Der erste Blick: Sex oder Freundin?

Geht's hier um Sex oder um den Beginn einer große Freundschaft? BRIGITTE-Autor Till Raether über die ersten zehn Sekunden zwischen Mann und Frau, die darüber entscheiden: Sex - oder Freundin?

Männer gelten als schlechte Beobachter. Eure neue Haarfarbe? Ihr wollt reden? Ihr habt die Koffer gepackt, um uns zu verlassen? Sagt es uns bitte, am besten mehrfach, denn wir sehen nichts. Jedenfalls nicht, wenn wir uns länger als zehn Sekunden kennen. In den ersten Momenten einer Begegnung sind wir hellwach. Folgendes trifft nämlich auf Frauen und Männer zu: Es dauert nur Millisekunden, bis der so genannte Mandelkern unseres Gehirns positiv oder negativ auf einen Menschen reagiert, den wir in diesem Augenblick kennen lernen. Wie diese Bewertung ausfällt, hängt vor allem vom ersten wahrgenommenen Gesichtsausdruck ab. Die Hirnforschung hat mittlerweile bewiesen, was immer sprichwörtlich war: Dieser erste Eindruck lässt sich später kaum noch korrigieren. Abgesehen von der einfachen Erkenntnis sympathisch/ unsympathisch gibt es jedoch noch wesentlich vielschichtigere Dinge, die wir in den ersten zehn Sekunden über eine Frau wissen.

Sexträume: Davon fantasieren Frauen - laut Studie

1. Wir wissen, ob ihr anstrengend seid

Neulich traf ich einen alten Freund auf der Straße. Als er mir seine Frau vorstellte, wusste ich sofort: Mit der möchte ich nichts zu tun haben. Es lag an diesem Von-oben-nach-unten-Blick, mit dem sie mich musterte. Die meisten Männer haben sich diesen Blick auf Frauen abgewöhnt, weil er sexistischer Schweinkram ist und deshalb oft nicht gut ankommt. Wenn eine Frau einen Mann kurz nach der Begrüßung mehr oder weniger verstohlen von oben bis unten abscannt wie bei einer Gegenüberstellung im Fernsehkrimi, fühlt man sich als Mann hingegen nicht, als würde man mit den Augen ausgezogen. Dieser Blick ist vielmehr eine merkwürdige Mischung aus Insektenforschung, Schaufensterbummel und Stilberatung: Was haben wir denn hier für ein Exemplar?, sagt dieser Blick, und: Könnte man da was draus machen? Okay, wenn wir uns vorn in die Jeans ein paar Socken geschoben haben oder in Fußballshorts an einer kirchlichen Trauung teilnehmen, dann dürft ihr uns so abscannen. In allen anderen Fällen aber sagt uns euer reflexartiger Blick, dass ihr anstrengend seid. Immer auf der Suche nach Dingen, die man verbessern könnte; unzufrieden, besessen von Äußerlichkeiten, schnell darin, andere in Schubladen zu stecken.

2. Wir wissen, ob ihr glücklich seid

Meistens lernt man sich unter Umständen kennen, die entweder ein wenig steif oder sehr klischeehaft sind. Man wird im Büro als neuer Kollege herumgeführt, oder eine Freundin sagt: "Das ist der Michael, von dem ich dir schon so viel erzählt habe!" Und jeder der Beteiligten hat tausendmal gehört, dass der erste Eindruck entscheidet. Die Sozialpsychologie nennt den Augenblick des Kennenlernens "zero-acquaintance situation", das heißt: Die Bekanntschaft geht vom Wissenstand Null auf "Ich kenne dich" in wenigen Sekunden. Wenn ihr diesen Stress auflöst durch eine überraschende Bemerkung, die Herzlichkeit eures Händedrucks oder das Angebot, jetzt erst mal Getränke zu holen - dann sind wir sicher, eine glückliche Frau vor uns zu haben. Eine, die ihre Zuversicht, ihre Sicherheit und ihr Vertrauen in das Leben gern mit anderen teilt, und sei es mit einem völlig Fremden, der feuchte Hände hat.

