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Familienkolumne Das Outing meiner Tochter

Familienkolumne: zwei Personen halten hinter eine Regenbogen Fahne Hände
© Isa Alberro / Adobe Stock
Unsere Autorin hatte sich darauf gefreut, dass ihre Tochter endlich alt genug ist für Erwachsenengespräche. Ihre Offenheit in Liebesdingen überraschte sie dann doch.

Alles begann mit einem gellenden Schrei aus dem Kinderzimmer, an einem Samstagabend vor vier Jahren. Kurz davor hatte mir meine zwölfjährige Tochter gestanden, dass sie sich verliebt hatte. Umgekehrt war das nicht so klar: "Ich hab ihm jetzt drei Mal geschrieben, ob er mit mir zusammen sein will, aber er schreibt nicht zurück." Ich hatte zu bedenken gegeben, dass Penetranz zwar hilft, wenn man schnell jemanden braucht, der die Geschirrspülmaschine repariert, nicht aber in Herzensdingen. Aber jetzt hielt sie mir selig ihr Smartphone hin: "Er hat Ja gesagt!" Ich war verblüfft. Meine Spielregeln zwischen Mann und Frau kamen offensichtlich tief aus dem 20. Jahrhundert.

Es war nur die erste von vielen Überraschungen. Meine Tochter und ihre erste Liebe trafen sich ein paar Mal, saßen händchenhaltend auf dem Hochbett und hielten ihre digitalen Endgeräte in der jeweils freien Hand. Worte wurden wenige gewechselt, Küsse noch weniger, und das Ende war so undramatisch, dass es nicht einmal die Beteiligten bemerkten.

Kurz vor ihrem dreizehnten Geburtstag outete sich meine Tochter beim Gemüseschnippeln: "Ich bin übrigens bi."– "Woher willst du das wissen?", fragte ich lahm zurück. So erfuhr ich von ihrem nächsten Crush (Schwarm), diesmal auf eine Klassenkameradin. Wie cool, wie selbstbewusst. Und ich war offensichtlich nicht nur 20. Jahrhundert, sondern auch hoffnungslos hetero.

Liebe hat viele Seiten

Mein Mann und ich versicherten unserer Tochter, dass sie selbstverständlich lieben konnte, wen sie wollte. Das nahm sie wörtlich. Die Gefühle für ihre Klassenkameradin blieben unerwidert, dafür erwähnte sie irgendwann wieder einen Jungen. Als sie mir ein Foto zeigte, war ich verwirrt. Zart, jung, schmal, war das nicht … nein: nicht Mädchen, sondern Trans-Junge. Biologisch weiblich, gefühlt männlich. "Ifab", so lernte ich: Identified female at birth, und: "Seine Pronomen sind er/ihm." Meine Tochter fragte, ob wir ihn mit in unser Wochenendhaus nehmen würden. Dort tauschten die beiden Kostüme von Comic-Held:innen aller Geschlechter und luden auf Instagram Selfies hoch, auf denen sie unter Weiden Wangenküsschen tauschen. Ich fragte mich: War das Liebe, und wenn ja, welche: Hetero? Lesbisch? Wenigstens kann sie von ihm nicht schwanger werden, dachte ich und schämte mich für meine Boomer-Gedanken.

"Seid ihr jetzt zusammen?", fragte ich nach unserer Rückkehr vorsichtig. Sie sah mich mitleidig an. "Ich bin nicht der Typ für so ein Zweierding", sagte sie, "eher für eine offene Beziehung, wie viele genderfluide Menschen." Und outete sich beiläufig gleich noch einmal: Sie fühle sich nicht nur bi, sondern auch non-binär, bevorzuge als Pronomen das genderneutrale they/them, aber ich als Mutter dürfe auch weiter "sie" zu ihr sagen. Ich fühlte mich alt und war verwirrt. Eine Heterofrau aus dem 20. Jahrhundert, und dann auch noch "cis". Also durch und durch weiblich, körperlich wie seelisch.

Das ist jetzt ein Jahr her, und ich habe viel gelernt. Ich hatte mir unsere Mutter-Tochter-Gespräche immer voller Kenn-ich-auch-Momente vorgestellt. Aber meine alten Geschichten, von One-Night-Stand bis Langzeit-Ehe, passen nicht zu ihren. Ich erzähle ja auch keiner App-Programmiererin, wie man die Typenhebel einer Schreibmaschine reinigt.

Neben der Verwirrung ist da aber auch Neugier. Mit meiner Tochter reden ist, als würde ich einen Sprachkurs besuchen, mit neuen Definitionen von Lust und Liebe. Auch wenn ich vieles nicht nachfühlen kann, kann ich immer noch dazulernen. Wozu ist Kommunikation denn sonst gut? Meine Tochter war schon immer für eine Überraschung gut. Ich schätze, das war nicht die letzte.

Brigitte

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