Ein Freund für alle Fälle

Die Erde ist eine Scheibe, und mit seinem besten Freund geht man nicht ins Bett! Tatsächlich? Es ist an der Zeit umzudenken, findet unsere Kolumnistin.

In einer Beziehung gibt es immer schöne und schlechte Seiten. Schön: Musik hören und knutschen, zusammen kochen und zu viel Rotwein trinken, sonntags im Bett frühstücken und spazieren gehen. Schlecht: Wenn er nie abspült, wenn er mit seinen Kumpels in Urlaub fährt, wenn seine Ex-Freundin anruft. Aber wer nicht allein sein will, muss sich damit abfinden - wer A sagt, muss auch B sagen. Oder zumindest ein gemeinsames C finden.

Nach meiner letzten Beziehung möchte ich nur noch die As in meinem Leben. Ganz viele glitzernde As. Die streue ich dann zwischen all die anderen schönen Dinge, die ich so mag: den Mädchenabend beim Thailänder um die Ecke, ein entspanntes Wochenende zwischen zwei aufregenden Kurztrips, meinen Lieblingskurs im Fitnessstudio. Die logische Konsequenz daraus beginnt sogar mit einem A: Es muss eine Affäre her.

Das Problem: Handelsübliche Affären und ich funktionieren nicht miteinander. Entweder ist der Typ pikiert, dass ich mich nicht unsterblich in ihn verliebt habe, oder ich finde den Mann so toll, dass ich Angst habe, mein Herz entgegen aller guten Vorsätze doch zu verlieren. Und dann wird ja alles wieder kompliziert. Deshalb habe ich Till geküsst. Meinen besten Freund.

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Wie kann sie nur?, werden studierte Affären-Manager schreien. An Körperlichkeiten sind schon so viele Freundschaften zerbrochen! Was passiert, wenn Till sich ganz schrecklich verliebt? Dann ist die ganze langjährige Freundschaft dahin. Ich sage: Macht euch locker. Platonische Freundschaften zwischen Frauen und Männern sind doch sowieso auf lächerlich dünnem Eis gebaut.

Eine amerikanische Forscherin hat vor Kurzem herausgefunden, dass sie quasi unmöglich sind. Männer - wer hätte es gedacht - überschätzen die sexuellen Absichten ihrer weiblichen Kumpels; Frauen unterschätzen das Interesse ihrer guten Freunde. Und meine Mitbewohnerin Laura glaubt, dass man mit einem Typen erst ernsthaft befreundet sein kann, wenn man mit ihm im Bett war. Dann wäre die natürliche Spannung zwischen den Geschlechtern aus dem Weg geräumt, und man könne sich dem Wesentlichen zuwenden.

Gesagt, getan. Ich habe Till an einem rotweingeschwängerten Abend einen kleinen betrunkenen Vortrag gehalten und ihm vorsichtig angeboten, unsere Freundschaft, nun ja, auszubauen. Wäre der Vorschlag nicht gut angekommen, hätte ich alles auf den Alkohol geschoben. Aber Till hat mich bereitwillig geküsst. Jetzt haben wir eine geheime Freundschaftsaffäre.

Damit das auch so bleibt, benutzen wir eine Geheimsprache. "Darf ich meine Wäsche bei dir waschen?" bedeutet: Ich würde dich gern ausziehen. Und: "Lust auf die neue Staffel '24'?" heißt so viel wie: Lass uns das Wochenende zusammen verbringen. Wirkliche Ansprüche aneinander gibt es nicht. Wenn einer keine Zeit hat, ist der andere nicht böse.

Manchmal schwärmt mir Till auch von anderen Frauen vor. Das finde ich sehr beruhigend, weil es mir zeigt, dass die Fronten geklärt sind. Überhaupt ist alles ganz entspannt zwischen uns, weil wir uns so lange kennen. Ich muss weder den Bauch einziehen noch auf meine alte Jogginghose verzichten. Und wenn Till auf einer Party betrunken vom Barhocker kippt, rege ich mich nicht ernsthaft auf - er ist ja schließlich nicht mein Freund.

Falls ich mich unverhofft in den Busfahrer verlieben sollte, mache ich mir keine Sorgen um Tills und meine Freundschaft: Eine weitere Studie aus Amerika besagt, dass 60 Prozent der befragten Studenten schon eine derartige "friends-with-benefit"-Beziehung hatten, also eine Kumpanei mit einem gewissen zusätzlichen Nutzen. Immerhin ein Drittel davon war auch nach der Liaison noch gut befreundet. Und Laura meint, dass ein ehemaliger Kumpel-"with benefit" auch zukünftig auf Zwischendurch-Sex hoffen wird und sich zum fürsorglichsten Freund der Welt entwickelt, bei Computerproblemen, Umzügen oder Ikea-Fahrten. Es könnte ja sein, dass die Sache mit dem Busfahrer schiefläuft - und ich wieder freundschaftlichen Trost benötige.

Ein Artikel aus der BRIGITTE 23/08 Foto: an.ma.nie/photocase.com

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