3. Wir wissen, ob ihr unsicher seid

Wissenschaftler wie der Wiener Humanethnologe Karl Grammer sagen, dass die Bewegungsabläufe eines Menschen in Sekunden alles über ihn verraten. Angeblich fällen wir auf der Grundlage dieser Beobachtungen zum Beispiel die Entscheidung, welche Person wir auf der Straße nach dem Weg fragen: diejenige, die sich hält und bewegt, als wisse sie Bescheid und gebe gern Auskunft. Ein aus unserer Sicht etwas akademisches, schwer nachprüfbares Beispiel, denn wir fragen nicht nach dem Weg. Mit Körperhaltung jedoch kennen wir uns aus. Denn wenn wir unter 30 sind, ist es höchstwahrscheinlich noch nicht allzu lange her, dass wir ständig gesagt bekommen haben: "Steh gerade, lass dich nicht so hängen", und so weiter. Und wenn wir über 30 sind, wissen wir, dass Geradestehen und Geradegehen das Einzige ist, was uns vor dem so genannten "Haltungsbauch" bewahrt. Das heißt, unsere Antennen sind diesbezüglich empfindlich. Es fällt uns auf, wenn ihr vor uns steht, als würdet ihr euch am liebsten in euch selbst verkriechen oder unsichtbar machen. Wir lesen das als Zeichen von Unsicherheit, und weil Unsicherheit ansteckend ist, sacken wir empathisch selbst in uns zusammen. Menschen imitieren beim Kennenlernen gern die Körpersprache ihres Gegenübers. Und dann fällt euer Blick auf unseren Haltungsbauch, und entweder wir entspannen uns jetzt alle, oder das führt zu nichts.

4. Wir wissen, ob ihr Sex mögt

Erstens: Wir gucken uns ganz genau an, wie ihr lacht. Denn Lachen hat viel mit Sex gemeinsam: Kontrollverlust, Hingabe, Körpereinsatz. Abgesehen davon, dass wir Frauen, die bereits in den ersten zehn Sekunden über einen Witz von uns lachen, per se äußerst unkritisch gegenüberstehen. Zweitens: Wir merken, ob ihr Talent dafür habt, in unseren persönlichen Raum einzudringen, ohne euch aufzudrängen. Ob ihr nah bei uns steht, uns die Hand auf den Arm legt, weil ihr glaubt, das käme gut an, oder weil ihr euch wohl fühlt innerhalb der Sicherheitszone, die einen Menschen umgibt. Es hängt natürlich ein bisschen von unserer Stimmung, dem Rahmen und eventuell auch von den angebotenen Getränken ab, ob wir derlei Gebaren sexy oder distanzlos finden.

5. Wir wissen, ob ihr klammert

Es gibt sehr, sehr viele Frauen, die innerhalb der ersten zehn Sekunden zu erkennen geben, dass ihnen kalt ist. Dies ist oft eine Art leicht verlegener Anfangs-Smalltalk ("Boah, hier zieht's aber"), verbunden mit einem kurzen Reiben der Oberarme, einem gespielten Bibbern, einer Selbstumarmung und einem Zurückziehen der Hände in die Jacke oder den Pullover. Egal, zu welcher Jahreszeit. Bitte achtet mal drauf. Eigentlich ist es ganz süß, aber uns signalisiert es: Ihr habt starke irrationale Bedürfnisse, haltet euch an euch selber fest, scheinbar, um Körperwärme zu konservieren, vermutlich aber ist euch eigentlich gar nicht kalt, sondern ihr klammert einfach nur.

6. Wir wissen, wenn ihr uns unterschätzt

Sehr viele Frauen nehmen große rhetorische Anstrengungen auf sich, um bereits in den ersten Sekunden einen Satz zu bilden, in dem die Worte "mein Freund" oder "mein Mann" vorkommen. Diese inhaltlich meist komplett sinnlosen Sätze haben allein den Zweck, uns klarzumachen, dass die Frau, die uns gegenübersteht, bereits vergeben ist und dass wir doch bitte jeden Plan, sie anzumachen, sie zu verführen, den Rest unseres Lebens mit ihr zu verbringen, im Interesse aller Beteiligten hier und jetzt begraben möchten. Wir fühlen uns in diesem Moment nicht ertappt, eher ein bisschen verkannt. Ganz so eindimensional sind wir dann doch nicht. Und selbst, wenn es so wäre, dass es uns immer nur um das Eine geht: Ob wir damit Erfolgsaussichten haben, würden wir lieber selber herausfinden und nicht durch eine Vorabmeldung.

