Schlechter Sex

Jede hatte ihn schon, kaum eine spricht drüber: Schlechten Sex verdrängen wir am liebsten schnell wieder und tun so, als wäre er nie passiert. Autorin Mia Ming über sexuelle Erlebnisse, die man nie vergisst, die Schuldfrage und das Verliebtsein

Autorin Mia Ming

Ein Fitnesstrainer, der sich beim Sex die ganze Zeit im Spiegel anschaut, ein Kellner, der immer zu früh kommt, und ein Promoter, der sich maßlos selbst überschätzt. Das sind nur drei der 33 Geschichten aus Mia Mings neuem Buch "Schlechter Sex".

BYM.de: Frau Ming, reden Frauen doch gerne über schlechten Sex?

Mia Ming: Meine Freundinnen reden gerne drüber. Und auch ich bin ein sehr offener Mensch. Vielleicht ist das ja ansteckend... Es gab aber auch Frauen, die hatten ihre Geschichte noch nie jemandem erzählt. Für die hatte es etwas Befreiendes, endlich einmal darüber reden zu können.

BYM.de: Warum haben Sie überhaupt ein Buch über schlechten Sex geschrieben?

Mia Ming: Die Idee kam mir in Gesprächen mit meinen Freundinnen: Da hat sich das Thema oft wiederholt. Und dann habe ich angefangen, die Geschichten aufzuschreiben. Die erste war zum Beispiel die einer Freundin von mir: Ihr Freund wollte unbedingt mit ihr in einen Swingerclub gehen. Hinterher war nichts mehr so wie vorher. Sie waren sehr verliebt, und ich dachte, sie würden ewig zusammenbleiben. Aber danach war es dann vorbei.

BYM.de: Was macht für Sie schlechten Sex aus?

Mia Ming: Dass es für einen der beiden - oder wie viele Beteiligte auch immer - unbefriedigend ist. Phantasielos. Dass sich die Erwartungen nicht erfüllen.

BYM.de: Wie wichtig ist ein Orgasmus?

Mia Ming: Naja, den würde ich eher mit gutem Sex gleichsetzen... Aber das Ausbleiben eines Orgasmus bedeutet nicht gleich schlechten Sex, nein.

BYM.de: In Filmen haben die Leute ja immer bombastisch guten Sex. Kann man dem Leistungsdruck überhaupt standhalten?

Mia Ming: Ja, das ist manchmal sehr absurd. Überall haben die Leute tollen Sex und sehen dabei ganz großartig aus. Aber man kann sich gegen den Leistungsdruck wehren. Das ist ja mit vielen Sachen so. Mit den Schönheitsidealen zum Beispiel. Man muss sich eben seine eigene Haltung bewahren.

Mia Ming: "Wenn man verliebt ist, dann hat man keinen schlechten Sex."

BYM.de: Was würden Sie Frauen und Männern an die Hand geben, damit es im Bett besser klappt?

Mia Ming: Das Wichtigste ist für mich die gegenseitige Wertschätzung: Sich um den anderen zu kümmern. Dem anderen zuzuhören. Die Wünsche des anderen zu akzeptieren und sich Mühe zu geben. Dann ist der Partner sehr dankbar und man bekommt viel wieder.

BYM.de: Wäre schlechter Sex ein Trennungsgrund?

Mia Ming: Sex ist eine wichtige Komponente in einer Beziehung. Daher kann schlechter Sex früher oder später ein Trennungsgrund werden. Aber wenn man sehr verliebt ist, dann hat man keinen schlechten Sex. Verliebtsein ist die einfachste Art, guten Sex zu haben.

Mia Ming: "Jungs sind große Lästermäuler"

BYM.de: Wieso?

Mia Ming: Wenn man verliebt ist, ist alles auf einmal viel einfacher. Es macht Spaß, mit dem anderen zusammen zu sein. Und alles, was danach kommt, ist irgendwie toll.

BYM.de: Kann man sich das Verliebtsein denn bewahren?

Mia Ming: Das wäre wunderschön! Und das wünscht man sich natürlich immer. Aber ein Rezept habe ich dafür leider nicht.

