Gülfidan über Jungfräulichkeit

Ein Auszug aus "So ist das, meine Schöne". Gülfidan ist 21 Jahre alt und Studentin.

"Ich habe meinen eigenen Körper erst sehr spät kennengelernt. Mein Körper war so lange ich denken kann immer wie ein Köstüm für mich.

Ihn zu berühren, ihn zu entdecken, mir war fremd... In der Grundschule hatte man mir gesagt, daß ich wegen eines Briefes, den ich an einen Klassenkameraden, in den ich verliebt war, geschrieben und mit Herzchen verziert hatte, eine Hure wäre. Ich habe mich den ganzen Tag im Kohlenschuppen im Hinterhof unseres Hauses versteckt. Aus Angst, ich weiß immer noch nicht wieso, habe ich die sandigen Blätter der Pegonien gegessen. Ich erinnere mich, daß ich, wenn ich allein zu Hause war, die Seidenkleider meiner Mutter angezogen und mich ängstlich und verschämt berührt habe. Ich habe mich nie streicheln können, wenn ich ganz nackt war... vielleicht habe ich mich in die Berührung des zarten Seidenstoffes geflüchtet?

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Ich habe meinem Vater nachts immer, wenn er geschlafen hat, ein Küßchen gegeben. Und nicht nur meinem Vater, allen anderen im Haus auch. Wenn sie alle ins Bett gegangen waren, habe ich immer noch einmal alle Fenster und Türen kontrolliert, und ihnen allen ein Küßchen auf die Wangen gegeben. Als ich älter wurde, habe ich damit aufgehört. Ich bin mit gesenktem Kopf herumgelaufen, habe mich wertlos gefühlt, und ich fühle mich immer noch so. Das geht so schnell nicht weg...

Das erste Mal habe ich mich verliebt, als ich auf dem Gymnasium war. Zum ersten Mal war ich so richtig glücklich, habe mir wieder gefallen und zum allerersten Mal habe ich gesehen, wie sehr ich eine andere Person zu lieben in der Lage war. Davor wollte ich nicht weglaufen. Ich wollte mit ihm zusammen sein. Er hat mich mit seiner Liebe auch meinen Körper lieben gelehrt. Ich habe entdeckt, wie natürlich und schön es ist, sich zu berühren. Dann war auch das vorbei, und er war weg. Zwei Jahre lang habe ich furchtbar gelitten, zwei Jahre habe ich mich mir und der Welt völlig entfremdet. Später habe ich mich anderen Menschen zugewendet, ihnen helfen wollen, vielleicht, um mich nicht um mich selbst kümmern zu müssen. Ich war nicht mehr der Mittelpunkt meiner Welt. Ich habe ihn selbst nach außen verlagert, von mir weg, und ich habe versucht, die innere Schwere und Niedergeschlagenheit abzubauen. Ich habe mich von mir selbst entfernt, mich von außen betrachtet. Wie man einen Film sieht... erst später kam das Gefühl, daß man mir die Personen, die mir nahestanden, gestohlen hatte. Meinen Vater, meine Mutter... als ob man sie mir gestohlen hatte. Wenn ich sie doch nur besser kennengelernt hätte, wenn ich mehr gewußt hätte, wenn sie mich doch nur besser gekannt hätten... eines Tages vielleicht... ich habe immer noch Angst davor, mich ihnen zu stellen.

Ich habe eine einsame Welt um mich geschaffen. Das Theater wurde für mich zum Mittelpunkt meines Lebens. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, scheint es mir, daß das für mich eine Methode war, meinen Körper sichtbar zu machen, der mir im wirklichen Leben wie ein Schatten vorkam. Ich wollte schon immer auf einer Bühne Geschichten erzählen. Ich wollte, daß mein Körper auf der Bühne lebendig wird. Ich wollte den Zuschauern in die Augen schauen, und ich wollte, daß mir die Zuschauer in die Augen schauten. Ich nehme an, daß ich erstarrte Worte hinter mir lassen, und mich über meinen Körper ausdrücken wollte. Indem ich die Stücke anderer auf der Bühne in Szene setzte, wollte ich vielleicht meine eigene Geschichte erzählen, ich wollte vielleicht sagen: schaut her, ich bin hier, hört mir zu. Ich habe mich in die großartige Wirklichkeit des Theaters gerettet...

Ich wollte diese Regeln brechen

Im wirklichen Leben war ich nicht so begierig, nicht so entschlossen. Eine Zeit lang habe ich mich durch die Augen derer betrachtet, die mich als unschuldiges, jungfräuliches Mädchen sehen wollten. Jedem meiner Freunde wollte ich das Gefühl geben, daß er der erste war, der mich berührte. Als ob meine Sexualität ein Objekt war, das ihnen gehörte. Mein Körper war mein Kostüm. Warum habe ich mein Selbst immer von meinem Körper getrennt? Warum war meine Jungfräulichkeit anderen immer so wichtig... was bedeutete das denn? Ich verstand es nicht, aber es machte mir Angst. Immer neue Menschen kamen in mein Leben. Aber ich wollte die Rolle des unschuldigen Mädchens nicht länger spielen. Ich wollte die Leute, die mich in dieses Korsett aus Regeln zwängen wollten, nicht mehr in mein Leben lassen.

