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Anorgasmie Warum du Lust empfindest – und trotzdem keinen Orgasmus hast

Anorgasmie: Manche Menschen haben selten oder gar nie einen Orgasmus
Anorgasmie: Manche Menschen haben selten oder gar nie einen Orgasmus.
© Naya Na / Adobe Stock
Eine Anorgasmie ist verbreiteter als man glauben mag. Woran du sie erkennst und wie du mit ihr umgehen kannst, verrät Expertin Masha Hell-Höflinger.

"Wie fallen und fliegen zugleich" wird der Orgasmus unter anderem beschrieben. Es gibt viele Worte, die sich daran versuchen, zu fassen, was in einer Frau vor sich geht, die gerade zum sexuellen Höhepunkt kommt. Und doch gibt es nicht genug Worte, um zu beschreiben, wie es ist, wenn dieser Höhepunkt nicht kommt oder gar niemals gekommen ist. 

Anorgasmie zählt zu den häufigsten sexuellen Beeinträchtigungen.

Wenn es nicht mehr um eine temporäre Funktionsstörung geht, wenn Sex nur noch ein Thema der Scham, des Schmerzes oder der Blockade ist, dann spricht das Lexikon der Psychologie von einer "Anorgasmie", der Unfähigkeit, einen Orgasmus zu erleben. Sie wird zu den häufigsten Beeinträchtigungen der Sexualität gezählt, Studien zufolge kommt jede zehnte heterosexuelle Frau nie zum Orgasmus.

Wann sprechen wir von Anorgasmie und vor allem: Wie gehen wir damit um? In unseren romantisch-sexuellen Beziehungen und mit uns selbst in einer Gesellschaft, in der körperliche Nähe und Sex mit einer glücklichen Partner:innenschaft gleichgesetzt wird? Wir sprachen mit der Beziehungsexpertin und Geschäftsführerin der Beziehungsakademie "SozialDynamik", Masha Hell-Höflinger. Sie weiß genau wie es ist, mit Anorgasmie zu leben – und wie man wieder zur eigenen Sexualität finden kann.

"Wir Frauen sind es gewohnt, Schmerzen auszuhalten"

Wie kann ich meine sexuellen Blockaden lösen?
Wie kann ich meine sexuellen Blockaden lösen?
© fausto serafini/EyeEm / Adobe Stock

Natürlich spricht man nicht sofort von einer Anorgasmie, wenn ein Orgasmus nur unregelmäßig kommt, schließlich gibt es bei Frauen viele Faktoren, die das Auftreten des sexuellen Höhepunkts erleichtern oder eben erschweren. "Vielleicht bist du müder, als du es dir eingestehen möchtest oder stehst an einem Punkt in deinem Zyklus, an dem es schwieriger ist, zum Orgasmus zu kommen", erklärt Hell-Höflinger.

Doch bleibt das Gefühl, sexuell blockiert zu sein, über einen längeren Zeitraum bestehen, ist es bisher noch nie zum Orgasmus gekommen oder Sex sogar schmerzhaft für dich, dann ist es ratsam, medizinische Hilfe aufzusuchen. "Sehr viele Frauen haben beim Sex Schmerzen, trauen sich aber nicht, darüber zu sprechen und halten es eben aus. Wir Frauen sind es schließlich gewohnt, Schmerzen auszuhalten.

Viele Frauen erleben Sex eher als ein belastendes To-Do.

Können keine körperlichen Gründe festgestellt werden, sei es ratsam, auf die Psyche zu schauen, so die Expertin weiter. Stress und Streit in der Beziehung können hierbei ebenso ein Faktor sein, wie Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper oder der Stimmung. 

"Viele Frauen erleben Sex eher als ein belastendes To-Do, bei dem sie auch noch irgendwie dem Mann und seinen Bedürfnissen zur Verfügung stehen müssen", nennt Hell-Höflinger einen weiteren möglichen Grund. Weiterhin sei das Thema Sex bei vielen Menschen mit Scham verbunden, die "uns daran hindert, über unsere wahren Bedürfnisse zu sprechen". Diese Scham kann durch unterschiedliche Faktoren entstehen, zum Beispiel schlechte Erfahrungen in Verbindung mit Sex oder wenn Sex in der Familie kein Thema ist und die Eltern beispielsweise ein sehr distanziertes Verhältnis zueinander haben.

