Sexologe Jakob Olrik über Prüderie und wahre Liebe

Jakob Olrik ist dänischer Sexologe, Buchautor und Paartherapeut. In seinem Land wurde er durch eine sehr hemmungslose Aufklärungssendung bekannt.

BRIGITTE: Es heißt immer, dass die Dänen so irre locker seien. Vor allem wenn es ums Duzen und um Sex geht ...

Jakob Olrik: Ja, das stimmt. Wir beide duzen uns auch, richtig? (lacht) Und was den Sex angeht: Das Image hält sich hartnäckig, dass wir so liberal sind. Und dass wir die schönsten Frauen haben. Das glauben die nur leider auch.

Warum leider? Stimmt das nicht?

Sagen wir so, es klingt natürlich gut. Macht aber ein bisschen arrogant, wenn einem das seit der Kindheit eingeredet wird. Und was unsere libidinöse Lockerheit angeht muss ich dich enttäuschen: wir waren mal besser.

Aus diesem Grund haben die Deutschen im Sommer mehr Lust auf Sex

Wie besser? Im Bett?

Auf jeden Fall, ja. Ich reise um die Welt und mache Studien über das unterschiedliche Flirtverhalten und Sexleben der Menschen. Im globalen Kontext sind wir Dänen eher irgendwo in der Viktorianischen Epoche. Wir entwickeln uns eher rückwärts. Dänemark wird prüder.

Wirklich? Ihr wart doch das erste Land, in dem Pornohefte am Kiosk verkauft wurden. Und vielleicht im Nachhinein der Grund, weshalb mein Vater da früher so oft im Urlaub mit uns hinwollte ...

(lacht) Kann gut sein, ja. Ende der Sechziger gab es jedenfalls für die ganze Familie gute Gründe, in Dänemark Ferien zu machen. Camping, Dünen, Angeln, Lakritz, Pølser und Pornos. Und dann gab es damals noch eine ausgeprägte Nudistengemeinde. Aber das ist laaaange her.

Und was ist heute?

Heute sind wir wesentlicher schamhafter und genanter, was den eigenen Körper angeht. Du wirst keine Frauen oben ohne am Strand sehen. Der Körper ist nichts Natürliches mehr, sondern ein Statussymbol. Du musst gesund und sportlich aussehen. Als Frau brauchst du einen Surfbrett-Bauch, als Mann Muckis. Es gibt diesen Zwang zur Perfektion.

Aber der ist doch nicht typisch dänisch, sondern international, oder?

Das stimmt. Leider ist das längst ein globaler Trend. Aber wir Dänen machen beispielsweise weltweit am meisten Sport. Ich versuche den Leuten zu sagen, warum radelt ihr wie blöde mit euren Mountainbikes durch den Wald und kriegt Matsch ins Gesicht, statt zu Hause schön mit euren Partnern zu schlafen? Das ist viel gesünder und man fühlt sich danach auch sehr vital.

"Die Deutschen sind da irgendwie nackter!"

Mit anderen Worten, deine Botschaft: Macht mehr Matratzensport, wie das in meiner Pubertät hieß.

Unbedingt. Stattdessen passiert genau das Gegenteil. Von fünf Millionen Einwohnern sind ungefähr ein Drittel aller Dänen Single. Das ist wie eine Seuche, eine neue Volkskrankheit. Jeder Fernsehsender hat hier eine Singleshow. In Wahrheit wird nicht mal mehr richtig geküsst.

Au weia.

Allerdings. In Dänemark siehst du kaum Küssende auf der Straße. Begrüßungskuss und Abschiedskuss höchstens. Das geht. Und zu Hause ein bisschen vorm Geschlechtsverkehr. Im Schnitt 30 Sekunden. Das war's. Bei uns ist die Küss-Kultur nicht so ausgeprägt. Nur Japan ist da noch prüder. Und ein paar arabische Länder vielleicht.

Woran liegt das?

Es ist eine fehlende Tradition. In etwa vergleichbar mit der Tatsache, dass wir früher auch nur sehr monotones Essen gewöhnt waren. Und weil wir es nicht anders gelernt haben, halten wir uns auch heute am reich gedeckten Tisch zurück.

Dabei ist der Kuss doch so ziemlich das Intimste überhaupt.

Absolut. Der Kuss ist das Intimste! Da fällt mir ein, zum Thema dänische Lockerheit, ich bin neulich sogar aus einem Restaurant geflogen, weil ich mit zwei Frauen geknutscht habe. Stell dir das mal vor!

War da vielleicht Neid im Spiel? Einer von euren 1,5 Millionen Singles?

Kann sein, ja. Neid. Oder einfach bloß Verklemmtheit. In Berlin wäre mir das nicht passiert. Muss ich dir kaum sagen, du lebst da, oder!?

Ja, aber Berlin ist eine Ausnahme, sozusagen ein einziger, erotischer Streichelzoo.

Da gibt es sogar Darkrooms in Heterodiscos.

Stimmt.

