Film "Wolke 9": Sex im Alter

Der Film "Wolke 9" zeigt alte Menschen beim Sex: ohne Weichzeichner, leidenschaftlich, ungefiltert. Wir haben "Wolke 9" vier Frauen unterschiedlichen Alters gezeigt und gefragt: Wie haben Ihnen die ungewohnten Sex-Bilder gefallen? Und wie stehen Sie zu Sex im Alter?

Darum geht's: Der Film "Wolke 9"

Inge (Ursula Werner) ist über 60 und eigentlich ganz zufrieden mit ihrem Leben. Sie singt im Chor, näht gern und ebt seit 30 Jahren mit Werner (Horst Rehberg) in einer eingefahrenen, aber freundlichen Ehe. Doch plötzlich bricht die Liebe über Inge herein: Sie verguckt sich in Karl, der auf die 80 zugeht. Karl ist charmant, bringt Inge zum Lachen und löst in ihr die Leidenschaftlichkeit einer 17-Jährigen aus.

Inge hält das Versteckspiel nicht lange aus: Die Glücksgefühle, die der neue Mann ihr beschert, sind so stark, dass sie bereit ist, ihre Ehe aufs Spiel zu setzen. Regisseur Andreas Dresen hat schon bei "Halbe Treppe" und "Sommer vorm Balkon" bewiesen, dass er sehr realistische Milieustudien drehen kann. "Wolke 9" (Start: 4. September) ist so dicht dran, dass der Zuschauer glaubt, neben Inge und Werner auf dem Sofa zu sitzen.

Filmkritik einer 26-jährigen: "Ich kann mir vorstellen, später auch so zu leben"

Johanna Bammel, Erzieherin

"Ich habe mich vor dem Film gefragt, ob ich es wohl abstoßend finden würde, den alten Menschen beim Sex zuzusehen. Aber das war es dann ganz und gar nicht. Ich fand die Szenen natürlich, ästhetisch und sogar ansprechend. Jetzt kann ich mir vorstellen, später auch noch so zu leben. Man traut sich ja kaum, seine Verwandten darauf anzusprechen, wie der Sex im Alter ist. Den Film fand ich deswegen sehr ermunternd und ermutigend.

Meine Urgroßeltern sind mir allerdings auch ein Vorbild: Meine Urgroßmutter ist 97 geworden, ihr Mann 91. Beide waren bis zum Schluss verliebt ineinander und hatten - soweit ich weiß - ein glückliches Sexualleben.

Ich finde es jedenfalls gut, dass nun auch endlich mal ältere Menschen in diesem Zusammenhang auf die Leinwand finden. Meine Mutter arbeitet in einem Altenheim, ihr war gar nicht neu, was ich von dem Film erzählt habe. Sie erlebt regelmäßig, dass sich Menschen im Heim verlieben und dort auch Sex haben. Warum sollte die Lust im Alter auch verschwinden?"

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Filmkritik einer 38-Jährigen: "Der Film übt Druck aus"

Nicola Onur, Psychiaterin und Therapeutin

"Ich habe mich während des Films immer wieder geärgert. Die Hauptdarstellerin hat Sex mit ihrem Mann, Sex mit ihrem Geliebten und befriedigt sich auch noch selbst. Alles funktioniert perfekt, jeder hat immer einen Orgasmus. Da kann ich mit 38 ja kaum mithalten - wie soll es da älteren Frauen gehen, die den Film gucken?

Der Regisseur wollte ganz offensichtlich das wichtige Thema Sex im Alter enttabuisieren. Und hat genau das Gegenteil bewirkt. Dadurch, dass die Sexszenen so in den Vordergrund gedrängt werden, übt der Film Druck auf jeden aus, der im Alter kein reges Liebesleben hat. Ich war sehr froh, als der 76-Jährige endlich eine Erektionsstörung hatte, das ist die Realität. Andere Dinge fand ich dafür sehr gelungen: Der 76-jährige Lover war mit seinem Charme und seinem Humor ganz wunderbar. Und auch die Schilderung des Alltags bei diesem lange verheirateten Paar ist gelungen.

Es gibt eine interessante Studie, in der Paare befragt wurden, die vor dem ersten Kind gleichberechtigt zusammengelebt haben. Dabei wurde festgestellt, dass über 80 Prozent der einst modernen Paare nach der Geburt in die alte Rollenverteilung gefallen sind: Die Frauen kümmern sich um das Kind, kochen, stecken im Job zurück. Man muss sich also nicht wundern, wenn moderne Frauen daraus auch wieder ausbrechen - und sei es mit über 60.

