VG-Wort Pixel

Autorin erzählt BDSM und ich: Eine Liebe fürs ganze Leben?

Schriftstellerin Leona Stahlmann: Handschellen
© Hanasaki / Adobe Stock
Die Schriftstellerin Leona Stahlmann spricht offen über ihre Vorliebe für BDSM: Sex zwischen Hingabe und Herrschaft. Dann bekommt sie ein Baby und zieht aufs Land. Ist jetzt Schluss mit lustig?

Es gibt vermutlich keinen einzigen Menschen auf der Welt, der nicht irgendwann einmal das Gefühl gehabt hätte, dass mit seiner Sexualität etwas nicht stimmt. Aber mit diesen kleinlichen Vorstellungen von dem, was "normal" ist und was nicht, muss man sich nicht aufhalten: Man kann sie, im Gegenteil, als eine verlockende Gelegenheit verstehen, die Regeln zu brechen. In den Zwanzigern hatte ich herausgefunden, was ich will: eine Erotik mit einem Zärtlichkeitsbegriff, in dem eine Ohrfeige intimer sein kann als ein Streicheln. Eine Partnerschaft, in der Augenhöhe und Unterwerfung, Hingabe und Herrschaft nebeneinander stehen dürfen, sich ergänzen.

Baby statt Bondage?

Mit 30 hatte ich mir erlaubt, das zu wollen. Mit 31 wusste ich, mit wem ich es will. Und mit 32 kam das Baby, ich brach mir bei der Geburt das Steißbein und hakte seine Federwiege an dem Deckenhaken ein, an dem ich vorher in elaborierten Shibari-Verknotungen gehangen hatte. In meinem Bett, das keine Spielstätte konsensueller Paarerotik mehr war, sondern ein zunehmend nach saurer Muttermilch riechendes Wochenbett, konnte ich weder liegen noch sitzen, und meine Sexualität nahm sich auf unbestimmte Zeit frei und verschwand an einen besseren Ort.

Nach dem ersten halben Jahr wurde es besser, aber ich bin auf etwas Bemerkenswertes gestoßen: Über moderne Mütter wird derzeit viel gesprochen und geschrieben. Sie dürfen "alles sein", fett und überfordert, fit und gelangweilt von einer Routine aus Pastinakenbrei und Windelcreme, sie dürfen ihre Mutterschaft bereuen, Drogen nehmen, Vollzeit arbeiten oder gar nicht, aber ihre Fetischsexualität offen leben, das dürfen sie nicht. Sie dürfen sich mit NFTs und Kryptowährungen auskennen, aber nicht mit der Schönheit einer präzisen Schlagtechnik bei Ganzkörperflagellation. Das be-rührt eine Grenze, es sorgt für die Sorte verurteilender Blicke, die Mütter sich sonst untereinander auf Spielplätzen zuwerfen, wenn eine "Rabenmutter" die Reiswaffeln zu Hause vergessen hat.

Erotik als Raum der Fantasie

Eine Bekannte mit Kind sagte mir, ich habe zu hohe Ansprüche. Es sei doch klar, dass im Babyjahr für "Extravaganzen" wie meine kein Platz wäre. Ich weiß nicht, wie sie sich eine sadomasochistische Paarbeziehung vorstellt; bei ihr klang es, als wäre bei einer Sexualität wie meiner unter Maskenbällen mit Codewort auf Renaissanceschlössern nichts zu machen. Tatsächlich ist es so: Für meine Erotik betrete ich einen Raum der Fantasie, in dem Rollen und Geschlecht, Grenzen und Entgrenzung ineinanderfließen. Dieser Raum muss kein Schloss sein. Er kann alles sein, ein winziger Augenblick zwischen Hochstuhl und Lauflernrad, ein Wort, eine Geste, ein Blick. Ich denke, damit hat BDSM im Babyjahr sogar einen ganz praktischen Vorteil. Der Raum gehört nur uns, wir bestimmen über ihn, seine Größe passt sich den äußeren Bedingungen an.

Vor dem Baby hatte ich, rückblickend gesehen, ein geradezu obszönes Maß an Zeit unter der Dusche, um mir die Beine zu rasieren (beide Beine! Mit komplizierter Kniekurvenrasur!), eine nicht von Schlafentzug torpedierte Libido, und ich genoss die Vorzüge einer polymorph perversen Großstadtblase, was in Hamburg bedeutet, dass die Berliner Fetischclubs nicht weit weg sind. Mit dem Baby (und seinem Vater) bin ich unlängst aufs Land gezogen. Mein auf Babygröße heruntergebrochenes Sexualleben habe ich mitgenommen, es passt im Übrigen in ein altes bayerisches Bauernhäuschen mitten im Hochmoor ganz wunderbar, auch architektonisch kommen uns die Bayern entgegen, ich sage nur: Deckenbalken.

Die drei B's 

Den Bayern selbst ist es übrigens genauso schnurz, was anderer Leute Bettdecken hebt, wie es den Hamburgern egal gewesen ist, in der Tendenz sogar noch egaler: Die Nachbarn sind noch weiter entfernt als der nächste Supermarkt (fünf Kilometer), niemand lugt uns in die Fenster, es gibt hier genug anderes zu sehen, die Alpenkronen bei Sonnenuntergang zum Beispiel oder den Sternenhimmel über dem Moor. Vielleicht liegt es auch daran, dass in einem CSU-regierten Bundesland das Leiden sowieso zum regionalen Brauchtum gehört: Die Bayern, das Baby, der BDSM und ich, wir werden uns gut verstehen.

Brigitte

Mehr zum Thema