Neuer Mann, besserer Sex?

Nach vielen Jahren ist unsere Autorin wieder Single und macht erfreuliche Erfahrungen: Sie hat besseren Sex - mit jüngeren Männern.

Seit ich keinen Mann mehr habe, habe ich einige Männer gehabt. Überwiegend läuft mein Sexleben besser als mein Liebesleben, und wenn ich meine mehr oder minder glücklich monogam lebenden Freundinnen höre, kann ich dafür dankbar sein. Bin ich auch. Ich habe Erfahrungen gemacht, die ich als neue Erkenntnisse und spätere Erinnerungen nicht missen möchte. Etwa die, dass Sex auch als Pop(p)kulturelles Phänomen interessant ist.

Während meiner 14-jährigen Ehe hatte ich angenommen, unser über Jahre gemeinsam entwickelter Sexstil sei der aktuelle, allgemein übliche westeuropäische Goldstandard: Niemand wird verletzt, 15 Minuten Minimum, Orgasmen für alle, und hinterher geht es beiden eher besser als schlechter. Mein Exmann war bei unserer Trennung 46 Jahre alt und, was Bücher, Filme, Autos, Mülltrennung, Politik und Wirtschaft betraf, auf der Höhe der Zeit; so dass ich während unserer gemeinsamen Lebens- und Liebesgeschichte automatisch annahm, es gäbe beim Sex zwischen (auch erotisch) gebildeten Erwachsenen eine Art Allgemeinwissen, wie bei den Themen Einbürgerungstest oder Abitur-Basiswissen, nur praktischer und ergebnisorientierter in der Anwendung. Was davon abwich, disqualifizierte ich ohne Umschweife als sexuelles Nerdtum oder RTL-Reportagenstoff.

Mittlerweile habe ich etliches dazugelernt. Erstens, dass früher nicht alles besser war, auch wenn man jünger war. Zweitens, dass Sex neben seiner Aufgabe als Paarbindungsmittel und Familienkickstarter mittlerweile in der gleichen Kategorie wie andere Lifestyle-Vergnügen - etwa Ausgehen, Shoppen oder Fitnesstraining - mitspielt. Das liegt auch an der zunehmenden Individualisierung und Auflösung gesellschaftlicher Vorgaben und Strukturen. Und drittens, dass gerade Frauen davon eindeutige Vorteile haben. Es ist also, by the way, völlig überflüssig, weiter an einer "Lustpille" für Frauen zu forschen. Lasst es gut sein, Leute! Keine Tierversuche mehr! Das ist genauso nutzlos wie schuldzuweisende Sexual- oder Paartherapien, in denen die "sexuelle Dysfunktion" der Frau langfristig "repariert" werden soll.

Ab 2030 gibt es keinen Sex mehr: Studie zeigt Gefahr, die wir nicht kommen sehen!

Gegen Lustlosigkeit hilft nur ein neuer Mann

Wir Frauen brauchen für unser Begehren keine neue Pille, wir brauchen einfach einen neuen Kerl. Im Gegensatz zu Männern, die ihre Frau auch nach zig Jahren sexuell akzeptabel finden, ist es für Frauen anscheinend normal, nach knapp fünf Jahren keine große Lust mehr auf den allzu gut Bekannten an ihrer Seite und in ihrem Bett zu haben. Gemeinsames Wohnen beschleunigt diesen Prozess noch etwas. Das gerade auch in Deutschland erschienene Buch des Amerikaners Daniel Bergner ("Die versteckte Lust der Frauen") bestätigt diese gefühlte Wahrheit. Glaubt man dem Autor und neuesten Sexualstudien, ist der Preis für eine monogame Zweierbeziehung die Libido der Frau.

