Kuschelpartys: Kuschel Dir einen

Woran denken Sie so, wenn Ihnen der Mann auf der rechten Seite über die Oberschenkel streichelt und eine Frau wohlig schnurrend auf Ihnen liegt? Genau. Ehrlich gesagt: Ich auch. Dabei geht es hier gar nicht um Sex. Sagen die Veranstalter. Oder doch? Eindrücke von der ersten offiziellen Hamburger Kuschelparty.

"Lockere Kleidung" stand in der Einladung, weshalb sich jetzt 24 Menschen in eine enge Umkleidekabine drängeln, in aprikosen- und brombeerfarbene Jogginghosen schlüpfen und ihre Schuhe gegen Frotteesocken mit aufgedruckter Anti-Rutsch-Sohle tauschen. Würden nicht Schilder im Treppenhaus hängen, auf denen unübersehbar groß "Kuschelparty" steht, dann könnte man das Treiben für das Warm-up eines orthopädischen Rückengymnastik-Kurses halten.

Nebenan sitzen schon ein paar Kuschelkandidaten auf roten Sitzkissen im Kreis, meditieren, saugen Kuschelenergien auf, starren vor sich hin, so oder so, man gibt sich jedenfalls Mühe, niemanden anzugucken. Wer hierher kommt, kommt allein.

Der Raum ist kahl, von wegen Kamin und Kerzen, Kuscheln sieht hier aus wie eine Krankenkassenleistung: Spiegelblankes Parkett, hellgelbe Wände, Wasserflecken, ein Stapel Schaumstoffmatten mit rosa Frotteespannbettlaken, Jalousien vor den Fenstern. Es bleibt noch ein bisschen Zeit, sich von diesem Ort wegzuwünschen und zu beten, dass nicht gleich einer der Arbeitskollegen den Raum betritt.

Mit gesenktem Blick mustere ich meine Mitkuschler. Mit wem hier würde ich eigentlich kuscheln wollen? Dreizehn Frauen sind jetzt da, neun Männer, eine Interessengemeinschaft der Einsamen, einige recht hübsch, andere nicht, Hausfrauen, Studentinnen, ein Musiker, ein Computerfachmann, niemand wirklich unsympathisch und niemand, der auf den ersten Blick aussieht wie ein Sexmonster. Alle sind zwischen 25 und 50, mit einer deutlichen Konzentration um die 40 herum.

Was tust Du hier? Du könntest jederzeit einen Freund finden

Ich beschließe, mit wem ich unter gar keinen Umständen kuscheln will: Nicht mit Angelo, mit dem wirren Haar und der merkwürdigen Jogginghose, die um seinen dürren Körper schlabbert. Auch nicht mit Matthias, nicht mit Peter oder Jens. Bierbauchwölbungen, Hornbrillen, graue Haare, bloß nicht. Vielleicht noch eher mit den Frauen. Mel sieht nett aus. Julie. Gabriele.

Mein Herz wummert plötzlich gegen den Brustkorb, eine Stimme in meinem Kopf hämmert gegen meine Schädeldecke: Du bist total durchgeknallt, sitzt hier zwischen lauter fremden Menschen und überlegst, mit wem Du dich hier gleich auf dem Boden wälzen wirst? Wozu eigentlich? Was tust Du hier? Du bist nicht beziehungsgestört, Du bist nicht hässlich, Du könntest jederzeit einen Freund finden. Ok, Du bist im Moment ein bisschen einsam. Aber ist das ein Grund, sich mit fremden Menschen zum organisierten Gruppenstreicheln zu treffen? Etwas zu tun, was Du sonst nur mit Männern austauschst, die Du wenigstens ein paar Wochen kennst, die Du attraktiv findest und in die Du meist so hoffnungslos verknallt bist, dass Du dir schon vorstellst, wie eure gemeinsamen Kinder aussehen werden?

Bevor meine Beine den Fluchtgedanken in die Tat umsetzen können, ist es zu spät. "Schön, dass ihr alle hier seid", begrüßen die Kuscheltrainer Inka und Shanti die Runde. Beide lächeln so entspannt über das ganze Gesicht, als wären sie in einem Dauerkuschelkoma. Nacheinander erzählt jeder, warum er hier ist: Eine junge Physiotherapeutin will nicht nur andere berühren, sondern selber berührt werden. Florian, ein angehender Körpertherapeut, hübsch, mit wuscheligen blonden Locken, will "satt werden und andere satt machen". Ich beschließe: Auch mit Florian will ich lieber nicht kuscheln.

Matten, Endzwanziger mit Pferdeschwanz, hat mal wieder Lust auf einen "richtigen Kuschelhaufen". Emily studiert die menschliche Kommunikation und will erleben, wie Fremde miteinander kuscheln. "Weil ich im Alltag viel zu wenig Berührungen abbekomme", sagt eine Frau. "Wir reden einfach zu viel und berühren uns zu wenig."