Das sensible Thema der sexuellen Scham wird auch in unterschiedlichen Studien behandelt. Das Ergebnis einer Untersuchung: Je größer die wahrgenommene soziale Unterstützung, desto eher hat der Mensch das Gefühl, über sexuelle Themen mit Freund:innen, Partner:innen und der Familie zu sprechen – andersherum führt eine klein wahrgenommene Unterstützung dazu, sich mit diesen Themen nicht nach außen zu wenden.

Anorgasmie: Wie können wir mit sexuellen Blockaden in unserer Beziehung umgehen?

Schafft euch gemeinsam einen sinnlichen Raum und geht auf eure Bedürfnisse ein
Schafft euch gemeinsam einen sinnlichen Raum und geht auf eure Bedürfnisse ein
© Piotr Marcinski / Adobe Stock

Wer erkennt, dass Sex mit negativen Gefühlen wie Angst, Druck und Scham verbunden ist, überaus selten oder gar nie einen Orgasmus erlebt hat, dem:der legt die Expertin nahe, sich mit dem:der Partner:in darüber auszutauschen. Doch auch mit sich selbst ist eine Auseinandersetzung ratsam, wie die Beziehungsexpertin erklärt.

Ich bin die Frau, ein sexuelles Wesen

"Zuerst einmal geht es darum, für sich anzuerkennen und anzunehmen, dass das Erleben von Sex aus irgendwelchen Gründen nicht so ist, wie erhofft, ohne dafür Schuldige zu suchen." Hell-Höflinger rät dazu – insofern keine medizinischen Hindernisse vorhanden sind – bewusst auf die Reise ins Innere zu gehen, die körperlichen Schutzmechanismen zu erkennen und sich von ihnen zu lösen. 

Wenn eine Frau sagt: "Ich bin ein sexuelles Wesen und ich will das erleben", dann ist es wichtig, nicht aufzugeben, sondern seine Liebe und Achtsamkeit nach innen in den eigenen Körper zu kehren.

So könne man selbst herausfinden, warum man sich emotional wie auch körperlich verschließt. Hierbei kann professionelle (beispielsweise therapeutische) Unterstützung hilfreich sein, da es uns manches Mal schwerfällt, selbst zu erkennen, was uns genau und in welcher Form beim Thema Sex blockiert.

Wir sind keine Maschinen

Auch alltäglichen Stress gilt es ernst zu nehmen und zu vermeiden, so die Expertin. "Wir gehen körperlich und psychisch so unachtsam mit uns um, da hat der Körper kaum eine andere Wahl, als am Ende des Tages zu sagen: 'Mach du mal, aber da mache ich nicht mit!'" Hierbei kann es helfen, sich aktiv aus dem Alltag herauszuziehen, bewusst zu atmen, ein Bad zu nehmen, Zeit im Nichtstun zu verbringen, so Hell-Höflinger weiter.

"Du musst deinen Körper nicht lieben, aber hör auf mit dem Selbsthass"

Die Expertin kenne nicht eine Frau, die hundertprozentig zufrieden mit sich sei. Selbstliebe und -akzeptanz wird nicht nur in den sozialen Medien angepriesen, von überallher prallen solche Mantras auf uns ein – dabei muss man nicht einmal so weit gehen, sagt die Unternehmerin. "Du musst deinen Körper nicht lieben, aber hör auf mit dem Selbsthass."

Dabei kann hilfreich sein, sich jeden Tag fünf Minuten nackt im Spiegel zu betrachten. "Sage dir: Das bin ich. Ich bin gut, wie ich bin. All das, was ich da sehe, hat seine Geschichte. Was immer es ist, was dir nicht gefällt: Dein Körper tut so viel für dich, er hat es verdient, liebevoll behandelt und berührt zu werden."

Es liegt an dir, Grenzen zu setzen

Ein stressiger Alltag, ungleich aufgeteilte Haushalts- und Erziehungsaufgaben, ständige Streitereien – es gibt viele mögliche Gründe, warum eine liebevolle Nähe zwischen deinem:deiner Partner:in und dir aktuell oder auf längere Sicht schwierig ist. Die alleinige Verantwortung bzw. Schuld bei der anderen Person zu suchen, ist allerdings alles andere als zielführend.

