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Leseprobe: "Bordsteinschwalbe" aus "Bester Sex"


Lesen Sie hier die 3. Geschichte vom besten Sex aus dem Buch von Ina Küper und Marlene Burba. Erschienen bei Schwarzkopf & Schwarzkopf am 15. September.

Interview mit Ina Küper: "Bester Sex" - was Frauen erregt

Catharina (25), Studentin, Hamburg über Christian (28), Student, Hamburg

Leseprobe: "Bordsteinschwalbe" aus "Bester Sex"
© PR

Manchmal habe ich das Gefühl, mein Leben besteht zum Großteil aus Vorspielen - Zustände des freudig erregten Wartens auf ein bevorstehendes Ereignis. Weihnachten, Geburtstage, Sommerferien - und Sex.

Leider verhält es sich in den meisten Fällen so, dass die Erwartungen an die bevorstehenden Highlights proportional zur Dauer der Warteschleife, in der man sich befindet, steigen. Die Folgen sind 1. Nichteintreten der erhofften Erfüllung und 2. ein spurloses Vorbeiziehen der Gegenwart. Will heißen: Man kriegt nichts mit, weil man nur wartet, bekommt nicht die Erfüllung, die man sich vorgestellt hat und ärgert sich zusätzlich, dass man nichts mitgekriegt hat.

So ging es mir bisher auch mit meinen Liebhabern - die Erwartungen waren groß, das Vorspiel dauerte und dauerte (manchmal sogar so lange, dass ich vor Langeweile den nächsten Tag planen konnte) und wenn es endlich zur Sache ging, konnte niemand mehr den vorher meterhoch aufgetürmten Erwartungen entsprechen. Das Ganze war schlicht zum Scheitern verurteilt.

Von schlechtem Sex konnte ich Lieder in Endlosschleife abspielen.

Das Schlimmste an der ganzen Sache: Ich dachte, dass das Problem ausnahmsweise mal nicht beim männlichen Part lag. Gedanken wie "... schraub deine Erwartungen nicht so hoch ... einfach mal den Moment genießen ... aber wie? ... vielleicht hilft Yoga ... Tai-Chi ... sollte man mal ausprobieren ... ja, gute Idee ... direkt nächste Woche anmelden ... das kann ja nicht so weitergehen ...", vernebelten mein Gehirn, und ich drohte, mal wieder im Erwartungssog zu versinken. Aus diesem Grund konnte ich lange Zeit - und nicht gerade mit Stolz erfüllt – von mir behaupten, noch nie einen Orgasmus gehabt zu haben. Von schlechtem Sex und peinlichen Momenten danach, in denen ich zu Bewertungen eben dieses schlechten Sex aufgefordert wurde und dabei immer versuchte, einen Gesichtsausdruck glücklich befriedigter Entzückung aufzusetzen, konnte ich Lieder in Endlosschleife abspielen.

Umso prägender war deshalb diese eine Nacht im September, in der ich live und in Farbe miterlebte, was Menschen meinen, wenn sie von gutem Sex sprechen. Ich war mit meinem damaligen Freund seit gut eineinhalb Jahren zusammen. Unser Liebesleben ließ sich als "eher durchschnittlich" beschreiben - und wir alle wissen, dass man das nicht als Kompliment werten kann.

Nach anfänglichen, verliebtheits- und schüchternheitsbedingten Holprigkeiten im Bett, folgte die Phase des Aufeinandereingehens und Entdeckens. Diese wurde abgelöst von einem kurzen Intermezzo des Ausprobierens (mal vermeintlich unkonventioneller Orte wie der Dusche oder des Autorücksitzes) und endete schließlich in der Routinefickphase. Was, zugegeben, angesichts der Kürze unserer Beziehung verfrüht war (wie mir von diversen Freundinnen bestätigt wurde).

Ein Grund mehr für mich, noch höhere Erwartungen an mich, an unsere Beziehung und an unser Routinefickverhalten zu stellen. Wenn schon Routine, dann wenigstens qualitativ hochwertige! Die Folge: Auf ein Rumgezicke folgte das nächste und ich spielte mit dem Gedanken, mich zu trennen.