So lang wie ein Kinofilm und auch nicht viel teurer

Die Kuschelparty verspricht genau das Gegenteil: Wenig Worte und viel Berührung. Erfunden wurde die Kuschelparty in New York, sie hat die Großstädte der westlichen Welt in Windeseile erobert - und nach Berlin und München ist die schnelle, effektive Fast-Food-Zärtlichkeit für Großstadtsingles nun auch in Hamburg angekommen: Kuscheln auf Knopfdruck, so lang wie ein Kinofilm und auch nicht viel teurer. Ohne dass man sich für den Anderen interessieren muss, ohne zu wissen, wie er heißt, was er tut, was ihn bewegt.

Kuscheln aufs Körperliche reduziert, ohne Gefühle zu investieren. Muss es trotzdem schlecht sein? "Kuscheln macht glücklich", stand in der Einladung unter dem Foto eines schnurrenden Löwenbabys. Und darunter: "Gönn' Dir einen Abend voll Nähe und Geborgenheit. Sich und andere spüren in entspannter Atmosphäre."

Nur ein paar Grundregeln gibt es, sonst ist alles erlaubt: Kein Sex, Kleidung bleibt angezogen und immer schön um Erlaubnis fragen. "Natürlich ist Kuscheln und Sex schwer voneinander zu trennen", wirft Inka ein. "Erregende Gefühle kommen bestimmt hoch, also spürt die sexuelle Energie und genießt sie. Spielt! Geht so weit ihr wollt! Zieht euch zurück, wenn ihr wollt! Seid mutig! Nutzt die Schutzzone dieses Raumes!"

Scheu stehen wir uns gegenüber. "Und jetzt begrüßt euch", sagt Inka. "Hallo", sage ich zu Gabriele. "Hallo", sagt sie. Wir stehen einen Meter voreinander und sehen uns an. Unsicher, wie kuschelt man schon auf Befehl? "Du bist auch das erste Mal auf einer Kuschelparty, was?", fragt Gabriele, lacht unsicher und geht weiter. Langsam werden wir lockerer, nehmen die anderen in den Arm. Manche Teilnehmer küssen sich. Halten sich minutenlang im Arm. Danach wird geübt, Kuschelangebote abzulehnen. Niemand soll mit jemandem kuscheln müssen, mit dem er nicht kuscheln will. Danach kommt die Ja-Übung. Aufeinander zugehen. Fragen: Ja? Auf die Antwort warten: Ja.

Wie viel Intimität kann man mit einem völlig Fremden teilen?

Sebastian steht mir gegenüber, von dem ich nicht mehr weiß als seinen Namen, weil er den wie wir alle auf einem Kreppstreifen auf seiner Brust kleben hat. Und jetzt steht er vor mir, ein verschwitzter Jüngling mit himmelblauem Hemd, und fragt: "Darf ich deinen Mund küssen?"

Ich würde mich am liebsten umdrehen und gehen. Wie viel Nähe und Intimität kann man mit einem völlig Fremden teilen? Warum ist er überhaupt hier? Nur zum Kuscheln? Ist Küssen denn nicht schon viel mehr? Dann schiebe ich mir ein Lächeln in die Mundwinkel und sage lässig und möglichst bestimmt: "Nein, danke." "Und deine Nase?", fragt Sebastian und rückt näher. "Nee, die auch nicht." "Darf ich dir an den Hals pusten?" "Warum das denn?" "Also ja?" "Nein, natürlich nicht." "Darf ich deine Wange streicheln?" Ich überlege. "Mmh", sage ich dann. "Wenn Du unbedingt willst."

Danach soll richtig gekuschelt werden. Wir setzen uns in einen Kreis, wie Dominosteine hintereinander. Ich kraule den Nacken meines Partners und blinzele zu den anderen herüber. Die meisten haben die Augen geschlossen, umarmen denjenigen, der vor ihnen sitzt, massieren seinen Kopf, walken Schultern, kraulen Ohren, streicheln über die Brüste, über Arme und Hände, Finger verschränken sich ineinander. Hinter mir sitzt Florian, er streichelt meine Arme und sagt: "Ich will mit dir alleine kuscheln."

Wie jetzt, alleine kuscheln? "Mmh", sage ich. "Mmh?" echot er. Ich nicke. "Also ja." Wir kippen aus dem Kreis, liegen Nasenspitze an Nasenspitze, zu eng, um nicht zu bemerken, dass er raucht. Zu eng auch, um sich zu unterhalten. Was sollte man sich auch erzählen? "Ich mag die Löffelchenstellung", sagt Florian. Seine Hand fährt inzwischen über meinen Rücken. Ist das jetzt die Variante Swingerclub für Verklemmte? Gruppensex, bloß angezogen? Florian streichelt weiter und weiter, und ich zwinge meine Hand, seine Locken zu streicheln, presse die Augen zu und stelle mir vor, es wären die Locken meines Ex-Freundes. Celine Dion singt. Jewel singt. Irgendwer singt, "Just the Two of Us". Ich konzentriere mich auf die Musik - und entspanne mich langsam.