"Ich als Frau erlaube mir jetzt, für meine Grenzen zu sorgen", kann dir ein Mantra in so schwierigen Zeiten sein, rät die Expertin. Schließlich sind wir alle selbst für das Ziehen und Wahren unserer eigenen Grenzen verantwortlich. Überlege auch, was du von deinem Gegenüber im Miteinander auf emotionaler wie sexueller Ebene wünschen würdest.

"Scham verschwindet, wenn wir darüber reden, wofür wir uns schämen"

Auch sexuelle Übergriffe können dazu führen, dass wir sexuelle Blockaden entwickeln. Hell-Höflinger hat damit selbst Erfahrung gemacht. Sie wurde schon früh in ihrem Leben Opfer von sexueller Übergriffigkeit, als junges Mädchen wurde sie in der U-Bahn von einem Exhibitionisten von einem Waggon in den nächsten gejagt, als Jugendliche griff ihr Fahrlehrer ihr ständig beim Rückwärtsgang an die Brust. In ihrer Familie war Sex ein Tabuthema, sie blieb mit ihrer Unwissenheit und Scham über die Veränderungen ihres Körpers und den sexuellen Übergriffen allein. "Ich dachte immer, dass ich irgendwie schuld war", erinnert sich die Expertin an diese Zeit.

Doch durch ihre Ausbildung zur Lebens- und Sozialberaterin und weiteren unterschiedlichen psychologischen Schulungen habe sie viel darüber lernen können, wie die menschliche Psyche funktioniert und insbesondere von der US-amerikanischen Autorin Brené Brown habe sie eine Sache gelernt: "Scham verschwindet, wenn wir darüber reden, wofür wir uns schämen."

Für sie sei der erste Schritt zur Verarbeitung dieser Erlebnisse gewesen, aus dem Gefühl der Schuld auszusteigen: "Nichts von alledem, was passiert ist, war meine Schuld." Das Unrecht, das ihrem Körper wiederfahren ist – dass so vielen Frauen auf der ganzen Welt angetan wird – begreift sie bei sich persönlich als "Abdruck einer Vergangenheit, den wir spüren, der aber nicht definieren muss, wie wir heute sind".

Plane deine sexuellen Begegnungen bewusst ein

Sex nach Plan mag auf den ersten Blick überaus unromantisch klingen, dabei ist es eine verbreitete Gewohnheit von sexuell befriedigten Paaren. Niemand hätte automatisch nach einem stressigen und langen Tag abends noch Lust auf Sex, erklärt Hell-Höflinger. Dabei helfen könne, wenn man sich einen Raum und Zeit schaffe, um Nähe und echte Begegnung miteinander zu erleben.

Schafft euch einen sinnlichen Raum, keinen weiteren Punkt auf der To-Do-Liste

Aber bitte: Das soll nicht bedeuten, dass Sex nur ein weiterer Punkt auf der immer langen To-Do-Liste beider Partner:innen werden soll. Es soll wirklich darum gehen, eine sinnliche Oase zu schaffen, in der sich beide wohlfühlen. Duftkerzen, gemütliche Kissen, frische Bettwäsche, schöne Musik, gegenseitiges in den Armen halten … es gibt viele Möglichkeiten, sich die sexuellen Begegnungen besonders zu gestalten.

Über Masha Hell-Höflinger

Masha Hell-Höflinger ist Coachin bei SozialDynamik
Masha Hell-Höflinger ist Coachin bei SozialDynamik
© PR

Masha Hell-Höflinger ist Geschäftsführerin und Coachin der Beziehungsakademie SozialDynamik. Sie arbeitet mit Menschen und versucht hierbei, deren Trigger, Ängste und Blockaden zu erkennen und aufzulösen. SozialDynamik ist ein Unternehmen, das sich auf die Lösung von Beziehungsproblemen im Liebes-, Familien- und Berufslesen spezialisiert hat. Die Beziehungsakademie ist in Österreich, Deutschland und der Schweiz tätig.

Verwendete Quellen: Interview, femna.de, spektrum.de, stern.de, link.springer.com, womenshealth.de, ncbi.nlm.nih.gov, lifehacker.com, researchgate.net, de.statista.com

cs Brigitte

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