Wenn schon Routine, dann wenigstens qualitativ hochwertige!

Nach unzähligen Gesprächen mit Freundinnen, in denen wir das Pro und Kontra meiner Beziehung ausführlich erörterten, wollte ich die Trennung als letzten Akt zwischen uns beiden endlich an besagtem Abend im September vollziehen. Wir hatten uns zum Essen in seiner Wohnung verabredet. Meine Ankündigung, ich müsse dringend mit ihm reden, hatte die Möglichkeiten an Konversationsthemen ohnehin schon eingeschränkt – eine solche Ankündigung lässt schließlich auch bei Männern kaum Fragen offen. Mit flauem Gefühl im Magen und einem zu meiner Verfassung unpassenden, weil sexy-selbstbewussten Styling, fuhr ich am Abend mit dem Fahrrad zu seiner Wohnung. Ich fror auf dem Weg. Nicht nur mein seelischer Zustand kühlte meinen Körper auf gefühlte fünf Grad - es war der erste richtig herbstliche Abend. Ein guter Abend, um das Ganze zu beenden, dachte ich sinnentleert vor mich hin. Ich wusste nicht wirklich, warum das jetzt ein guter Abend für die Beerdigung meiner Beziehung sein sollte, aber der Gedanke beruhigte mich irgendwie.

Umso überraschter war ich, als ich die Wohnung meines Noch-Freundes betrat und er mir, gut gelaunt, ein Glas Wein anbot. Erst fühlte ich mich verarscht, dann dämmerte mir, dass es sich hier schlichtweg um einen Fall von typisch männlicher Verdrängung handeln musste. "Du", begann ich, "eigentlich wollte ich ..." "Jaja", unterbrach er mich mit einem breiten Lächeln, "aber erst die Pasta!" Verwirrt starrte ich auf das Menü, das er in diesem Moment vor mir aufbaute. Was wurde hier gespielt?

Irgendwann zwischen Hauptgang, Dessert und dem zweiten Glas Wein, wurde meine Verwirrung von einer Art Gelassenheit abgelöst. Was soll's, sagte ich mir, so ist es doch viel lustiger. Schluss machen kannst du morgen immer noch. Hab einfach noch einen unvergesslichen Abend! Und den hatten wir: Nachdem der Wein geleert war, fingen wir an, unfassbar schief zu singen und in peinlichster Art und Weise durch die Wohnung zu tanzen. Dann fanden wir, es wäre Zeit, die Welt an unserer guten Laune teilhaben zu lassen und in irgendeinen Club zu gehen.

In den frühen Morgenstunden wankten wir Richtung Heimat. In mir machte sich gerade ein wohliges Gefühl von Entspannung breit, als mein Freund stehen blieb, mich anschaute und sagte: "Ich weiß schon, was du mir heute sagen wolltest, ich fand es nur besser, wenigstens noch diesen einen Abend so stressfrei wie möglich zu gestalten. Ich meine ... Stress hatten wir in letzter Zeit genug und ich habe auch schon daran gedacht, mich zu trennen ..." Wie bitte? Was erzählte er da? Zum zweiten Mal in dieser Nacht glaubte ich, im falschen Film zu sein.

Als ich meinen BH fallen ließ, war ich in eine völlig neue Rolle geschlüpft.