Ich wollte diese Regeln brechen. Ich war wütend, ich war auf meine Weiblichkeit wütend. Ich war wütend auf diejenigen, die mir diese Regeln nur wegen meines Frauseins auferlegten. Ich wollte meine Weiblichkeit selbst definieren. Aber ich hatte diese Dinge so sehr verinnerlicht, daß es nicht einfach war, dagegen anzurennen. Alkohol hat dabei sehr geholfen. Trink viel und lass dich gehen, lebe deine Sexualität aus, aber um das vor mir selbst zu rechtfertigen, mußte ich auch wieder trinken...

In jener Zeit habe ich auch etwas erlebt, worüber ich bis heute nicht einfach sprechen kann...zum ersten Mal wollte ich mit einem Mann schlafen. Aber als ich versucht habe, feste Regeln zu brechen, habe ich es nicht geschafft, mich selbst zu schützen. Vielleicht wollte ich mich ja zerstören ? In jener Nacht haben wir nicht verhütet, als wir miteinander geschlafen haben. Eigentlich ist der Ausdruck "miteinander geschlafen" auch nicht richtig, dazu ist es nicht gekommen. Das lag am Alkohol, wir kannten uns kaum, ich konnte mich nicht entspannen. Erst später ist mir eingefallen, daß wir uns nicht geschützt hatten. Ich hatte große Angst. Vor AIDS, vor diesem und jenem...ich habe mit niemandem darüber sprechen können. Ich bin den Leuten ausgewichen, war von mir selbst angewidert. Dann habe ich mich mit ihm auf eine Beziehung eingelassen, ich wollte ihn kennenlernen, ich mußte wissen, wer er war. Er hat mir gesagt, daß er in mich verliebt sei. Ich war angeblich sogar die erste Person, mit der er geschlafen hatte. Als ich das gehört habe, ging es mir besser...trotzdem habe ich Tests gemacht, habe ertragen, daß ich dabei schief angeschaut wurde. Ich hatte solche Angst... ich habe mir immer ausgemalt, was werden würde, wenn ich AIDS hätte. Dazu ist nicht gekommen, aber das alles war für mich eine große Herausforderung. Eine sehr große... ich kann es gar nicht in Worte fassen...

Später habe ich erfahren, daß ich damals meine Jungfäulichkeit gar nicht verloren hatte. Darüber war ich froh. Dann war ich wiederum wütend, daß ich darüber froh war. War denn Jungfräulichkeit etwas, das man verlieren konnte ? Das waren alles sehr gemischte Gefühle. Wenn ich damals mit jemandem darüber geredet hätte, hätte ich diese Zeit vielleicht einfacher überstanden...

Dagegen war es sehr schön für mich, wirklich damit anzufangen, meine Sexualität auszuleben. Das war eine ganze Weile nach dieser Geschichte. Es war ein Mann, den ich liebte und für den mein Verhältnis zu meinem eigenen Körper sehr wichtig war. Es war ihm wichtig, daß ich mich berührte, mein Verhältnis zu meinem Körper war ihm wichtig. Wenn ich mit ihm zusammen war, gefiel mir auch mein Körper. Mit ihm konnte ich über Sexualität sprechen, mit ihm konnte ich mich völlig entspannen... er behandelte meinen Körper nicht wie einen Gegenstand. Alles war sehr natürlich, es gab nichts, worüber ich mich schämte, das ich verstecken oder vor ihm verbergen mußte. Es gab nur uns beide. Das war etwas ganz besonderes für mich... ganz besonders... Mit ihm habe ich das erste Mal geschlafen und an dem Punkt war ich soweit, über das Ende meiner Jungfräulichkeit zu lachen, es zu feiern. Später, als ich darüber nachdachte, wer hier was verloren hatte, wurde mir klar was für ein lächerlicher Ausdruck das ohnehin war. Es gab gar nichts zu verlieren, es gab niemanden, der benutzt wurde und niemanden, der benutzte. Im Gegenteil habe ich eine geteilte schöne Erfahrung dazugewonnen...es war eines der Ereignisse, die mir großes Wertgefühl geschenkt haben. Auch wenn ich jetzt darüber rede, fühle ich das..."

"So ist das, meine Schöne": Artikel zum Buch lesen

Ein Auszug aus "So ist das meine Schöne" Orlanda-Verlag 12,90 Euro Erscheinungstermin: Ende März

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