BYM.de: Sie beschreiben in Ihrem Buch die schlimmsten Sünden, die man beim Sex begehen kann. Zum Beispiel Unbeholfenheit, Maßlosigkeit, Respektlosigkeit. Welche ist für Sie persönlich die schlimmste Sünde?

Mia Ming: Es ist immer eine Kombination aus mehreren. Grobheit, Unkontrolliertheit und Egoismus treten etwa meistens zusammen auf. Aber man kann in den unterschiedlichsten Kombinationen eine wirklich schreckliche Nacht verbringen.

BYM.de: Der Mann, der seine Freundin in den Swingerclub schleppt, der Fitnesstrainer, der nur sich beim Sex beachtet: Das klingt so, als sei schlechter Sex reine Männersache.

Mia Ming: Nein, häufig liegt es an beiden. Und es gibt ja immer viele unterschiedliche Gründe, die zu schlechtem Sex führen. In diesem Buch sind eben die Jungs schuld. Aber ich bin gerade dabei, das Gegenstück zu schreiben, das Jungsbuch - und da sind natürlich die Frauen schuld.

BYM.de: Und was erzählen die Jungs so?

Mia Ming: Oh, Jungs sind große Lästermäuler! Sie reden sehr gerne und sehr offen. Aber ich bin erst am Anfang.

BYM.de: Ein letzter Rat für unsere Userinnen?

Mia Ming: Seht es mit Humor. Es ist wichtig, alles im Leben mit Humor sehen zu können... Und nehmt die Jungs nicht zu ernst. (lacht)

Auf den nächsten Seiten lest ihr die erste Geschichte aus "Schlechter Sex": Gier.

Sünde: Gier!

Johanna (25), Parfümerieverkäuferin, Köln über Sebastian (28), Berufsschullehrer, Köln

Sebastian und ich waren seit anderthalb Jahren zusammen und ich war noch immer sehr verliebt in ihn. Ich fand ihn so toll, dass ich mir gar nicht vorstellen konnte, wie es irgendjemandem, der ihn kennenlernte, anders gehen sollte. Aber ich bemühte mich, das nicht so sehr zu zeigen, meine Eifersucht zu unterdrücken und Sebastian nicht einzuengen. Meist gelang mir das ganz gut. Wenn er mich irgendwann einmal verließ, wäre das schlimm genug, auf gar keinen Fall wollte ich auch noch schuld daran sein. Im Bett verstanden wir uns sehr gut. Zumindest dachte ich das. Bis Sebastian mir eines Abends, wir saßen gerade in einer Pizzeria, von seinen Wochenendplänen erzählte. Beinahe hätte ich mich an meiner Pizza verschluckt. "Ich bin da per Zufall im Internet auf diesen Club gestoßen, der liegt etwas außerhalb. Das ist dort wirklich sehr gepflegt und geschmackvoll und vor allem ganz junges Publikum." Sebastian hielt inne und schaute mich erwartungsvoll an. "Per Zufall"? Ich bin noch nie per Zufall im Internet auf einen Swingerclub gestoßen. Per Zufall stößt man eigentlich auf gar nichts. Ich schwieg.

Mein Freund hatte mir in den letzten Wochen immer mal wieder von Bekannten oder Kollegen erzählt, die gemeinsam mit ihren Freundinnen die Wochenenden in Swingerclubs verbrachten. Ich hatte nie weiter nachgefragt, das Thema interessierte mich nicht sonderlich, mich nur gewundert, warum es in Sebastians Bekanntenkreis plötzlich diese merkwürdige Mode gab und warum er so viel davon sprach. Nun wurde es mir klar. "Das heißt natürlich nicht, dass ich dich nicht mehr so attraktiv finde", erklärte er mir jetzt. Nein, das solle es nicht heißen, im Gegenteil. Aber unsere Beziehung brauche ein paar neue Impulse, wie er das nannte, die brauche jede Beziehung ab und an. Diese Erfahrung, neue attraktive Menschen kennenzulernen, würde uns sicherlich beiden sehr gut tun. Eigentlich hatte ich die ganze Zeit nur eine Frage.

