Das verflixte erste Mal

Vor demersten Mal mit dem Neuen ist es wie vor jeder Premiere: große Erwartungen und die Angst, dass der Sex schief geht. Dabei wird das Debüt total überschätzt, weiß Balance-Autorin Eva Meschede.

Ich habe mir den Kopf zerbrochen und in Erinnerungen gewühlt und nichts gefunden. Ich habe Freundinnen gefragt, auch die gar nicht prüden, und auch ihnen ist nichts eingefallen. Nichts Besonderes jedenfalls, kein dramatisch lebensveränderndes Ereignis, keine mittelschwere Katastrophe, kein multipler Orgasmus. Also nichts, was es rechtfertigen würde, hier als richtungsweisend erzählt zu werden.

Aufregend und schön ist sie meistens schon, die erste Nacht mit einem neuen Mann, oft auch sehr rauschhaft, was aber zur Hälfte daran liegt, dass man vorher ausgiebig um die Häuser gezogen ist, bis man sich schließlich getraut hat. Meist aber ist der Sex in der zweiten, dritten oder 131. Nacht viel besser gewesen. Und entschieden hat sich in der ersten Nacht auch selten etwas. Nein, sogar Sabine, die tatsächlich seit 15 Jahren glücklich verheiratet ist, hat nach der ersten Nacht mit Peter nicht gewusst, dass dies der erste Sex mit der großen Liebe ihres Lebens war. Dass sie verliebt war, hat sie gespürt. Die Ansage nach der ersten Nacht war bei ihr aber dieselbe wie bei Margits Kurzfrist-Affäre: "Ich ruf dich an."

Romantik pur oder wilde Affäre?

Kann es denn sein, dass diese erste Nacht mit einem neuen Mann unwichtig ist? Dass sie keinen Einfluss auf die spätere Beziehung hat? Im Film oder im Fernsehen ist diese Nacht doch immer ein so wichtiger, alles vorzeichnender Höhepunkt.

Drei Varianten gibt es da. Die erste: Die beiden Verliebten treffen sich beim romantischen Kerzendinner, später ziehen sie sich zärtlich erregt aus, ein paar wunderbar weich gezeichnete Sexbilder, am Morgen glückliches Erwachen. Es beginnt eine innige, verständnisvolle Partnerschaft.

Die zweite: Held und Heldin fallen in grenzenloser Leidenschaft übereinander her, reißen sich die Kleider vom Leib, vögeln sich durch einen Meisterakt, sinken hinterher erschöpft nieder. Der Zuschauer hofft auf die Wiederholung, weiß aber genau, das sind gefährliche Liebschaften.

Die dritte: Schon auf dem Weg zum entscheidenden Date fällt der Kerl mindestens vom Fahrrad, sie setzt sich später kurzsichtig ohne Brille zu einem Fremden an den Tisch. Da wird Unterwäsche zur Stolperfalle, High-Heels und Betten brechen, Kissenfedern fliegen. So lustig heiratet man ganz klar später Millionäre, Chefs oder Mister Big.

Es klappt in den seltensten Fällen so wie in den Medienvorlagen, weder mit einer zärtlichen Romantik noch mit der zügellosen Leidenschaft. Und wer gedacht hätte, dass die lustige Katastrophen-Nummer dann wohl häufiger über die frisch Verliebten hereinbricht, irrt ebenfalls. Die klassischen Pannen sind wenig dramatisch: BH geht nicht auf, Kondom rollt nicht drüber, erzählt Heike Olbrich, die für ihr Buch "Manchmal ist es pure Lust - Die Abenteuer der ersten Nächte" mit vielen Frauen und einigen Männern über ihre Erfahrungen ausführlich gesprochen hat. Die erste Nacht ist meist eine Mischung aus allen drei Varianten.

Genuss ohne Folgen

Also, alles nur Fiktion. Die erste Nacht bedeutet gar nichts? So leichtfertig sollte man diese Sex-Premiere auch nicht abhaken, meint Diplompsychologin Doris Wolf.* Die erste Nacht kann in einer späteren Beziehung noch lange nachwirken. Vor allem, weil wir gern zu viel von ihr erwarten. Und daran ist nicht nur das Fernsehen schuld. Wir machen uns selbst Druck, dass guter Sex auch unbedingt zu Liebe führen muss. Wir wissen eigentlich, dass es nicht so ist, und hoffen doch inständig, dass es anders kommen möge. Dass Sex und Liebe Hand in Hand gehen, die erste Nacht ein die eigene Welt veränderndes Ereignis ist. Wir wünschen deshalb nichts sehnlicher, als dass Liebe oder Verliebtheit zwangsläufig zu alles erschütterndem und alles übertreffendem Sex führt.

Das ist einfach zu viel der Last. "Denn so kann eine unbefriedigende erste Nacht uns später immer wieder an der Partnerschaft zweifeln lassen", sagt Wolf. Vor allem die Angst, nicht attraktiv genug zu sein, bleibt keine einmalige Lustbremse. Ist also der Start nicht gut gelaufen, fühlen sich vor allem Frauen bestärkt in dem Gefühl, nicht schön, nicht begehrenswert, nicht gut genug zu sein. Klammern, Eifersucht und Verlustangst sind oft die Folge, weiß Paartherapeutin Wolf.

Auch die Orgasmusfrage sollte besser auf andere Nächte verschoben werden, für beide: Mann und Frau sind angespannt, kennen sich kaum, haben schon den ein oder anderen Drink gehabt, sind eigentlich müde, aber doch aufgedreht. Nicht gerade die besten Voraussetzungen für entspanntes Loslassen. Wenn jetzt also einer nicht zum Höhepunkt kommt, ist das eher normal. Bloß keinen einzigen Gedanken an Frigidität oder Impotenz verschwenden, rät Wolf. Mit der Verliebtheit wächst sonst womöglich auch die Angst vor Sex, vor dem Versagen. Denn es geht ja täglich um mehr, je verliebter man ist, desto größer die Sorge, den anderen jetzt noch zu verlieren.

Auch die Rollenverteilung kann sich übrigens im Taumel der ersten Lust vorzeichnen. Wer agiert und wer reagiert? Sie sagt: "Gehen wir zu mir!", sie küsst ihn, sie zieht ihn aufs Bett. Schon ist er später der Passive in einer Beziehung. Womöglich der Schüchterne. Aber zum Glück gibt's ja dann meist auch das zweite Mal. Und da kann auch alles wieder anders sein.

Die faszinierende Chance, einem Menschen nahe zu kommen. Eigentlich bedeutet sie also nichts, kann aber doch ganz schöne Folgen haben, diese erste Nacht. Vielleicht hilft es, sich klar zu machen, dass Sex nur eine Chance ist, sich in diesem körperlichen Bereich kennen zu lernen. Es ist kein Test, ob und wie man zusammenpasst. Der französische Soziologe Jean-Claude Kaufmann glaubt sogar, dass eher der ernüchternde Morgen danach den Ausschlag gibt. Dann, wenn die Sonne schmutzige Handtücher im Badezimmer, geschmacklose Kunstdrucke an den Schlafzimmerwänden oder einen Kaffee schlürfenden Muffel ans Licht bringt. Da ist der Schock oft größer als nach einer ersten gemeinsamen Nacht ohne Orgasmus.

Wenn wir uns aber danach an wenig Besonderes in diesen ersten Nächten erinnern, dann machen wir es eigentlich schon richtig. Nehmen das Debüt als das, was es ist. Als die faszinierende Chance, einem fremden Menschen so nahe zu kommen wie sonst niemals.

BRIGITTE Balance Heft 02/2006
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