Kein Sexleben als Single - Alleinstehende erzählt

Diese Phasen kennt jede. Für manche ist es sogar der Dauerzustand. Trotzdem fällt es schwer, darüber zu reden – weiß auch BRIGITTE-Autorin Liane Christiansen und fragt sich, wie viel eigentlich normal ist. 

Ja, richtig gelesen. Ich hab keinen Sex. Da, ich hab’s rausgelassen. Normalerweise tue ich das nicht. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die sich dazu aufgerufen fühlen, vor anderen ihr Sexualleben auszubreiten. Ich mag es auch nicht, wenn andere das vor mir tun. So wie neulich bei einem Abendessen im Bekanntenkreis. Da hatte eigentlich jede und jeder eine lustige Bettgeschichte aus den letzten Wochen beizusteuern. Nur ich saß daneben, wurde immer kleiner und hoffte, sie würden möglichst bald das Thema wechseln. Taten sie aber nicht. Also sagte ich etwas. Keine Ahnung, woher plötzlich der Mut kam. Der Satz fiel einfach aus meinem Mund: Und ich hab gar keinen Sex.

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Mir war erst mal nach Ruhe 

Es ist erstaunlich, wie still Leute werden, die eben noch über Eskapaden berichtet haben, die man eher auf einschlägigen Internetseiten vermuten würde. Als wäre keinen Sex zu haben, eine furchtbare Krankheit, mit der sie sich jederzeit infizieren könnten. Ein Stigma, das sie zum Freak macht. Erst als wir an der Garderobe unsere Mäntel anzogen, traute sich jemand nachzufragen: Warum denn, wie lange schon, wie geht’s dir damit? Keine Ahnung. Wie soll’s mir schon damit gehen? Es ist eben so. Es ist einfach so passiert, hat sich so ergeben, eingeschlichen. Eine längere Beziehung ging zu Ende, und mir war erst mal nach Ruhe. Danach stellte ich fest, dass ich – anders als früher – nicht mehr der Typ für Affären bin. So war das. Ganz unspektakulär, vor einigen Jahren.

Jetzt fühlt es sich so an, als käme ich ab und an mal in die Garage, wo mein Fahrrad vor sich hinstaubt, und ich stelle fest: Ach, guck, Mensch, das hab ich ja ewig nicht mehr benutzt! Dabei ist es nicht so, dass mir die Ausfahrten aufs Land früher keinen Spaß gemacht hätten. Oder dass ich Radeln mittlerweile per se ablehne. Kein traumatischer Unfall, der mich für immer davon abhalten wird, jemals wieder in die Pedale zu treten. Und doch bin ich in den letzten Jahren prima ohne Fahrrad ausgekommen – ohne mir groß Gedanken darüber zu machen. Ich bin nie in Tränen ausgebrochen, habe nicht sehnsüchtig anderen Leuten hinterhergesehen und mich gefragt, in welche wunderbaren, mir leider verschlossenen Welten sie wohl unterwegs sind. Ich fahre einfach nicht mehr Fahrrad. Fertig.

Ohne Sex zu leben ist längst Normalität 

Das Seltsame ist: Ganz viele Menschen haben keinen Sex mehr – auch in Beziehungen. Darüber zu sprechen, scheint allerdings eines der letzten Tabus zu sein. Tatsächlich ist es längst Normalität, ohne Sex zu leben. Zumindest wenn man unter normal das versteht, was die Mehrheit tut. Der Langzeitstudie "7 Jahre länger" der Universität Leipzig zufolge sind jedenfalls nur noch 67 Prozent der erwachsenen Deutschen sexuell aktiv. Vor zehn Jahren waren es noch 73,7 Prozent. Das sieht zwar nicht nach Riesenunterschied aus, betrachtet man die Zahlen aber genauer, ergibt sich ein anderes Bild. Würden nämlich die Älteren nicht gegen den Trend lieben – 42 Prozent der Frauen zwischen 60 und 70 sind sexuell aktiv (1994 waren es nur 31 Prozent), bei den gleichaltrigen Männern sind es 62 Prozent –fiele die Differenz deutlich dramatischer aus.

Nur jede vierte Frau und jeder dritte Mann gaben an, in den letzten zwölf Monaten Verkehr gehabt zu haben. Am wenigsten ist ausgerechnet bei jenen los, von denen wir am meisten erwartet hätten – traditionell verbinden wir Lust und Leidenschaft ja gern mit Jugend. Doch 30 Prozent der Singles zwischen 18 und 30 geben an, im letzten Jahr keinen Sex gehabt zu haben. Das sind dreimal so viele wie noch vor zehn Jahren. Woran das liegt? Da wäre zum einen das Internet. In Umfragen bedeutet "Ich habe keinen Sex" schließlich nur "Ich habe keinen Sex mit anderen". Viele Fachleute gehen davon aus, dass Männer durch den jederzeit verfügbaren virtuellen Sex das Interesse an "partnerschaftlichem Verkehr" verlieren. Zum anderen sind gerade Jüngere häufiger und länger Single als früher, und Sex findet eben immer noch vor allem in Partnerschaften statt. Oft sind ihnen schlicht andere Dinge wie Ausbildung oder finanzielle Unabhängigkeit erst mal wichtiger.