Siehst du. Alles undenkbar hier. Wenn man das in Dänemark machen würde, einen Darkroom in der Disco, würde man eingesperrt. Kommt sozusagen die Sittenpolizei. Allgemein beobachte ich einen traurigen Trend bei uns. Wir separieren die Geschlechter wieder mehr. Die Kinder duschen nach dem Sport nicht mehr zusammen. Die Deutschen sind da irgendwie nackter!

Was!? Wir Deutschen sind nackter?

Verglichen mit Dänemark auf jeden Fall. Ihr geht mit eurer Nacktheit sehr viel natürlicher um.

Bist du sicher? In den neuen Bundesländern vielleicht.

Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass es bei uns keine Unisex-Saunas gibt. Außer im Sex-Club, versteht sich. Aber einfach nackt irgendwo zusammensitzen wie bei euch? Ist nicht. Nirgends. Alles ist hier, wie gesagt, sehr viktorianisch. Im Übrigen ist auch die Swinger-Szene in Deutschland viel größer.

Moment. Dafür haben wir nicht jemanden wie dich, der im öffentlich-rechtlichen Fernsehen eine Sendung hat, die "Im Bett mit ZDF" heißt, und der am Beispiel eines Kissens Stoßtechniken vorführt oder Anleitungen gibt: "How to lick a proper pussy!"

Echt nicht?

Nein, echt nicht! Und schon gar nicht so lustig. Soll heißen, soooo prüde kann Dänemark gar nicht sein.

Ich höre immer wieder, dass die Deutschen keinen Humor haben. Ich hoffe, das stimmt nicht. Aber wir sagen das von den Deutschen. Ich glaube, Humor ist sehr wichtig in einem guten Sexleben. Weißt du warum? Weil beim Sex jede Menge Hemmungen und Peinlichkeiten lauern. Wir alle denken an einem Punkt, ich bin nicht gut genug, wie sehe ich aus beim Sex - dann mache ein Witz draus. Lach drüber. Es ist so einfach.

Also, ich weiß nicht. Bist du sicher? Und welche Frau will schon mit einem Kasper ins Bett?

Viele, glaub mir. Humor ist noch immer eine der erfolgreichsten Arten, eine Frau zu verführen, sie zum Lachen zu bringen. Wenn wir unseren Humor benutzen, überwinden wir Grenzen und Hemmungen. Humor nimmt dem Ganzen die Schwere, wenn etwas schiefläuft. Oder zu viel wird. Es ist nicht sexy, sich zu ernst zu nehmen. Das törnt ab. Außerdem ist Lachen dem Orgasmus sehr ähnlich. Beides öffnet dich und entspannt.

Wirst du bei bestimmten Themen auch mal rot?

Nein, nie, nicht im sexuellen Kontext. Es ist wichtig, frei zu sein. Und es gibt immer noch so viele Tabus.

Das größte Problem in Beziehungen ist, dass die Frau danach verlangt, von einem echten Mann genommen zu werden

Wirst du grün und blau geschlagen, wenn du Sachen sagst wie: "Die dänischen Männer sind Langweiler, die dänischen Frauen langweilen."?

Bisher nicht, zum Glück. Aber es stimmt. Das ist genau die Situation, die wir hier heute haben. Ich habe gerade eine Tour beendet, bei der ich mit 20 000 Frauen gesprochen habe. Wenn es um das Thema Dating und Sex geht, beklagen fast alle Frauen, er sei süß und so, clever, verständnisvoll, aber kein wirkliches Tier, kein King Kong im Bett.

Warte mal: Dänische Frauen wollen einen Mann, der halb Kasper, halb King Kong ist? Das glaube ich nicht ...

Doch. Allerdings den King Kong dann eher im Bett, versteht sich. Nicht im Dialog. Das größte Problem in Beziehungen ist, dass die Frau danach verlangt, von einem echten Mann genommen zu werden. Das ist ihnen lieber als ein Typ, der fragt, ob er sie jetzt küssen darf, so eine Art Freundin mit Penis im Bett.

Wieso denk ich jetzt an 'Fifty Shades of Grey'?!

Ja, genau. Ich habe das Buch analysiert. Worum geht es denn da? Doch nicht um den läppischen Sex im Buch. Es geht um Dominanz und Spiel und die Sehnsucht der Frauen danach. Und ich bin mir sicher, das ist bei den Deutschen nicht anders. Die Frauen verlangen nach einem wirklich maskulinen Mann, den können sie hier nicht finden. Die Männer sind alle so freundlich, so niedlich und hilfsbereit, sauber, verständnisvoll und gute Väter. Das ja. Devot wie Diener. Doch das vertreibt die Libido.

Was empfiehlt der Sexologe dagegen?

Jedenfalls keine Bücher und Sexspielzeuge, die sind in Dänemark sehr verbreitet. Findest du hier bei fast jeder Frau im Schlafzimmer. Es geht um Polarisation zwischen den Geschlechtern. Guck dir Brasilien an. Da ist ein Mann ein Mann - und eine Frau eine Frau. Klare Rollenverteilung, entsprechendes Verhalten. Nicht so ein Wischiwaschi wie bei uns.