Dabei hilft auf Dauer nichts gegen weibliche Lustlosigkeit - außer einem neuen attraktiven Mann, den es leider immer noch nicht auf Rezept gibt. Und seit Madonnas bekanntem Spruch "Ich bevorzuge junge Männer. Sie wissen zwar nicht, was sie tun, aber sie tun es die ganze Nacht" hat sich da in Sachen sexueller Evolution auch wieder etliches getan.

Ich spreche aus Erfahrung: Wie bei Partys das Alter durch Tanzstile relativ eindeutig zugeordnet werden kann, offenbart sich das gefühlte Alter auch im Bett. Die Performance der Best-Ager ist bestenfalls erfahren, schlimmstenfalls das sexuelle Äquivalent zu ihrem Tanzstil zu "I can't get no satisfaction" von den Stones. Sie selber verstehen sich als "Genießer", als Vorspiel gilt bei ihnen ein dreigängiges Menü mit Rotwein. Dass bei Frauen die Klitoris dort nicht einfach nur zufällig herumliegt, haben sie zwar im Laufe ihres Liebeslebens verstanden, insgeheim halten sie das Teil aber immer noch für den Notfallschirm, den die Natur gnädigerweise für weniger gut bestückte Männer dagelassen hat. Also definitiv nicht für sie. Ihr Ziel ist es, eine haltbare Erektion zu bekommen und diese einzusetzen - möglichst andauernd, möglichst ausdauernd.

Da diese Generation allgemein geübt mit der Schönschreibung von Bilanzen, Lebensläufen und Fehlschlägen aller Art ist, kommt es allerdings schon vor, dass einer die endlose Langeweile mit "Das ist Tantra!" scharfzureden versucht. Und wie in der Berufswelt wollen sie noch lange nicht einsehen, dass ihre Expertise leicht veraltet ist und die Jüngeren es vielleicht besser könnten. Fortbildung lehnen sie ab, zumindest für sich selber.

Immerhin nehmen sie ihr Smartphone nicht mit ins Bett, um mit dem dritten Auge SMS zu checken, auf eingehende Mails zu achten und vielleicht noch zur Erinnerung ein Filmchen für die 100 besten Freunde zu drehen.

Mein neues persönliches Erfahrungsgebiet hat sich auf die Männergeneration konzentriert, die mit Musikvideos und Youporn aufgewachsen ist, und ich habe dort einen deutlichen sexuellen Entwicklungssprung zur Generation der Best-Ager verzeichnen können. Für diese Männer, so um die Mitte 30, sind weder das Internet noch der weibliche Körper Neuland. Selbstbewusst, körperhaarlos und kreativ kombinieren sie richtige Stellen und Bewegungen, dass es nur so eine Freude ist. Da heute jeder internetfähige junge Mann zumindest ein Fernstudium der gängigsten Hotspots und Techniken abgeschlossen hat, finden sich außerdem hervorragende Küsser unter ihnen, die mit allen Raffinessen gesegnet sind. Wer allein "Tutorial+Küssen" googelt, bekommt sekundenschnell fast 60.000 Anleitungen, für "Tutorial+Sex" sogar 54.100.000 Ergebnisse. Und da Kinder immer früher in die Pubertät kommen, ist bereits die Aufklärung in der Grundschule derart offensiv, dass schon Siebtklässler hysterisch kichern, wenn der Mädchenname Gloria von einem neuen Lehrer als "G(Punkt)-Nachname" auf der Liste abgelesen wird. Aber das führt jetzt zu weit weg vom Thema.

Neulich war ich auf einer Party. Und da wurde mir klar, dass es eine Grenze gibt. Als eine Freundin mir hinterher erzählte, dass der gerade 20-jährige Sohn einer anderen Freundin, der auf der Party gekellnert hatte, mich "heiß" fände, fühlte ich nicht das geringste Verlangen herauszufinden, was die sexuellen Praktiken der "Generation Praktikum" sind. Alles muss man dann auch nicht ausprobieren.

Text: Nina SchillingIllustrationen: Hope GangloffBRIGITTE 06/2014
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