Gleichberechtigung: Sex oder Abwasch?

Ständig muss in Beziehungen irgendwas besprochen werden. Alles muss total gerecht ablaufen. Nur im Bett geht dafür gar nichts mehr. Killt die Gleichberechtigung den Sex?

Paare im Jahr 2014 haben es wirklich nicht leicht: Ständig müssen sie irgendwas verhandeln, niemand von beiden kann sich die ganze Woche rund um die Uhr im Büro verstecken, und bei ihnen im Flur hängt ein hässliches mehrspaltiges Instrument, in dem all das mühsam festgeschrieben ist - der Familienkalender. Und als ob das nicht reichen würde, kommt zu all dem Aufwand auch noch folgende Pleite hinzu: Gleichberechtigte Paare haben weniger Sex.

Zumindest scheint dies aus einer Untersuchung dreier Soziologinnen hervorzugehen, die sie im vorigen Jahr in der "American Sociological Review" veröffentlicht haben. Darin berichten sie, dass man bisher davon ausgegangen ist, dass die Sexfrequenz zunimmt, je gleicher die Aufgaben in einer Partnerschaft verteilt sind. Nach dem Motto: Männer, wenn ihr Sex wollt, müsst ihr die Wäsche machen. Und Frauen, ihr müsst vielleicht auch mal die Fußmatten vom Auto ausklopfen. Oder so.

So lange dauert guter Sex

Das aber stimmt nicht, sagen die Soziologinnen, die eine Vielzahl routinemäßig erhobener Daten ausgewertet und miteinander in Beziehung gesetzt haben. Demnach haben Paare umso weniger Sex, je mehr der Mann traditionell weibliche Aufgaben übernimmt wie Kochen, Staubsaugen oder Wäschefalten (ich habe schon immer geahnt, dass Wäschefalten überschätzt wird und möglicherweise verheerende Auswirkungen haben kann). Und zwar anderthalb Mal im Monat weniger Sex als Paare, bei denen Männer sich auf traditionell männliche Aufgaben beschränken wie Autoreparieren oder Müllrausbringen: fünf Mal im Vergleich zu 3,5 Mal. Die 0,5 Mal sind natürlich statistisch bedingt, könnten aber auch dadurch entstehen, dass nach der Hälfte die Männer immer rufen: "Mist, ich muss ja noch die Wäsche falten!"

Noch erschreckender aber als die fehlenden anderthalb Mal Sex ist ein Studienergebnis, das die Paartherapeutin Lori Gottlieb in einem Artikel für die "New York Times" so zusammenfasst: "Je traditioneller die Arbeitsaufteilung, je größer also der Anteil des Ehemanns an männlichen Tätigkeiten, umso größer die von seiner Frau zu Protokoll gegebene sexuelle Befriedigung." Mit anderen Worten: Von wegen "Dumm fickt gut" - "Müllraustragen fickt besser"!

Der Artikel aus der "New York Times" zu diesem Thema ging im Frühjahr auf Facebook rum, vielleicht ist er mir von Freunden deshalb besonders oft empfohlen worden, weil sie mich hin und wieder beim Kochen, Kinderversorgen und Nicht-Vollzeit-Arbeiten beobachtet haben. So nach dem Motto: Tja, das hast du jetzt davon. Zwar fühle ich mich nicht persönlich angesprochen: Keine amerikanische Studie wird je mein Sexleben abbilden. Aber sie löst etwas in mir aus und in den Paaren, mit denen ich über die Ergebnisse gesprochen habe.

Aber deswegen zurück zur traditionellen Ehe?

Zum einen Ratlosigkeit, denn es ist eben eine wissenschaftliche Studie und keine sinnspruchartige Lebenshilfe, man bleibt mit der Frage zurück: Und nun? Zurück zur traditionellen Ehe mit männlichem Haushaltsvorstand, weiblicher Gastgeberin, klar getrennten Einflusssphären und mutmaßlich super Sex? Nein, weil man soziologische und psychologische Erkenntnisse nicht wie naturwissenschaftliche Formeln umdrehen kann. Was also sollen wir anfangen mit der Erkenntnis? Wütend werden, das ist die zweite Reaktion. Wütend auf diese leicht erschöpfte, mittelresignierte Weise von Leuten, die damit beschäftigt sind, ihren Alltag und ihr Leben jenseits der traditionellen Geschlechterrollen zu organisieren. Wütend wegen eines ganz grundsätzlichen Denkfehlers: unsere und offenbar auch die wissenschaftliche Vorstellung von männlichen und weiblichen Tätigkeiten.

