Der gute Kuss: Los, küss mich mal!

Einen guten Kuss vergisst man nicht so schnell, er ist erotischer als Sex und leicht zu kriegen. Warum also vernachlässigen wir ihn so kläglich?

Zum Glück saßen wir im Taxi. Wir fuhren durch die Stadt und näherten uns seiner Straße, und ich dachte: Das geht nicht, den kannst du jetzt nicht aussteigen lassen. Nicht einfach so. Also, Tür auf und raus mit der weiblichen Zurückhaltung. Statt eines "Tschüss" gab es einen Kuss. Kurz und leicht wie ein Wimpernschlag, aber - bäng - in meinem Bauch explodierte eine Bombe. In den Wochen danach putzte ich mir fünf Mal am Tag die Zähne und litt unter offenem Kinn (er trug Dreitagebart).

Heute, zehn Jahre später, sind unsere Küsse, nun ja - kurz. Einen gibt es am Morgen, wenn der Mann ins Büro fährt, und einen am Abend. Ab und zu haucht er mir etwas hin, das den Namen Kuss nicht verdient, während wir über die Stromrechnung diskutieren. Man könnte auch sagen, unsere Küsse sind inzwischen so, wie sie die Kulturwissenschaftlerin Ingelore Ebberfeld in ihrem Buch "Küss mich" definiert: "Eine Berührung mit den Lippen."

Autsch. Das tut weh. Schließlich ist ein Kuss doch viel mehr: Verlockung, Versprechen, Verlangen. Er lässt uns hoffen, bangen, trösten, betrügen und begehren. Mit einem Kuss entscheiden wir darüber, ob wir den anderen erst ins Bett und dann in unser Leben lassen. Die Wissenschaftlerin hält den allerersten Kuss deshalb auch für "brandgefährlich". Warum? "Weil wir damit so viel von uns preisgeben." Ein Kuss ist eben nicht einfach ein Kuss. Sondern eine Art Visitenkarte für das, was der Mann sonst noch kann. Miese Küsser bekommen keine zweite Chance.

Das Gefühl von Brausepulver im Mund und Glück im Hirn

Männer sehen das natürlich pragmatischer. Erstens küssen sie weniger gern, wie Ingelore Ebberfeld in einer Studie herausfand. Zweitens nicht einfach so, nur der Romantik wegen. Wenn geknutscht wird, dann muss es am Ende auch knallen. Im Bett, auf der Waschmaschine, egal. Hauptsache Sex. Und drittens würden sie eher aufs Küssen als auf eben diesen verzichten.

Weiß man das zu Beginn einer heißen Liebe? Nein. Und selbst wenn, wen interessiert das schon: Küsse gibt es zu diesem Zeitpunkt schließlich wie im Sommer Algen in der Ostsee. Sex obendrauf. Das Leben ist schön, alle sind glücklich. Doch sind die Kinder erst einmal gezeugt, der Kombi gekauft und das Babydoll aus Spitze weggepackt, soll man sich auf einmal mit einem Schmatzer zufrieden geben, der nicht einmal eines Hundes würdig ist.

Ein Kuss sollte mehr wert sein. Seinetwegen durfte die Liebe bei uns einziehen. Aber wie kommt man wieder zu einer ordentlichen Knutscherei, wenn die Zeit vorbei ist, in der man sich morgens spontan das Kostüm vom Leib riss? Um Küsse betteln? Würdelos. Einfach loslegen, egal wann und wo? Ich gehöre nicht zu denen, die hemmungslos züngeln und dabei die Legobauten der Kinder bewundern. Mit Sexentzug drohen? Ha, guter Witz.

Dabei erwarte ich gar nicht viel von dem Mann an meiner Seite. Keine Putzfrau, kein schickes Auto, keinen Aktienfonds. Nur Küsse. Zärtliche, leidenschaftliche, hungrige. Das Gefühl von Brausepulver im Mund und Glück im Hirn. Ich will beim Küssen die Augen schließen und für zehn Minuten vergessen, dass ich über dreißig bin, verheiratet und eine Familie habe.

Vielleicht sollte ich meiner Sehnsucht ins Gesicht brüllen: »Los, komm sofort wieder zurück! Sonst ...« Ja, sonst? Nix sonst. Denn der Feind ist mächtig und hört auf den Namen Alltag. Immer einen Schritt voraus, schwer zu vertreiben.

Eine Frau, die ich sehr schätze, weil sie ein Reh fachgerecht zerlegen kann und weiß, wie man Lichtschalter mit Serviettentechnik verschönert, kennt einen Trick dagegen: Fremdküssen. Wenn sie einmal im Jahr für ein Freundinnenwochenende verreist und abends an der Bar ein charmanter Mann am Gin Tonic nippt, lässt sie sich gern auf ein Getränk einladen. Und, obwohl ich der Monogamie zugetan bin, in diesem Punkt hat sie recht: Mit einem Fremden an der Hotelbar zu knutschen, ist glamouröser als eine Affäre mit dem Nachbarn. Ihr Freund staunt bei ihrer Rückkehr immer, wie fröhlich und erholt sie aussieht (und über ihre Lust auf Sex).

Küssen macht ja auch schöner. Bei einem Kuss bewegt man an die 38 Gesichtsmuskeln, Falten haben keine Chance. Und dünner: Drei Minuten Küssen verbraucht zwölf Kalorien. Küsse schützen dank der freigesetzten Endorphine vor Depressionen, bauen Stress ab und lassen uns angeblich fünf Jahre länger leben.

Aber eigentlich brauche ich keine Gründe zum Küssen. Oder doch? Es ist an der Zeit, den Zauber zurückzuholen. Der stellt sich beim Küssen glücklicherweise von selbst ein, zumindest, wenn man denjenigen noch mag, den man küsst. Ich fange damit an, unsere Abschieds- und Begrüßungsküsse von fünf auf dreißig Sekunden zu verlängern. Fühle mich dabei wie mit fünfzehn, was schrecklich und schön zugleich ist. Also weitermachen. Mal gibt es einen sanften Kuss auf der Straße, mal einen sehnsüchtigen auf der Couch. Nach ein paar Tagen küsst mich der Mann ganz von allein und so häufig wie sonst in einem Monat und, wie es scheint, ohne Hintergedanken. Mein Kinn rötet sich, und ich schmecke Brausepulver.

Ja, Knutschen ist ein bisschen kindisch, aber ... ach - probieren Sie es aus!

Foto: Getty Images Text: Merle Wuttke Ein Artikel aus der BRIGITTE Balance 01/09

Wer hier schreibt:

Merle Wuttke
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