"Aber möchtest du denn mit diesen fremden Leuten richtig Sex haben?" "Na ja, also, was heißt denn schon richtig Sex?" Wie es seine Art war, redete mein Freund erst eine Weile um das Thema herum, bevor er mir eine Antwort gab. Ja, das wollte er. Und ich auch, das wäre ihm wichtig. Klar würden wir das ganz langsam angehen, erst mal schauen, ob uns jemand gefiele. Aber es sei ja alles safe, mit Gummi und nach festen Regeln, da müsse ich mir gar keine Sorgen machen. Und er sei ja dabei. So in der Art redete Sebastian noch eine ganze Weile auf mich ein, schilderte die Swingerwelt in den leuchtendsten Farben, während ich schweigend zuhörte und eine Zigarette nach der anderen rauchte. Ich hatte kein wirklich gutes Gefühl dabei. Sex mit Fremden, konnte man das überhaupt im Voraus so planen? Doch Sebastians Begeisterung, wenn auch nicht ansteckend, war dennoch überzeugend. Denn wie hätte ich ihm diesen Wunsch abschlagen können? Also buchte Sebastian im Internet eine Party, gleich für das übernächste Wochenende. Man musste zuerst per Mail Bilder von sich an die Veranstalter senden und erhielt dann eine Einladung, oder auch nicht. Unsere Mail wurde noch am selben Abend beantwortet, wir dürften dabei sein. Bei der ersten Party musste man eine Gebühr bezahlen, durch die man automatisch zum Mitglied wurde, die folgenden Partys würden dann günstiger sein. Die halbe Nacht saß mein Freund vor Swingerclub-Seiten, betrachtete Fotos, las Regeln, Erlebnisberichte und Werbetexte. Ich lag allein vor dem Fernseher und schaute mir Filme an. "Du brauchst doch sicher etwas Neues zum Anziehen?", fragte Sebastian, als er mich am nächsten Tag von der Arbeit abholte, und führte mich in einen extrem überteuerten Wäscheladen. Er setzte sich in der dafür ausgerichteten Umkleidekabine auf einen Hocker und begann mich auszustaffieren. Stolz betrachtete er mich und ein ungutes Gefühl stieg in mir hoch. Doch ich verdrängte es. Was sollte auch schon passieren? Sebastian war ja bei mir und es würde mir vielleicht sogar gelingen, auf dieser Party Spaß zu haben... etwas zumindest.

An besagtem Wochenende fuhren wir also aufs Land. Ich war unsicher, ob ich das Richtige tat, doch Sebastians Vorfreude ließ sich nicht übersehen. "Sie haben Ihr Ziel erreicht", meldete das Navi nach einer guten Dreiviertelstunde, und wir hielten vor einem großen Haus, das etwas abgelegen von der Straße an einem Feldweg stand. Entlang des Weges parkten ein paar Autos, vielleicht zehn. Einige der Wagen waren tiefer gelegt, und ich sah mit Aufklebern verzierte Heckscheiben, auf denen "Uncle Sam" und "Golf Club Rosendorf" stand. Unwillkürlich musste ich schlucken. Wir klingelten, nannten einem Türsteher unsere Namen und wurden drinnen von einer blonden Frau mittleren Alters in Empfang genommen. "Hallo, Johanna! Hallo, Sebastian! Ich bin Elke. Ihr seid neu, wie ich gesehen habe, wie schön! Ich zeig euch erst mal alles", begrüßte sie uns. Elke trug einen Bikini in Pink, an dessen Seiten lange rosa Bänder befestigt waren, die sie kunstvoll um Beine und Bauch drapiert hatte. Sie hätte sie besser nicht so fest geschnürt, denn sie schnitten unschön in ihr Fleisch. Elke sagte, wir seien zu früh, es seien bisher nur Mitarbeiter da, aber das sei nicht schlimm, dann könnten wir in Ruhe alles anschauen. Munter plaudernd lief sie vor uns her und tätschelte immer wieder ermutigend meinen Arm. "Wie schön, wie schön! So hübsche junge Mädchen haben wir hier natürlich besonders gern!" Mir gruselte, doch Sebastian nahm das Kompliment mit erfreutem Nicken entgegen. Elke brachte uns zuerst zu den Umkleideräumen, vor denen wir uns trennen mussten. Drinnen gab es Schränke für die Kleidung, wie im Fitnessstudio, vor denen vereinzelt nackte Frauen standen. Eine rieb ihren Körper gerade mit Selbstbräuner ein, eine andere saß breitbeinig auf einem Hocker und rasierte ihren Intimbereich. Ich beeilte mich, meine Kleidung auszuziehen und in Unterwäsche wieder raus zu Sebastian zu kommen, der in engen schwarzen Shorts an einem Stehtisch stand und auf mich wartete. Elke war auch schon da. Wieder lief sie vor uns her und zeigte uns die verschiedenen Bereiche, wobei sie uns stolz auf die "lückenlose Hygiene", den "ausgezeichneten Service" und die "familiäre Atmosphäre" der Anlage hinwies. Zuerst führte sie uns zur Bar, wo wir stark alkoholhaltige Cocktails bekamen. Neben der Bar sah ich ein Büfett, um welches Stehtische angeordnet waren.