Für mich war es nicht so entscheidend, dass die Hauptdarstellerin mit einem anderen Sex hat, sondern dass sie ihrer Sehnsucht eine Bedeutung gegeben hat und einiges aufgibt, um ihr nachzukommen. Ich habe großen Respekt davor, wenn jemand noch einmal den Schritt wagt, neu anzufangen. Meinen Eltern würde ich den Film auf jeden Fall empfehlen - auch wenn es hinterher konfliktreiche Auseinandersetzungen gäbe."

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Filmkritik einer 58-Jährigen: "Wenn es bei mir knallen würde, dann richtig"

Elfriede Ebert, Immobilienkauffrau

"Der Film macht Hoffnung. Ich bin schon lange Single und habe eine Sex-Pause von 17 Jahren hinter mir. Jetzt denke ich: Da kann also noch was kommen! Die Hauptdarstellerin verhält sich zwar manchmal wie ein pubertäres junges Mädchen, aber ich fühle mich schließlich ab und zu auch noch so.

Im Urlaub habe ich mich zum Beispiel mit über 50 in einen 25-jährigen Strandboy verguckt. Da ist nichts gelaufen, aber wir haben geflirtet. Ich hatte richtig Schmetterlinge im Bauch und bin immer mit rotem Kopf zum Strand gegangen. Diese Gefühle ändern sich auch im Alter nicht. Und das Schönste ist: Selbst wenn man denkt, alles sei tot und man hätte überhaupt keine Triebe mehr, kann das Verliebtsein von heute auf morgen alles wieder aufwecken.

Ich glaube aber auch, dass Frauen im Alter sehr genügsam werden, weil sie insgesamt zufriedener sind. Sie haben nicht mehr den Anspruch wie junge Frauen, den glamourösen Partner zu finden. Auch weil sie wissen, dass das unrealistisch ist. Ich kenne das Gefühl, von einem Mann zu wenig zurückzubekommen, sich wie ein Möbelstück zu fühlen und seelisch zu verhungern.

Unsere Ehe nahm ein ähnliches Ende wie bei dem Paar im Film: Ich bin gegangen, er war traurig und verletzt, konnte aber nicht sagen: 'Ich möchte, dass du bleibst.' Ich glaube, wenn es heute bei mir noch mal knallen würde, dann auch richtig. Von null auf hundert und am liebsten alles sofort. Ich habe das erste Mal 1968 geheiratet, das zweite Mal 1988. Eigentlich müsste ich jetzt, 20 Jahre später, wieder dran sein. Da muss ich mich allerdings langsam mal beeilen."

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Filmkritik einer 82-Jährigen: "Verlieben ist ein wunderschönes Gefühl"

Elfriede Hessing, Rentnerin

"Der Film ist wie das Leben: Die Sehnsucht hört im Alter nicht auf. Ich kenne das, ich wache sogar manchmal nachts auf, weil ich Gefühle habe. Ich glaube, dass ich auch heute noch einen Mann glücklich machen könnte.

Häufig werde ich noch angesprochen; sicher weil ich ausstrahle, dass ich auch allein mit mir glücklich bin. Ich könnte mir vorstellen, einen Freund zu haben, mit einem Mann zusammenwohnen möchte ich aber nicht mehr. Ich habe zwei Männer bis zum Tod gepflegt, das reicht. Meine Bequemlichkeit gebe ich nicht mehr auf. Wenn ein Mann aber so viel Charme hätte wie der 76-jährige Liebhaber in dem Film, könnte ich mir das schon vorstellen. Auch wenn ein Jüngerer appetitlicher anzusehen ist.

Ich wäre mit dem Sex nur nicht so schnell wie die Hauptdarstellerin. Im höheren Alter geht das wohl etwas langsamer. Aber so läuft das Leben: Man ist verheiratet, dann ebbt das Gefühl ab, eine neue Person tritt in dein Leben, man verliebt sich - und schon ist es passiert. Das zeigt der Film genau richtig. Verlieben ist ein wunderschönes Gefühl, auch in meinem Alter. Dagegen sollte man sich nicht wehren. Es ist richtig, dass die Frau im Film ihren öden Ehemann verlässt und dem folgt, mit dem sie laut lachen kann."

"Wolke 9": Der Trailer

Kino: Trailer: Wolke 9
Fotos: Christina Körte
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