Bleiben wir jetzt mal nur bei der Hausarbeit und ihren Nachbargebieten. Ich verstehe die Tradition, die historische Dimension ist mir klar: Es ist halt einfach lange so gewesen, dass eher Frauen sich um die Wäsche kümmern und Männer ums Auto, dass Frauen sauber machen und Männer Lampen anschrauben. Aber wirklich nüchtern betrachtet frage ich mich: Was ist daran "männlicher", Autolack abzuwischen als einen Babyhintern? Was ist "weiblicher" daran, auf einer Leiter Gardinen aufzuhängen als auf einer Leiter eine Glühbirne in eine Fassung zu drehen? Worüber reden wir hier eigentlich? Und vor allem: Wie lange wollen wir überhaupt noch in diesen Kategorien reden?

Ich glaube, dass wir es selbst in der Hand haben, wie lange Menschen Tätigkeiten in Haushalt und Job noch als "männlich" oder "weiblich" bezeichnen und empfinden. Nämlich genau so lange, wie wir diese Unterscheidung machen und sie an unsere Kinder weitergeben. Ich bin ein bisschen stolz darauf, zur ersten Generation zu gehören, in der Mama weiß, wo der Werkzeugkasten steht, und Papa weiß, wie man welche Flecken aus welchem Stoff rauskriegt. Okay, sagen wir: Beide haben eine grobe Ahnung, aber das ist ein Anfang, und unsere Kinder werden die Unterscheidung schon weniger oder gar nicht mehr machen.

Es gibt Forscher und Entwicklungspsychologen, die sagen, dass genau das das Problem ist: das Verschwinden der Unterschiede. Die Kinder werden haltlos, weil sie kein starkes männliches und kein starkes weibliches Prinzip mehr erleben, und die Ehe wird sexlos, denn: Wer soll auf den anderen noch Lust haben, wenn beide sich nicht mehr voneinander unterscheiden?

Sind wir uns zu ähnlich, um noch Lust aufeinander zu haben?

Ich bin immer verblüfft, wenn ich das höre. Wirklich? Der entscheidende Unterschied, das Fundament von allem, soll sein, dass wir weiblich oder männlich sind? Bei allen Menschen, die ich kenne, ist das ein einziger Unterschied von unzähligen; mitunter der augenfälligste, aber niemals der, der die Persönlichkeit entscheidet. Trotzdem bleibt natürlich die Frage und die Angst: Sind wir uns durch die Aufgabenteilung wenn auch nicht zu ähnlich, dann aber doch zu nah, zu vertraut geworden, um noch anziehend füreinander zu sein?

Die Paartherapeutin Esther Perel, Autorin des Buches "Wild Life: Die Rückkehr der Erotik in die Liebe", sagt: "Die gleichberechtigte Ehe nimmt die Werte eines guten Gesellschaftssystems - Konsensfindung und Mitbestimmung - und versucht, diese Werte ins Schlafzimmer zu übertragen. Aber die Werte, die gute soziale Beziehungen garantieren, sind nicht unbedingt die gleichen, die einem Lust machen." Und, auf den Punkt gebracht: "Die meisten von uns werden nachts davon erregt, wogegen wir tagsüber demonstrieren." Ich gehe davon aus, dass sie damit erotische Unterdrückung meint und nicht Studiengebühren oder mangelnde Kita-Plätze.

Aber egal, wie überspitzt ihre Haltung sein mag, vielleicht kann man im Umkehrschluss was daraus lernen: mehr Konflikt in der Partnerschaft zulassen, den Stress und die Reibung, die durch die Gleichberechtigung entsteht, nicht immer wegschieben und mit Yoga und leichter Gemüseküche behandeln, sondern mehr Frust rauslassen, bevor der Stress überhaupt aufkommt. Mehr Chaos entstehen lassen, wenn die Planung einen überfordert, mehr Ansagen machen und mehr Forderungen stellen, wenn das ewige Verhandeln nervt. Und sich mehr Anweisungen und Forderungen gefallen lassen, wenn man merkt, dass Gegenwehr in diesem Moment Zeitverschwendung wäre.

Wenn auch nur ansatzweise stimmt, was Perel sagt, und gleichberechtigte Paare die Werte des Alltagslebens nicht aufs Schlafzimmer übertragen sollten, dann wäre es vielleicht umgekehrt einen Versuch wehrt: das Unkontrollierte, Leidenschaftliche und Ungeplante von Sex wieder mehr in den Alltag zu lassen. Sich mehr zu trauen, mehr auszuhalten, mehr auszuprobieren. Wir haben nichts zu verlieren, denn egal, wie groß das Chaos wird: Anstrengender als die ganz normale gleichberechtigte Ehe mit gerechter Aufgabenverteilung kann es nicht werden. Nur vielleicht ein bisschen aufregender.

Text: Till Raether
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