Der Grund für Sexlosigkeit 

Magister Sandra Gathmann, Diplom-Sexualtherapeutin und Co-Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Sexualwissenschaften mit Praxis in Berlin, überrascht es nicht, dass sich das sogenannte Panda-Syndrom (die Bären gelten im Geschlechtlichen als extrem faul) immer mehr ausbreitet. Zu Gathmann kommen Menschen, für die Sex zum Problem geworden ist – oder seine Abwesenheit. Manche kommen, weil die Partnerin, der Partner oder beide finden, dass zu wenig läuft. Aber es gibt auch Paare, für die es grundsätzlich in Ordnung ist, die sich jedoch unter Druck gesetzt fühlen oder sich selbst Druck machen, weil sie glauben, nicht der Norm zu entsprechen.

Dabei kann ausgerechnet eine besonders harmonische Beziehung der Grund für Sexlosigkeit sein. "Lust lebt ja oft von Fremdheit, von Unterschieden, Machtgefällen. Und wenn man eine gute demokratische Beziehung auf Augenhöhe führt, kann das die leidenschaftliche Sexualität gefährden", sagt Sandra Gathmann. Problematisch werde es nur, wenn es auch als Problem wahrgenommen wird. "Wenn beide Partner so ganz zufrieden sind, warum sollten sie das dann ändern? Es gibt Paare, die leben ohne Sex glücklich. Dass man sich selbst die Erlaubnis zur Unlust gibt: Auch das kann ein gutes Therapie-Ergebnis sein. Viele wissen gar nicht, dass man das darf."

Als Single keinen Sex zu haben, ist etwas anderes. Ich werde zwar komisch angeguckt, aber es ist meine individuelle Entscheidung, die ich nur mit mir selbst verhandeln muss. Trotzdem suchen auch Einzelpersonen Sandra Gathmann auf. Sie leiden häufig an den gesellschaftlichen Erwartungen und kreisen um Fragen wie: Ist es nicht unmännlich, kein Interesse an Sex zu haben? Bin ich als Frau nicht die Doofe, wenn ich meine Reize nicht auszuspielen weiß?

Wer guten Sex will, muss mittelmäßigen in Kauf nehmen

Aber wer sagt denn, dass es einen Sollwert gibt, wie viel oder wenig Sex normal ist? Erstens einmal sind nicht alle Menschen gleich, und zweitens gibt auch für Enthaltsamkeit gute Gründe. Sex ohne menschliche Nähe finde ich zum Beispiel reizlos. Aber menschliche Nähe verlangt wiederum einen gewissen Aufwand: herantasten, verhandeln, die Auseinandersetzung mit den eigenen Unzulänglichkeiten und mit denen des Gegenübers, Beziehungskrisen – und jede Menge miesen Sex. Denn: Wer guten Sex will, muss mittelmäßigen in Kauf nehmen. So wie wir nicht jedes Mal die perfekte Präsentation abliefern, nicht jedes Mal die perfekte Spaghettisoße kochen, nicht jedes Mal Bestzeit laufen, so ist auch nicht jeder Koitus der Wahnsinn. Für mich und viele andere stimmt da das Einsatz-Effekt-Verhältnis einfach nicht. Da gucke ich lieber Netflix.

"Das größte Problem ist", sagt Sexualtherapeutin Sandra Gathmann, "dass man über Menschen spricht und nicht mit ihnen." Wir sind also wie unsere Großeltern: Wir reden nicht ehrlich über Sex, wir machen uns und anderen etwas vor und tragen so zu unrealistischen Vorstellungen bei.

Ein paar Tage nach dem eingangs erwähnten Abendessen saß ich mit einigen Frauen zusammen, manche gebunden, manche Singles. Und wie sich herausstellte, nahm jede an, die anderen hätten mehr Sex als sie selbst. Die Frauen mit Partnerschaft dachten das von den Singles, die ihrer Vorstellung nach jederzeit losziehen und jemanden abschleppen können. Und die Singles erwarteten es von denen mit Anhang, weil der schließlich jederzeit verfügbar ist. Es wurde ein schöner, ein entlastender Abend. Denn am Ende gingen wir alle mit dem guten Gefühl nach Hause, uns gar keine Sorgen um zu wenig Sex machen zu müssen. Wir sind keine Freaks, wir sind normal.

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BRIGITTE 22/2019

Wer hier schreibt:

Liane Christiansen
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