihre Kinder bei sich behalten. "Ziehen Sie nicht einfach ohne Ihre Kinder aus!" empfiehlt Anwältin Wiese. Sonst schaffen Sie vollendete Tatsachen zugunsten des anderen Elternteils: Wenn die Kinder in ihrer bisherigen Wohnung bei dem Vater bleiben, spricht das Kontinuitätsprinzip dafür, dass er ihre Bezugsperson ist - ein gewichtiges Argument im Sorgerechtsprozess.

Wenn im Sorgerechtsprozess ein Ex-Partner dem anderen die Sorge entziehen will, werden häufig die Elternqualitäten in Frage gestellt. Dann präsentieren Männer die Frau, die sich jahrelang um ihr Kind gekümmert hat, plötzlich als schlechte Mütter: Ein Tag, an dem das Kind ohne Pausenbrot in die Schule gegangen ist, wird zum Indiz für Nachlässigkeit, ein Satz wie "Ich schaff das nicht" zum Beleg für eine suizidale Tendenz. "Wenn das passiert, wird die Mutter in die Verteidigungsrolle gedrängt", sagt Annegret Wiese. Sie muss sich rechtfertigen - der Angreifer dagegen muss gar nicht erst beweisen, dass er die Elternrolle besser ausfüllt.

Damit der Streit ums Sorgerecht nicht zur Schlammschlacht wird, rät Wiese: "Engagieren Sie keinen Scharfmacher als Anwalt! Nur wenn Sie auf Vorwürfe nicht mit wütenden Gegenvorwürfen reagieren, können Sie den Prozess wieder auf eine sachliche Ebene bringen."

Ist das Sorgerecht noch so umstritten - Annegret Wiese erlebt es in ihrer Praxis regelmäßig, dass sich im Alltag vieles doch noch ganz anders ergibt. Besonders im Beruf engagierte Väter, die während der Ehe die Kinder weitgehend der Partnerin anvertraut haben, merken: Es kann ganz schön schwer sein, die Bedürfnisse der Kinder mit ihrem eigenen Leben zu vereinbaren. Den Alltag mit Kindern - auch wenn es die eigenen sind - müssen sie oft erst lernen. Manche Väter, die zuvor erfolgreich um das Sorgerecht gekämpft haben, ziehen sich deshalb nach und nach wieder zurück und überlassen es der Mutter, sich im Alltag um das Kind zu kümmern.

Was darf der Stiefvater?

Der neue Partner einer Mutter kann nicht selbst das Sorgerecht für seine Stiefkinder bekommen. Er kann sich jedoch für bestimmte Situationen eine Vollmacht ausstellen lassen - zum Beispiel, um beim Elternsprechtag mit den Lehrern über die Noten des Kindes zu sprechen. Widerspricht aber der leibliche Vater des Kindes, darf der Stiefvater dieses Recht nicht ausüben.

Umgangsrecht

Unabhängig vom Sorgerecht hat jeder Elternteil ein Umgangsrecht mit seinen Kindern: Er darf sie zu sich einladen und ohne den anderen Elternteil Zeit mit ihnen verbringen. Das Umgangsrecht ist nicht nur ein Recht der Eltern, sondern auch des Kindes. Das bedeutet, dass prinzipiell auch ein Kind verlangen kann, seinen Vater oder seine Mutter zu sehen. Besuche einzuklagen ist trotzdem schwierig: Wenn ein Elternteil sich dagegen wehrt, das Kind zu sehen, weil er zum Beispiel eine neue Familie gegründet hat und mit seiner alten Familie nichts zu tun haben will, zwingen ihn die Gerichte nicht dazu. Durch die Zurückweisung, argumentieren die Juristen, wäre sonst das Kindeswohl in Gefahr.

In der Regel sieht das Umgangsrecht vor, dass das Kind bei einem Elternteil wohnt und den anderen jedes zweite Wochenende sowie für die Hälfte seiner Schulferien sieht. Wohnen die Eltern in der gleichen Stadt, werden oft auch Besuchszeiten in der Woche vereinbart. Diese sollten auch eingehalten werden, rät Annegret Wiese: "Bis auf sehr wenige Ausnahmen müssen Kinder Kontakt zu beiden Eltern haben."

Von Annegret Wiese ist das Buch erschienen: "Die Scheidung. Ein juristischer und psychologischer Ratgeber für Frauen" (Humboldt Verlag, gemeinsam mit Otfried Dahme).

Text: Swantje Wallbraun Foto: luxuz/Photocase.com

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Swantje Wallbraun
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