Eine Terrassentür führte nach draußen zu einem Whirlpool. Links der Bar ging es zum Kaminzimmer, dort standen Sofas und Pornofilme liefen auf Monitoren, die an den Wänden befestigt waren. Im Keller befand sich eine Sauna, im Untergeschoss eine Dusche für mehr als zwanzig Personen, wo einmal am Abend eine Schaumparty stattfand. Dort waren auch ein Dark-Room, ein Spiegelzimmer und der so genannte "Orgienraum". Es gab Wände mit Löchern, durch die man Hände oder auch primäre Geschlechtsteile stecken konnte, Räume mit Handschellen und Streckbänken, auch einen Gynäkologenstuhl sah ich. Ich war froh, dass der Club noch leer war, einige dieser Geräte wollte ich wirklich nicht in Benutzung sehen. Elke wies uns darauf hin, dass überall Handtücher, Kondome und Servietten auslägen. Am Ende des Rundgangs brachte sie uns zur Bar zurück. Mittlerweile waren die ersten Gäste eingetroffen. Ein junger Mann mit Ziegenbart und Brille stand in einem getigerten Tanga am Tresen und las einem braun gebrannten Muskelmann ein Horoskop aus einer Zeitung vor. Wir stellten uns neben die beiden und Elke bestellte neue Cocktails. "Zur Lockerung", sagte sie zwinkernd. Sie ging mir inzwischen enorm auf die Nerven. Sie sollte endlich verschwinden, damit ich mit Sebastian über all die gesehenen Scheußlichkeiten lästern konnte. "Lass uns mehr trinken und warten, bis es voll wird", wandte sich mein Freund an mich, sobald Elke weg war. "Wo fangen wir an? Ich bin ja dafür, gleich ins kalte Wasser zu springen, ganz oder gar nicht. Bist du dabei?" Ich schwieg entgeistert. Es schien Sebastian hier immer noch zu gefallen, dabei war es genauso schrecklich, wie ich es mir immer in Swingerclubs vorgestellt hatte. Und es wurde nicht gerade besser. Immer mehr unförmige Gestalten tauchten auf, und mit ihnen häuften sich auch die erfüllten Klischees, die meine Erwartungen jedoch beileibe noch übertrafen. Ich sah aggressive Nacktheit. Ich sah in Beate-Uhse-Unterwäsche gepresste Körper, Piercings, die in Speckfalten verschwanden, grinsende Bluthochdruckgesichter, schnurrbärtige Glatzköpfe in Latexstrings, dickleibige Pensionäre in Unterhose, Socken und Schlappen. Die sonnenbankgebräunten Body-Builder-Klone, die aussahen wie die Orks aus "Herr der Ringe", spendeten mir auch keinen Trost.