7. Wir wissen, ob wir Freunde werden können

Eine meiner ältesten Freundinnen lernte ich kennen, als wir zur gleichen Zeit einen Aushilfsjob antraten. In diesen ersten Sekunden lernten wir beide uns, unseren zukünftigen Chef und drei oder vier andere neue Kolleginnen und Kollegen kennen. Es gab jede Menge erste Blickkontakte, aber der zwischen uns war speziell. Nicht knisternd, nicht gleichgültig, nicht abcheckend, sondern: Kannst du glauben, was der Typ für ein pompöser Arsch ist? Und wie sollen wir diesen Job mit diesen Trotteln in der kurzen Zeit hinkriegen? Ich war zu der Zeit Single, aber ich schwöre, dass in diesen ersten Sekunden klar war, dass wir uns nie ineinander verlieben und nicht unter ungeklärten Umständen miteinander im Bett landen würden. Evolutionär sind Menschen darauf gepolt, beim Kontakt mit etwas Unbekanntem nur eine Frage zu klären: Wird es mir weh tun oder wird es mir gut tun? Um diese Frage zu klären, arbeiten von der ersten Millisekunde an etwa 100 Milliarden Gehirnzellen auf Hochtouren. Wie genau sie das tun, ist noch nicht endgültig erforscht, aber in diesem Fall spuckten sie nach wenigen Augenblicken das Ergebnis aus: Freu dich, du hast eine gute Freundin gefunden. Weil wir eine gemeinsame Reaktion auf die Umstände unseres Treffens hatten. Weil wir spontan ähnlich denken.

8. Wir wissen, ob ihr an uns interessiert seid

Oder nur an euch selbst. Das hat etwas damit zu tun, wie ihr uns anschaut, wenn ihr uns zum ersten Mal seht. Ihr guckt durch uns hindurch, ohne irgendetwas wahrzunehmen, wattig und träge, und sagt damit: Tu was, damit ich dir meine Aufmerksamkeit schenke; beweis mir, dass ich hier nicht meine Zeit verschwende. Oder ihr schaut hin und lasst es nicht zu, dass der Blickkontakt abreißt. Vielleicht erschreckt uns das ein wenig, vielleicht fühlen wir uns geprüft, begutachtet, aber dieser Blick sagt uns vor allem, dass ihr interessiert und offen dafür seid, was sich aus dieser Begegnung zweier Fremder später ergeben könnte. Eine Herausforderung, die wir lieber annehmen, als um eure Aufmerksamkeit zu kämpfen.

9. Wir wissen, ob ihr selbstbewusst seid

Eine schöne Frau mit abgekauten Fingernägeln, die ihre Hände nicht in den Hosentaschen versteckt. Eine Laufmasche am Schienbein, und ihr schlagt trotzdem die Beine übereinander. Ein Lippenstift, der offenbar nicht alle zehn Minuten runderneuert wird. Eine Mützenfrisur, die ihr nicht zwanghaft mit einer Hand in den Haaren zu retten versucht. Es sind nur Kleinigkeiten, aber wir freuen uns, wenn sie uns auffallen. Sie sagen uns, dass ihr euch so oder so in Ordnung findet, dass ihr selbstbewusst seid und Mut zur Unvollkommenheit habt. Und vor allem das Letzte ist eine richtig gute Nachricht für uns, denn Vollkommenheit interessiert uns nicht.

10. Wir wissen, was ihr über uns wisst

Bei all den Informationen, die wir absichtlich oder unfreiwillig in den ersten Sekunden über euch sammeln, ist uns eines völlig klar: Ihr tut genau dasselbe. Nur, vermuten wir, noch sehr viel geschickter. Ein Forscherteam der Harvard-Universität hat nicht nur bestätigt, dass unser erstes Urteil im Allgemeinen ziemlich akkurat ist - sondern auch, dass Frauen messbar besser und schneller darin sind als Männer, ein brauchbares erstes Urteil zu fällen. Wie viele Kinder wir gern hätten, ob wir lieber Hunde oder eure Katzen mögen - so was erkennt ihr vermutlich an der Art, wie wir eine Bierflasche öffnen. Vielleicht überschätzen wir euch, aber unsere Arbeitshypothese ist immer erst mal: Es hat keinen Zweck, sich zu verstellen, denn wenn die Frau will, liest sie dich wie ein Verkehrsschild auf einen Blick.

Text: Till Raether BRIGITTE Heft 10/2006
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