Du meinst wir Männer sind zu metrosexuell heute?

Ja, metrosexuell, meinetwegen. Heute tragen Mann und Frau doch fast die gleichen Klamotten. Der Gang ist auch ähnlicher geworden. Die Männer versuchen eher zu gefallen, als klare Ansagen zu machen. Auch sexuell. Sie ziehen lieber den Schwanz ein, im wahrsten Sinne. Sie sind nicht in Kontakt mit ihrem inneren Tier oder Trieb, das meine ich mit King Kong. Die Männer sind viel femininer geworden, weicher.

Früher hieß das mal Softie.

Genau, während die Frauen heute oft sehr maskulin daherkommen. Gerade beim Flirten ist ihr Gebaren fast amazonenhaft. Sie übernehmen die Rolle des Mannes und wollen heute, das finde ich interessant, lieber für ihre Taten gelobt werden.

Sie freuen sich eher über ein Kompliment, wie erfolgreich sie sind, als wenn man ihnen was Nettes über ihr Äußeres sagt. Erfolg zu haben ist ihnen wichtiger als Vergnügen. Wir sind alle viel zu intellektuell heute. Wir müssen Kopf und Körper trennen. Sonst geht die Polarisierung zwischen den Geschlechtern verloren, und damit die sexuelle Spannung, die diese Gegensätze zwischenzeitlich verschmelzen lässt.

"Klar kann man Sex ohne Liebe und Liebe ohne Sex haben!"

Aber eine gute Beziehung ist doch komplexer und besteht nicht nur aus King-Kong-Sex?

Nächstes Problem: Wir wollen immer alles. Sex und Liebe zusammen am besten, das ist wichtig, insbesondere für Frauen ist das oft dasselbe oder das eine ohne das andere nicht möglich. Oder nicht so gut. Liebe ist Pfeffer, Sex ist Salz. Und ja, es ist toll, wenn man beides hat, aber es kann gut separat funktionieren. Klar kann man Sex ohne Liebe und Liebe ohne Sex haben!

Aber dann schlecht beides mit einer Person?

Na und? Dann trenne es. Die Probleme beginnen, wenn wir eines unserer Grundbedürfnisse wie Essen, Trinken, Schlafen, plötzlich überbewerten und Sex mit Liebe verwechseln. Obwohl das, ich sage es mal bewusst polemisch, nur eine andere Art der Notdurft ist. Ein Primärtrieb wie Essen, Trinken, Atmen, Schlafen.

Sehr romantisch, das hören und lesen Frauen bestimmt gern.

Ist so, die Wahrheit tut manchmal weh. Und die Wahrheit ist, wir machen in unseren Beziehungen oft den Fehler, Sex als Indikator für unsere Liebe zu nehmen. Ich habe auch gern Gefühle beim Sex, aber das muss nicht zwingend Liebe sein. Genauso wie es keine Liebe sein muss, wenn man zusammenzieht, Kinder macht, sich Auto und Haus zusammen kauft. Das ist nur ein Bild, unsere überlieferte Vorstellung von Liebe. In Wahrheit ist es ein Konstrukt und als solches eher ein Käfig. Wenn du mich liebst, bin ich die oder der Einzige, den du küsst, mein Body ist dein Body und umgekehrt. So definieren wir Liebe, aber es ist nur ein Deal. Vielleicht ist es ein guter oder schlechter Deal. Aber es ist keine Liebe. Wir halten es nur dafür.

Wie würdest du Liebe definieren?

Liebe ist eine Art Manipulation und kennt keine Limits. Liebe ist alles, immer und überall. Und keine absolute Größe, sondern exakt das, wie du sie für dich definierst. Vergiss alles darüber. Wenn du eine Vorstellung von Liebe hast, werden dich erste Differenzen stören. In meinen Vorträgen antworte ich hinterher immer auf die Fragen, die mir die Frauen stellen. Und ich stelle mit der Zeit fest, es gibt da ein paar Klassiker.

Nämlich?

Wie kriege ich meinen Mann dazu, mehr im Haushalt zu helfen, dass er aufhört zu rauchen, wie wird er romantischer usw. Ich sage dann, hey, du hast einen Gebrauchtwagen gekauft, keinen brandneuen. Niemand kommt frisch aus der Fabrik. Du selbst auch nicht, und wenn du damit nicht klarkommst, geh einfach.

Ich denke, du bist auch Paartherapeut?

Ja, ich will nur provozieren und andeuten, schätzt euren Partner für das, was er ist, statt ständig zu kritisieren, was er nicht ist. Es ist nicht deine Aufgabe ihn zu ändern, sei und bleibe die inspirierende Person, die er kennen- und lieben gelernt hat. Und sonst nichts. Wahre Liebe ist vor allem ohne Limits. Am besten man macht sich kein Bild davon, das engt sie schon ein. Und noch was: Im Bett das Lachen nicht vergessen ... !

Interview: Jan Jepsen BRIGITTE 15/2015
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