Kein Sex vor der Ehe

Elise wartet auf den Richtigen. In ihrer Hochzeitsnacht wird die 20-Jährige zum ersten Mal Sex haben. Warum beim Küssen für sie schon Schluss ist, erzählt sie hier

Warten auf den Richtigen

Auf den ersten Blick unterscheidet sich Elise aus Bamberg nicht groß von anderen Frauen Anfang 20. Sie liebt Salsa, macht gerade eine Ausbildung zur Ergotherapeutin und trifft sich gerne mit Freunden. Nur eine Kleinigkeit ist anders. Während deutsche Jugendliche ihr erstes Mal durchschnittlich mit 16,4 Jahren erleben, wartet Elise. Sie wartet auf den richtigen Mann. Erst wenn sie ihn gefunden und geheiratet hat, wird sie das erste Mal Sex haben. "Ich möchte mich nicht einer Person hingeben, bei der ich nicht die Sicherheit habe, dass sie mich liebt und mit mir ihr ganzes Leben verbringen möchte", sagt sie überzeugt.

Elise Wittenberg

Wie Elise denken laut einer aktuellen Studie des Kondomherstellers Durex rund ein Prozent aller Deutschen. In Zeiten, in denen Sex omnipräsent ist, wirken sie wie Exoten. Doch bei Michael Müller, dem Initiator der Organisation "Wahre Liebe Wartet", melden sich immer mehr junge Menschen. Seinen Schätzungen zufolge bekennen sich rund 20.000 Jugendliche in Deutschland zur Enthaltsamkeit vor der Ehe. Michael Müller sieht die Enthaltsamkeit als Signal: "Um Jugendlichen zu zeigen, dass Warten möglich ist. So machen wir einen uralten und zeitlosen Wert sichtbar."

Gelöbnis vor Gott

Michael Müller, Initiator der Organisation "Wahre Liebe Wartet

Mit der Unterschrift auf einer Gelöbniskarte von "Wahre Liebe Wartet" besiegelt man den Wunsch zu warten und schwört: "Durch die Gnade Gottes verpflichte ich mich ab heute vor Gott, mir selbst, meiner Familie, meinen Freunden und meinem zukünftigen Ehepartner, bis zum Tag meiner Heirat sexuell rein zu bleiben". Der 35 Jahre alte Michael Müller hatte dies einst selbst versprochen - noch bevor er seine zukünftige Ehefrau kennenlernte. Heute ist er verheiratet und hat eine Tochter.

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Sex als Geschenk

Tobias Brückner

Tobias Brückner steht das noch bevor. Denn auch der 28-jährige hat sich entschieden zu warten. "In erster Linie hat das mit meinem Glauben zu tun. Die Bibel bildet für mich die Grundlage, wie ich mein Leben leben möchte." Tobias ist streng christlich erzogen worden. Mit dem Thema Sex hat er sich trotzdem auseinandergesetzt. "Klar war ich mal verliebt und habe mir Gedanken darüber gemacht, wie ich mich in dieser Hinsicht verhalten möchte. Aber wenn ich bis zur Ehe warte, kann ich etwas mitbringen, was ich niemandem sonst geschenkt habe."

Beim Kuss ist Schluss

Auch Elise hat sich aus religiösen Gründen für das Warten entschieden. "Natürlich ist es schwierig, sich zu gedulden. Wenn man mit jemandem zusammen und sehr verliebt ist, fällt es einem umso schwerer. Man möchte sich hingeben. Aber wenn der Bund noch nicht von Gott abgesegnet ist, muss man sich disziplinieren." Elise hatte zweieinhalb Jahre einen Freund. Sie dachte, er wäre der Richtige. Doch es kam anders. Seit zwei Monaten hat sie einen neuen Freund und ist sehr glücklich darüber, gewartet zu haben.

Aber wie funktioniert dieser Balanceakt zwischen Beziehung und Enthaltsamkeit? Tobias hatte damit bis jetzt keine Probleme. "Wir haben vorher ganz klar gesagt, wo die Grenzen sind. Ab einem bestimmten Punkt, an dem klar wird, das es auf etwas Sexuelles hinausläuft, haben wir aufgehört", sagt er. Auch für Elise müssen Grenzen eingehalten werden. "Beim Kuss ist bei mir eigentlich schon Schluss", sagt sie.

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Viele von Elises und Tobias' Freunden leben anders. Sie haben einen Partner - und Sex. Das ist für beide kein Problem. "Ich finde es nicht richtig, wie die Gesellschaft mit Sexualität umgeht. Aber auf zwischenmenschlicher Ebene macht das für mich keinen Unterschied", betont Tobias. Tobias, der gerade sein Lehramtsstudium beendet hat, wurde nie wegen seiner Entscheidung ausgegrenzt. "Auf der Arbeit gab es natürlich mal Witze, aber damit kann ich leben."

Wer sich aufspart, so hoffen diejenigen, die warten, hat später eine festere und stabilere Ehe. Denn beide Partner haben ihre eigenen Bedürfnisse zurückgestellt und teilen ihre Sexualität nur miteinander. "Je öfter man Sex hatte, desto schneller vermisst man es und wird begierig danach. Dann wird man egoistisch und denkt an die eigenen körperlichen Bedürfnisse und nicht an den Partner", befürchtet Elise.

Sex als heiliges Geschenk für den zukünftigen Ehemann? Für viele unvorstellbar. Sexuelle Erfahrungen zu machen, gehört für die meisten zum Erwachsenenwerden dazu. Michael Müller sieht darin aber eine Gefahr. "Der Umgang mit Sexualität ist sehr prägend, dass kann man nicht wieder ausschalten. Ein Teil des Herzens geht für immer verloren."

Robin, Student aus Freiburg, ist ganz anderer Meinung. "Erfahrungen zu machen bedeutet nicht, etwas zu verlieren, sondern etwas zu gewinnen. Man lernt viel über sich selbst und seine Wünsche." Der 26-Jährige hat lange überlegt zu warten - und sich dann dagegen entschieden. "Es ist wichtig, seinen eigenen Körper kennenzulernen, um einen entspannten, selbstsicheren Umgang mit dem Partner zu haben. Das geht nicht von Null auf Hundert."

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Sex polarisiert

Sex polarisiert. Für die einen ist er die untrennbare und tiefe Vereinigung von Körper und Seele, für die anderen manchmal einfach die die Befriedung eines Verlangens. Die einen wollen nicht mehr auf das Recht verzichten, ihre Sexualität frei auszuleben, die anderen wollen gerade dagegen ein Zeichen setzen.

Elise, Tobias und andere setzen ein solches Zeichen. Allerdings propagieren "Wahre Liebe Wartet" und die US-amerikanische Mutterorganisation "True Love Waits" sexuelle Abstinenz auch als sichersten Schutz vor AIDS. Ihre Ansicht, die Immunschwäche statt durch Aufklärung mit Enthaltsamkeit zu bekämpfen, ist höchst umstritten. Denn wer nichts über Verhütung weiß, kann sich auch nicht vor HIV, anderen Geschlechtskrankheiten und ungewollten Schwangerschaften schützen. Egal, wann er zum ersten Mal Sex hat.

Text: cr
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