"Findest du nicht, dass hier komische Leute sind?", fragte ich vorsichtig. Doch Sebastian hatte sich einer Frau mit hochgeschnürten Brüsten zugewendet, die ihm jetzt lachend etwas ins Ohr flüsterte. Sie war in Begleitung eines durchtrainierten Jungen, der höchstens halb so alt war wie sie. Die beiden hießen Ronny und Petra und waren hier Stammgäste. "Eins-A-Club, Eins-A-Publikum, Eins-A-Ambiente", sagte Ronny gerade fachmännisch, während er mir unverhohlen lüsterne Blicke zuwarf. Petra tätschelte meinen Arm: "Und du guck mal nicht so, Kleene. Wir werden dich schon nicht fressen!" Sie sah aus wie die böse Nachbarin aus "Rosemaries Baby", und ich lächelte gequält zurück. Ich war mir da nicht so sicher. Nach dem fünften Cocktail schlugen Sebastians neue Freunde vor, gemeinsam ins Spiegelzimmer zu gehen. Dieser Raum sei nur Pärchen vorbehalten und bestimmt genau das Richtige zum Aufwärmen. Mein Freund warf mir einen flehentlichen Blick zu und bat: "Mir zuliebe?" Immerhin begriff er, dass ich es ausschließlich seinetwegen in diesem Etablissement aushielt. Ergeben folgte ich ihnen in das untere Stockwerk, jetzt konnte ich keinen Rückzieher mehr machen. Wie der Name schon ankündigte, waren die Wände des Raumes mit Spiegeln ausgekleidet, einzelne Herren mussten draußen bleiben, konnten aber durch eine Vielzahl von Löchern in den Wänden hineinsehen. Es entging mir nicht, dass uns eine kleine Gruppe von Gästen, die uns schon die ganze Zeit observiert hatte, in sicherem Abstand folgte. Ron und Petra ließen sich auf großen Matratzen nieder und auch Sebastian zog mich mit sich auf eine Matratze, die an der Wand lag. Wir küssten uns und er legte meine Hand in seinen Schritt, wo sich seit geraumer Zeit eine bemerkenswerte Beule zeigte. Sebastian war sehr erregt und so versuchte ich, die befremdliche Umgebung, so gut es ging zu ignorieren. Ich schloss die Augen und konzentrierte mich nur auf ihn. Eine Weile ging das gut, bis eine laute Stimme direkt neben uns aus der Wand ertönte. "Ja, weiter so. Los geht’s!" Vor dem Guckloch kauerte einer der einzelnen Herren auf allen vieren und feuerte uns lauthals an, wie ein Sportreporter. Als wir uns aufrichteten und ihn irritiert anblickten, verstummte er und schlich betreten davon. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. "Ach, so Spinner gibt es immer, lasst euch nicht stören", Petra, die mittlerweile auf Ronny saß, schien gänzlich unbeeindruckt. "Ich würde ja eh lieber sofort richtig loslegen!", sagte Sebastian zu mir. "Gehst du mit mir nach nebenan?" Der Orgienraum. Ich schluckte. Aber ich hatte mich ja darauf eingelassen, nun war es zu spät.

Wir betraten einen großen roten Raum mit gedämpftem Licht, der vollständig mit Matratzen ausgekleidet war, auf denen sich ineinander verkeilte, nackte Körper tummelten. Vielstimmiges Gestöhne erfüllte den Raum und der Geruch von Schweiß und Sex schlug uns entgegen. Der Anblick ließ mich erstarren, doch Sebastian griff nach meiner Hand und führte mich zu einem halbwegs freien Platz inmitten all der Leiber. Ich spürte, wie sich unzählige Augenpaare auf uns richteten, uns zwischen gespreizten Beinen und über fremde Schultern hinweg fixierten und begutachteten. Sebastian zog mich auf den Boden. Ich schloss sofort wieder die Augen, wollte nichts sehen, und ließ mich von ihm umarmen. Als ich die ersten fremden Hände auf mir spürte, störte mich das nicht so sehr, wie ich gedacht hatte. Hauptsache, Sebastian war bei mir. Er lag auf mir, hatte sich auf seinen Armen abgestützt und seinen Kopf über mein Gesicht gebeugt. Jetzt richtete er den Oberkörper auf und ich spürte, wie er sich mir langsam entzog. Vorsichtig öffnete ich ein Auge und sah, dass er ein blondgelocktes Mädchen küsste, das auf einem rotgesichtigen Herrn saß und sich gefährlich weit zur Seite beugen musste. Jetzt sah ich auch Ronny, der neben mir kauerte, meine Brust befühlte und dabei an sich rumspielte. Direkt über mir stand Petra und zog mit ungeduldigem Gesichtsausdruck an Sebastians Schulter. Sie wollte ihn von mir wegziehen! Doch mein Freund hatte offensichtlich schon selbst eine Wahl getroffen: die Wahllosigkeit. Ein glatzköpfiges, tätowiertes Mädchen steckte ihm gerade ihre gepiercte Zunge in den Mund, während sich ihre Freundin an seinem Bauch hinunterleckte. Er rollte von mir runter, direkt in eine Gruppe Pärchen, die ihn wohlwollend in ihrer Mitte willkommen hießen. Da schob sich ein Kopf in mein Blickfeld. Ein langhaariges Tarzanimitat mit eng zusammenstehenden Augen wollte mich küssen und näherte sich mir mit weit rausgestreckter Zunge. Mir schauderte. Nichts wie raus hier. Ich wich aus, schüttelte die gierigen Hände von mir ab, ignorierte das enttäuscht-entrüstete Gemurmel, das ich damit auslöste, und stand auf.