"Ach komm schon, du musst doch zugeben, dass es nur noch krampfig zwischen uns ist - kein Wunder, so angespannt wie du immer bist." "Was? Jetzt ist das alles meine Schuld oder wie?", entfuhr es mir. "Was soll das überhaupt: 'so angespannt wie du immer bist'?!" "Naja, du bezeichnest dich doch nicht etwa als locker, oder?" "Keine Ahnung ... was soll das eigentlich heißen? Definier das erst mal!" "Zum Beispiel würdest du nie etwas tun, was irgendein Risiko mit sich bringt, was dich angreifbar macht." "Aha. Versteh ich nicht. Was soll das denn sein? Nein, warte. Denk dir was aus, was ich tun soll. Ich wette, ich mach's."Ich funkelte ihn angriffslustig an. Er überlegte einen Moment. "Okay ... du würdest niemals nackt jetzt hier durch die Gegend laufen." "Was soll das denn bitte? Das ist doch total albern. Außerdem ist es kalt." "Siehst du. Du redest dich heraus. Hab ich doch gesagt." Er zuckte mit den Schultern und ging weiter. Ich blieb stehen, überlegte einen Moment, öffnete die Knöpfe meines Mantels, zog ihn aus und warf ihn auf den Boden. "Siehst du!", rief ich ihm hinterher. "Ich tu's doch!"

Er drehte sich um, sah mich überrascht an und kam langsam auf mich zu. Ich streifte mir den Pullover über den Kopf, dann mein Shirt. Ich sah ihn an. Nicht mehr fragend, erwartend oder feindselig - nur noch entschlossen, etwas zu tun, was ich wollte. Als ich meinen BH öffnete, über die Schultern streifte und auf den Boden fallen ließ, war ich in eine völlig neue Rolle geschlüpft – ich war jetzt diejenige, die spielte, die die Zügel in der Hand hielt.

Er stand jetzt ganz dicht vor mir, legte eine Hand auf meinen Rücken, zog mich fest an sich und küsste mich – fordernd und zärtlich zugleich. Ich entzog mich seiner Umarmung. Die Ansage war nackt. Ich öffnete die Knöpfe meiner Jeans, wir blickten uns ohne Unterbrechung in die Augen. Es war ein kämpferisch-leidenschaftlicher Blick, ein Blick wie man sich ihn zuwirft, wenn man sich einfach nur noch will, wenn das körperliche Verlangen nach einander so groß ist, dass es weh tut. Als auch Hose und Stiefel neben mir auf dem Asphalt lagen, drückte er mich an sich und küsste mich erneut.

Ich fühlte mich wie purer Sex.

Es gab dieses Mal nur ihn, mich und den Kuss. Keine Erwartungen, kein Infragestellen, keinen Druck. Ich fühlte mich wie purer Sex, nicht sexy, nicht begehrenswert, nur noch wie Sex. Während wir auf den Bordstein sanken, öffnete er seine Hose. Ich setzte mich auf ihn. Seine Hand lag in meinem Nacken, die andere umfasste meine Taille, warm und fest. Sein Mund tastete sich langsam meinen Hals herab, bis zu der kleinen Vertiefung zwischen den Schlüsselbeinen. Dort verharrte er kurz. Weiche Lippen, warmer Atem, fordernde Hände. Die Mischung machte mich wehrlos und geil. Er angezogen, ich nackt, auf einem Bordstein sitzend - eine Situation, die sich dreckig, nuttig und großartig anfühlte. "Ich will deinen Schwanz!" Mein jahrelang aufgestautes Verlangen hatte vollkommen Besitz von mir ergriffen. Ich hob meine Hüfte leicht an, tastete mit einer Hand an ihm hinab und umfasste seinen harten Schwanz. Noch nie hatte es sich so gut angefühlt, als er in mich eindrang. Ein Prickeln lief über meinen Rücken und breitete sich in meinem Körper aus. Er stöhnte leise in mein Ohr, als ich langsam begann, meine Hüfte zu bewegen. Meine Bewegung wurde immer fordernder. Zwei Körper. Lust. Nicht mehr denken, nur noch sein.

Ich hatte völlig vergessen, wo ich war. Es existierten nur noch wir beide, die wir zum ersten Mal nach eineinhalb Jahren Vorspiel eins wurden. Ich weiß nicht, ob er wusste, was seine Herausforderung in mir bewirkte, oder ob es einfach ein Gefüge von vielen kleinen Puzzleteilen war, aber als wir die restlichen hundert Meter zu seiner Wohnung gingen, sein Arm um meine Taille, fühlte ich mich ihm so nah wie noch nie. Ich konnte mich ja auch noch nächste Woche trennen...


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