Ich will doch nur Sex!

Ja, auch Frauen haben ab und an Lust auf eine richtig heiße, aber unverbindliche Nummer, den klassischen One-Night-Stand zum Beispiel. Blöd nur, dass uns das so wenige Männer glauben.

Der Mann war das Beste, was Corinna seit Langem vor die Flinte gekommen war: lustig, gut aussehend, Mitte 30 und auf keinen Fall auf der Suche nach was Ernsthaftem - genau wie sie. Und er war fällig: Sie nahm ihn mit in ihre Wohnung, zog ihn aus und in ihr Bett - er wollte es, sie wollte es, es gab versauten Sex und am nächsten Morgen einen freundschaftlichen Abschied noch vor dem Frühstück. Alles war perfekt!

Bis sie den Vorgang wiederholen wollte. "Warum sich immer wieder was Neues aufreißen, wenn es bei uns so gut funktioniert hat? Never change a winning horse", dachte sie sich und wählte seine Nummer. Am anderen Ende der Leitung panisches Stottern: Nein, er könne am Samstag nicht und auch sonst nicht, sie solle nicht traurig sein, es sei wirklich toll mit ihr gewesen, aber er suche eigentlich nichts Festes. "Aber ich doch auch nicht! Es geht doch nur um Sex", rief sie noch in den Hörer. Zu spät, der Mann war auf der Flucht. Wie die meisten seiner Vorgänger.

Männer stehen ja - oft zu Unrecht - unter Generalverdacht, immer nur das eine zu wollen. Leider hat sich dieses hübsche Vorurteil noch nicht auf Frauen übertragen. Dabei sollte sich inzwischen herumgesprochen haben, dass auch Frauen manchmal gern auf Romantik, Kuschelrock und Beziehung verzichten und einfach nur guten Sex wollen. Nur dass ihnen das keiner glaubt - solange sie aus ihrem Schlampentum kein Mode-Statement machen, sich in einschlägigen Onlineforen rumtreiben oder die natürliche erotische Ausstrahlung einer Sharon Stone haben. Alle anderen Frauen müssen auf der Suche nach einer Affäre forsch die Initiative ergreifen - und haben damit oft nur mäßig Erfolg.

Frauen auf der Jagd verstören Männer, vor allem, wenn sie auf den ersten Blick nicht gerade nach Femme fatale aussehen. Welcher Kerl sieht sich schon gern als fleischliche Trophäe der so harmlos wirkenden Bibliothekarin aus der örtlichen Kinderbücherei? Welcher Mann würde glauben, dass die schüchterne Kollegin aus der Rechtsabteilung, in deren Gegenwart nie schweinische Witze erzählt werden, eine verdammt rege Libido hat - und trotzdem am liebsten allein frühstückt?

"Was will sie wirklich?", fragen sich Männer verängstigt, wenn sich die kleine brave Schwester ihres Fußballkumpels plötzlich auf sie stürzt. Dass sie nur flachgelegt, nicht geheiratet werden will, erscheint ihnen völlig abwegig.

Und die Sache wird mit dem Alter nicht einfacher. Spätestens mit 35 sehen Männer keine Frauen mehr, sondern nur noch heiratswütige Eierstöcke mit Torschlusspanik. Corinnas Chancen auf Sex sanken jedes Mal gen Null, sobald das Objekt ihrer Begierde von ihrem Beruf erfuhr: Kinderärztin. Eine Frau, die den ganzen Tag in große Kinderaugen schaut, kann doch nur auf der Suche nach passendem Genmaterial für eigenen Nachwuchs sein, dachten die Männer. Und brachten sich selbst um die vielleicht heißesten Doktorspiele ihres Lebens. Es gibt so viele doofe Vorurteile über Frauen, die Männer nie hinterfragen. Wäre es da nicht ein Leichtes, sexuellen Egoismus in den Kanon gängiger Frauen-Klischees mit aufzunehmen? Also, Männer: Frauen sind Schweine. Manchmal benutzen sie euch, weiden sich an euren schönen Körpern und geben einen Dreck auf eure inneren Werte und Fähigkeiten als Ernährer, Vater oder Romantiker. Sie wollen hinterher einfach nur in Ruhe einschlafen und garantiert nicht reden. Auch wenn der Sex gigantisch war, heißt das nicht, dass sie sich gleich in euch verlieben.

Und wenn ihr nicht anfangt, wenigstens ein bisschen daran zu glauben, machen wir es in Zukunft alle wie Corinna: Die hat sich nach mehreren gescheiterten Affären- Versuchen einen 22-jährigen Liebhaber gesucht. Der findet Sex mit einer älteren erfahrenen Frau wahnsinnig verrucht und macht jede Sauerei mit. Und er denkt nicht im Traum daran, Corinna könnte ein Kind, einen Trauschein oder gute Gespräche von ihm wollen.

BRIGITTE Heft 25/07 Text: Hannah Conradt Foto: Corbis

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