Angst vor Nähe

Warum denken und fühlen wir nachts so völlig anders als am Tag? Warum haben wir zum Beispiel nachts Angst vor Nähe?

Es ist 23 Uhr:

Ich ziehe den Pyjama über Slip und T-Shirt. Ich lege mich auf die äußerste Kante unseres Bettes und warte: Seit fünf Jahren lebt Sabine Koch, 24, mit Tommy zusammen. Sie liebt ihn. Aber Tommy hat sich verändert. Er will keinen normalen Sex mehr.

Ich hörte das Wasser im Bad plätschern. Tommy duschte wieder, ewig lange, wie jeden Abend, seit fünf Jahren, so lange wohnten wir schon zusammen. Ich hatte keine Lust gehabt, auf ihn zu warten, hatte mich schon früh ins Bett gelegt. Als ich das Wasser in die Badewanne laufen hörte, schreckte ich auf. Würde er zu mir kommen?

Nachmittags, als ich allein war, hatte ich "Scheißkerl" durch die Wohnung geschrien und wütend seinen ganzen Kram gepackt und auf dem Dielenboden vor der Eingangstüre verstreut: die Leder- Strings mit Kettchen in Schwarz, den Leder-BH mit den Nieten, Lederringe, Korsagen, Strapse, Gummistrümpfe, Latex-Handschuhe. Nur die Handfesseln, die er fest ans Bett montiert hatte, fehlten. Später habe ich den Pyjama mit den großen dunklen Karos angezogen, über Slip und T-Shirt, wie immer, zugeknöpft bis oben hin, und mich dann auf die äußerste Kante unseres Bettes gelegt. Tommy würde wissen, was es bedeutete, dass ich ihm das Zeug aus dem Sexshop vor die Füße geknallt hatte. Ich war durch mit dem Thema.

Er war nicht gleich zu mir ins Schlafzimmer gestürmt, sondern zuerst unter die Dusche. Kein gutes Zeichen. Denn unter der Dusche hatte alles angefangen. Würde er jetzt gleich mit Straps und Ledergurt und völlig aufgegeilt die Türe aufreißen und rufen: "Naaaaah? Hast du Lust?"

Ich wartete. Ich war erst morgens von einer Wochenendreise zurückgekehrt und hatte ihn noch nicht gesehen. Mit Freunden aus meiner Studienzeit hatte ich eine Bergtour am Großglockner gemacht. Wie früher. Und wie früher hatte sich mein alter Freund Peter am Abend zu mir hingekuschelt. Plötzlich merkte ich, unter was für einem Druck ich stand. Die Tränen liefen mir herunter, als ich ihm von Tommys sexuellen Vorlieben erzählte. Wie abstoßend ich das alles fand und trotzdem mitmachte. Jede Nacht aufs Neue. "Du musst gehen", sagte Peter, "sonst wirst du unglücklich."

Wenn ich es nicht schon war. Dabei war Tommy meine große Liebe gewesen, "mein Karma" nannte ich ihn. Zwei Jahre lang war Friede, Freude, Eierkuchen. Bis wir über Kinder sprachen. Tommy hatte Hoden, die in den Leisten verwachsen waren. Ging das dann überhaupt? "Unbedingt operieren wegen Krebsgefahr", sagte mein Frauenarzt. Kinder könne mein Freund wohl nicht zeugen.

Tommy entschloss sich zu der OP. Mit dem Effekt, dass die Hoden trotzdem wieder an ihren angestammten Platz zurückschnurrten. Ein Urologe riet zu einem Gummiring aus dem Sexshop, um sie draußen zu halten. Das war's. Als Tommy den Ring zum ersten Mal unter der Dusche über seine Hoden gewurstelt hatte, war er so angeturnt, dass ich kaum Luft holen konnte, bis er schon zum Orgasmus gekommen war. Das ging mir zu schnell, viel zu schnell. Ich bat ihn, das komische Ding wegzulassen, wenn wir miteinander schliefen. Stattdessen rannte Tommy in den Sexshop und kaufte Lederstrings mit Nieten, Ketten und Schnüren.

Er hatte Blut geleckt. Mir wurde übel. Während er nun jede Nacht gespornt und geharnischt und zitternd vor Lust, die ihm das Anziehen von Lederriemen und Ketten bereitete, aus der Dusche kam, gruselte ich mich von Herzen. Tommy brannte. Ich versuchte, ihn zu bremsen. Wenn ich sagte, er solle doch bitte etwas behutsamer mit mir umgehen, fing er an zu toben: Was für ein verklemmtes Huhn vom Land ich doch sei, konservativ, spießig, prüde, frigide, borniert, asexuell, was weiß ich alles.

Unendlich peinlich und unangenehm waren mir diese Szenen. Ich konnte an nichts anderes mehr denken und sprach doch mit keinem darüber, weil ich mich schämte. Stattdessen bat ich Tommy um Kompromisse: "Einmal mit Leder und Ketten für dich, einmal ohne für mich."

Er ging scheinbar darauf ein und kam in der nächsten Nacht mit einem neuen Geschenk: einem Kettentanga in Rosa. Ich war fassungslos, und das sagte ich ihm auch. Das alles turnte mich ab, abgrundtief ab. So sehr, dass ich nur noch Ekel spürte, vermischt mit dem Gefühl, nie wieder Freude am Sex empfinden zu können. Wie eine Fessel band mich diese Abscheu an Tommy. Er war mein Karma, Augen zu und durch. Nach jeder Dusche, viele Nächte.

Tommy ließen meine Gefühlsausbrüche völlig unbeeindruckt. Dauernd marschierte er mit neuer Beute an: Latex-Handschuhe, Latex-Strapskorsagen, Strümpfe aus Latex, das musste mir doch gefallen! Ab und zu nahm er mich in die Arme und streichelte mich auf Teufel komm raus. Zum Geburtstag schenkte er mir einen Ketten-BH, der mir den Busen wie Weintrauben quetschte. Ich bekam einen Schreikrampf.

Dann kamen die Tage in den Bergen. Zum ersten Mal hatte ich mit jemandem über meine Angst gesprochen. Und zum ersten Mal seit langer Zeit war mein Körper bei einer Berührung nicht zu Eis erstarrt, sondern warm geworden. Was würde jetzt aus Tommy und mir werden? Würde er mich wieder überreden, sich vielleicht zur Abwechslung sogar mit einem netten Häppchen "Sex ohne" bei mir einschmeicheln? Und wie würde ich reagieren? Ich fühlte mich immer noch an der Leine, Tommy hatte immer noch Macht über mich. Ich lag frierend unter der Bettdecke, verbarrikadiert im Schlafanzug. Wenn er eine Hure und Hardcore haben will, okay, aber nur eisgekühlt.

Doch Tommy kam nicht mehr in dieser Nacht, auch in den folgenden nicht. Als er auszog, war ich erleichtert. Und zutiefst verzweifelt.

Buchtipp

Borwin Bandelow, Das Angstbuch. Woher Ängste kommen und wie man sie bekämpfen kann. Rowohlt 2006, 9,90 Euro, 379 Seiten

Wo bekomme ich Hilfe?

  • DASH - Deutsche Angst-Selbsthilfe
  • Bayerstr. 77a Rgb.
  • 80335 München
  • Tel. 089/51555315
  • www.panik-attacken.de
Portokoll: Marianne Moesle BRIGITTE Heft 25/2006

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