Eine fremde Hand tastet sich an meiner Wade hoch

Über den Köpfen liegt jetzt ein Gemurmel. Überall haben sich jetzt Menschen zusammengerollt, zu zweit, zu dritt, zu viert, übereinander, nebeneinander, ineinander, kreuz und quer. Manche küssen sich. Drücken ihre Hüften aneinander. Reiben. Es wird wenig geredet und viel geseufzt, manchmal ruft jemand: "Hilfe, der Peter zerkrümelt unter uns." Oder: "Wo ist denn der Jens?" Jens liegt stumm unter drei Frauen und lächelt selig.

Auch um uns bildet sich ein Kuschelhaufen. "Darf ich mich zu euch kuscheln?", fragt Julie und wir streicheln uns gegenseitig die Hände, fünf Minuten, zehn Minuten. Eine weibliche Stimme fragt: "Darf ich mich auf dich legen?" Ich stimme zu und sie legt sich auf meinen Rücken, krault meinen Nacken und fängt wohlig an zu schnurren. Wir sprechen nicht, erst nach ein paar Minuten frage ich sie: "Wer bist du denn?" - "Ich bin die Mel", sagt Mel.

Sebastian, der mich vorhin schon küssen wollte, robbt heran und saugt sich an meinem Hals fest. Aber jetzt ist es mir komischerweise egal. Überhaupt merkwürdig, wie normal mir diese Situation plötzlich vorkommt. Ich wundere mich, über mich selbst vor allem, und bin gleichzeitig ein bisschen erschrocken. Ist das hier normal? Oder ziemlich irre? Oder ist es eigentlich eher irre, in einer Gesellschaft zu leben, in der so etwas Lebenswichtiges wie Körperkontakt als sexuelle Belästigung gilt? Eine fremde Hand tastet sich an meiner Wade hoch, unter der Hose. Ich habe inzwischen so viele Hände auf meinem Körper, dass ich nicht mehr weiß, wer das nun wieder ist. "Ich würde jetzt am liebsten die ganze Welt umarmen", seufzt Mel.

Ein riesiger Bewegungsteppich wabert auf den Schaumstoffmatten, ein einziges Streicheln, Kneten, Massieren, Kraulen. Es ist ein bisschen wie beim Sandkastenraufen im Kindergarten, bloß sanfter, Frisuren sind zerkuschelt, Gesichter gerötet, T-Shirts verrutscht. Es wird gekichert und gelacht, die Anspannung ist gewichen, gelöst sehen alle aus, locker, glücklich. Vermutlich ist das jetzt der Punkt, an dem das gekuschelte Unterbewusstsein sich denkt: Ich fühle jetzt Geborgenheit, Nähe und Zuneigung und meine Stresshormone bauen sich gerade ruckzuck von selber ab.

Wer aufsteht, tanzt umher, dreht sich wie ein Kreisel

"Ihr müsst euch jetzt langsam wieder lösen", insistiert Shanti sanft. Das heruntergedimmte Licht wird wieder hochgedreht. Es ist 22 Uhr und der Film ist zu Ende. "Och, schon", seufzen die meisten. Einige bleiben noch liegen, zusammengerollt, andere hocken sich im Schneidersitz gegenüber, fest umschlungen, und wiegen sich ekstatisch hin und her. Andere kauern am Boden und starren nur vor sich hin, ein Lächeln im Gesicht.

Wer aufsteht, tanzt umher. "Life, oh Life, dooo, doot, dooo", singt Des’ree. Sie drehen sich mit überkreuzten Armen wie Kreisel und juchzen dazu, hüpfen, schleudern sich durch die Gegend, heben sich gegenseitig hoch oder tanzen eng umschlungen. Manchmal bleiben zwei Menschen voreinander stehen, nehmen sich in den Arm, verharren einige Minuten bewegungslos, dann lassen sie sich wieder los, lächeln und gehen weiter.

Dann ist die Party zu Ende, auch die letzten stehen jetzt schwankend auf, herausgerissen aus der Welt, in die sie zwei Stunden versunken sind. Sie ziehen sich um, Handys werden eingeschaltet, man verabschiedet sich. Geht wieder auseinander. Niemand tauscht Telefonnummern aus, was hier funktioniert, geht draußen nicht. Im Flur nimmt Angelo meine Hände, er strahlt mich an: "Du sieht jetzt ganz anders aus als vorher."

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