Sebastian bemerkte nicht einmal, wie ich den Raum verließ. Er hatte sich noch weiter von mir entfernt, lag nun auf einer rothaarigen Person, eingekeilt von nackten Frauenkörpern und schien völlig in seinem Element zu sein. Ich verließ das "Orgienzimmer", setzte mich draußen auf eins der Zuschauersofas und beobachtete mit gebannter Faszination meinen Freund. Der Faszination des Grauens. Sebastian war der Held des Abends. Ich sah ihn an diesem Abend mit circa sieben verschiedenen Frauen verkehren, eigentlich mit allen anwesenden, zumindest auf die eine oder andere Art. Ab und an blickte er sich suchend um, nach mir, wie ich annahm, doch stets wurde sein Kopf schnell wieder auf fremde Münder oder zwischen irgendwelche Schenkel und Brüste gedrückt. Ich konnte meinen Blick nicht von ihm wenden. Ich würde ihn nie wieder so sehen können wie zuvor. Ich verstand ihn nicht und ich wollte ihn auch nicht verstehen. Plötzlich war ich mir da absolut sicher. Das hier war nicht meine Welt. Seine offensichtlich schon, doch damit wollte ich nichts mehr zu tun haben. Ab und an musste ich einen der einzelnen Herren vertreiben, die mich bei meinen Beobachtungen kurz unterbrachen, sonst blieb ich ungestört. Als Sebastian nach anderthalb Stunden schweißüberströmt und mit zitternden Knien aus dem "Orgienzimmer" trat, saß ich noch immer auf dem Sofa und blickte ihm entgegen. Erschöpft sank er neben mich auf den Sitz. Er stank. "Vielleicht solltest du jetzt erst mal duschen?", schlug ich sachlich vor und rückte etwas von ihm ab. "Und ich hoffe, es ist dir recht, wenn wir dann auch bald hier verschwinden? Ich möchte nach Hause." Er sah aus, als müsse man ihn stützen, doch das war mir egal. Festen Schrittes ging ich vor ihm her die Treppen hoch, an der Bar vorbei, geradewegs zu den Umkleideräumen. Er folgte mir wortlos. Auch die Rückfahrt verlief schweigsam. Ich fuhr. Ab und an blickte ich zu ihm rüber, doch er wich meinem Blick aus. "Hat dir nicht so gefallen da, gell?", fragte er nach einer Weile. "Nö. Stimmt", antwortete ich. "Das ist wohl eher deine Welt als meine." In der Stadt parkte ich das Auto vor seiner Wohnung, schüttelte Sebastian zum Abschied die Hand und fuhr dann allein mit der U-Bahn nach Hause. Ich hatte immer Angst gehabt, dass unsere Beziehung eines Tages vorbei sein könnte. Jetzt fühlte ich mich erlöst, der Bann war gebrochen.

Fotos Rahel Dinkel
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